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Mehr als tausend Worte

  • 10.10.2025
  • Tekal
  • Zeitungsartikel
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Über die Wirkmacht der Bilder.

Der Mensch ist ein Schauer. Er schaut nicht nur gerne und oft in der Gegend herum oder Löcher in den Himmel, er liebt es auch, Bilder anzuschauen, denn man sieht nur mit den Augen gut, das Herz ist vergleichsweise eine blinde Nuss – so oder so ähnlich hat es Saint-Exupéry auch einst beschrieben.

Darüber hinaus ist das Auge ein Sinnesorgan, dem man blind vertraut. „Ich habe es mit eigenen Augen gesehen“ wird höher gewertet als „ich habe es mit eigener Nase gerochen“. Spätestens seit der Anosmie, die sich so mancher beim Coronaschnupfen zugezogen hat, zweifelt man an der Zuverlässigkeit dieses Organs, eine Mozarttorte von einem verschimmelten Gugelhupf unterscheiden zu können. Auch Fernsehen ist viel beliebter als Fernriechen, denn wir sind bildfixierte Wesen, lieben die kleinen Icons, die uns die Welt erklären und scrollen durch unzählige Filmchen auf TikTok. Und wir schenken den Bildern unseren Glauben.

Doch immer häufiger wird dabei getrickst und unser Glaube auf die Probe gestellt: Ist das, was wir sehen, nun echt oder ein Fake? Immerhin ist die Geschichte der Manipulationen der Darstellung so alt wie die Darstellungen selbst. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob die Venus von Willendorf tatsächlich so ausgesehen hat – sie muss meines Erachtens etwas größer gewesen sein. Es ist jedoch nicht einmal nötig, Bildnisse zu retuschieren, um einen Herrscher gefälliger, den Gegner grausamer oder die schäbige Immobilie wie ein Luxuschalet aussehen zu lassen. Man kann völlig unbearbeitet von derselben Stadt, demselben Krieg oder demselben Kindergeburtstag zwei völlig unterschiedliche, aber echte Bilder erstellen. Je nach Blickwinkel der Kamera.

Die junge Generation ist längst nicht mehr so einfältig. Während wir begeistert Bilder von Pinguinen verschicken, die beim Kite-Surfen in die Kamera lächeln, holt sie uns mit „Das ist Fake, Papa!“ auf den Boden der Realität zurück. Dabei sieht der surfende Vogel doch so verdammt realistisch aus. Selbst der Videoclip, in dem ein Baby am Rücken eines Warans zum Papst reitet, der die beiden in einer weißen Daunenjacke segnet, soll nicht echt sein, sondern KI-generiert. Schlecht für den Naturfotografen, der ein gefühltes Jahrzehnt lang in der senegalesischen Savanne auf der Lauer liegt, um eine Nahaufnahme eines Löwen zu machen – und damit auch sein letztes Foto, das nicht aus dem Inneren des Raubtieres kommt. Nur damit die Rezipienten dann sagen: Das ist KI.

Es ist einerseits schade, dass heutzutage derart viel gefälschte Realität im Umlauf ist. Früher waren Fotos für uns Beweise. Durch die KI haben sie ihre Unschuld verloren. Oder wir haben einfach jene gesunde Portion Skepsis erlangt, die wir den Beweisfotos vielleicht immer schon zukommen hätten lassen sollen. Danke, liebe KI für dieses Lehrstück.

Es ist jedoch irrelevant, ob man mit dem Herz besser sieht als mit den Augen. Man kann nur mit dem Willen gut sehen. Anders gesagt: Wir sehen, was wir sehen wollen.

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Titel
Mehr als tausend Worte
Schlagwort
Tekal
Publikationsdatum
10.10.2025
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 43/2025
Bildnachweise
Ronny Tekal mit zugeklebtem Mund /© Thomas Kainrath