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Ärzte Woche

15.10.2020 | Tekal | Ausgabe 42/2020

Nebenwirkungen

Medizinische Majestätsbeleidigung

Autoren:
Dr. Ronny Tekal, Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Nicht nur Monarchen wird das Namens-Patronat für Krankenhäuser aberkannt.

Sprache ist mehr als Kommunikation, sie spiegelt die gesellschaftlichen Machtverhältnisse wider. Bereits einfache Satzbausteine wie „Bring den Müll raus!“, „Schwester, Tupfer!“ oder „Der Nächste, bitte!“ beschreiben eine Hierarchie. Doch die Sprache verändert sich, wird politisch korrekter und sozial zeitgemäßer. So wurden, im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung, Produkte wie „Uncle Ben’s“-Reis und dunkle „Afrika“-Kekse umbenannt. Das „Zigeuner-Schnitzel“ verschwindet aus den Speisekarten und auch der „Mohr im Hemd“ wird von Gastwirten als „Mohr im Schlafrock“ angepriesen.

Im Gesundheitssektor ist die Wiener „Mohrenapotheke“ in den Fokus der Kritik gerückt, man überlegt eine Umbenennung. Am billigsten, wenngleich auch sinnbefreitesten, wäre die Änderung in Möhren-Apotheke. Alternativ könnte ich mir aber auch die Schlafrock-Apotheke vorstellen. Ein namensverwandtes Krankenhaus „zu den drei Mohren“ gibt es hierzulande zwar nicht, wohl aber sah man sich gezwungen, für die Linzer Klinik den umstrittenen Wagner-Jauregg gegen den unbescholteneren Herrn Kepler als Namenspatron auszutauschen.

Auch die Wiener müssen nun von lieb gewordenen Namen Abschied nehmen. Die Monarchie scheint, 100 Jahre nach ihrem Ableben, im Spitalsbereich zu enden. Die Franz-Josefs und Rudolfs werden durch nüchterne Bezirksbezeichnungen ersetzt. Natürlich ist es praktischer, einem Taxilenker anzusagen, man möge in die „Klinik Favoriten“, als in das „Sozialmedizinische Zentrum Süd – Kaiser-Franz-Josef-Spital mit Gottfried von Preyer’schem Kinderspital“. Denn bis man das ausgesprochen hat, stehen bereits 10 Euro am Taxameter. Dennoch klingt Klinik Ottakring statt Wilhelminenspital bzw. Klinik Landstraße statt Rudolfstiftung fremd in den Ohren.

Tatsächlich ist es schwer, von sprachlichen Gewohnheiten Abschied zu nehmen. Sprache verändert sich. Wir sagen heute nicht mehr „Derohalben wird der putzwunderliche Hagestolz zum Eidam“, sondern „der verhaltensoriginelle Lebensabschnittsgefährte geht eine eingetragene Partnerschaft ein“. Jede Umgewöhnung braucht Zeit, haben wir doch noch Jahre nach der Euro-Einführung im Kopf in Schilling gerechnet.

Auch die Medizin weigert sich beharrlich, die seit den 1970er-Jahren nicht mehr zulässigen Einheit „mmHg“ fallenzulassen. Ein Sinnbild nicht nur für starre Arterien, sondern auch eine starre Medizin, die mit der SI-Maßeinheit Pascal nicht viel anzufangen weiß. Genauso könnte man 140/70 mm Kaiser-Franz-Josef-Gedächtnis-Druck messen. Man darf gespannt sein, wie lange es dauert, bis wir namentlich auch die letzten Reste von Siechenstätte und Krankenanstalt hinter uns gelassen haben und Menschen statt auf die Chirurgische Abteilung eine hippe Gallen-Manufaktur aufsuchen.

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