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19.11.2020 | Tekal

Liebes Virus …

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Ein offener Brief an einen ungebetenen Gast.

Liebes Virus, ich hoffe, es ist in Ordnung, wenn ich dich duze und mit einem genderneutralen „das“ anrede. Ich schreibe dir, diesmal nicht offiziell als Mediziner, sondern in eigener Sache, da ich glaube, dass es langsam Zeit für dich ist, zu gehen. Du hast unsere Gastfreundschaft ausgiebig genossen, aber bekanntlich fängt jeder Besuch bereits nach drei Tagen an zu stinken. Und nach fast einem Jahr sollte man auch mal lüften. Lange wird es ohnehin nicht mehr so weiter gehen, denn man kann bereits die Spritze am Ende des Tunnels erkennen. Die Aktienkurse von Pfizer und BioNtech schnellen nach oben, auch jene des Catering-Unternehmens Do & Co, obwohl ich nicht ganz verstehe, auf welche Weise dich ein belegtes Brötchen bekämpfen soll.

Dass du dich jetzt noch einmal als Pandemie gewaltig aufbäumst und Politiker, Gesundheitspersonal, Wirte und Gäste in Bedrängnis bringst, ist verständlich. Aber auch du musst dich an die vereinbarten Regeln halten. Eine behördlich angeordnete Ausgangssperre gilt für alle, auch für ein Virus. Dennoch agierst du völlig irrational; die Maßnahmen gegen dich greifen nicht so wie erwartet. Hat man doch wirklich alles Erdenkliche getan, die Gaststätten geschlossen, das Ausgehen verboten und die Kulturbetriebe gesperrt. Angesichts der Erkenntnis, dass die größte Gefahr wohl eher im privaten Bereich zu suchen ist, sollte man vielleicht umdenken und nun Gaststätten und Kulturbetriebe öffnen, während man im Gegenzug die Wohnungen für vier Wochen schließt. Das würde auch meine Medizinkabarett-Aktie deutlich besser dastehen lassen.

Du hast nicht nur eine Menge an Menschen auf dem Gewissen, was man dir nicht verdenken kann, da das zur Job-Description eines Virus gehört, aber du hast weltweit auch Chaos gestiftet. Es herrscht große Ratlosigkeit, wie man deine Verbreitung stoppen könnte, ohne das gesellschaftliche Leben komplett runterzufahren. Man untersagt den Solo-Klarinettenabend und die bekannt hooliganartigen Auswüchse bei den Museumsbesuchen, schließt Sportstätten und Tennishallen, damit sich all diese Menschen dann bei der Eröffnung eines XXX-Large-Möbelhauses treffen können. In Italien ist mittlerweile sogar das Flanieren verboten. Und das gehört dort immerhin zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe wie hierzulande das Raunzen. Könntest du uns zumindest mitteilen, ob du lieber Kindergeburtstage oder Rockkonzerte besuchst? Das würde die Sache einfacher machen.

Kurzum: Es ist höchste Zeit für dich, uns zu verlassen und sich woanders auszutoben. Es gibt schließlich auch andere Planeten, die man infizieren und wo man Restaurants schließen kann. Die meisten Gaststätten im Universum haben ohnehin keine Atmosphäre.

Auch wenn wir Ärzte nicht zuletzt von deiner Existenz leben und du es geschafft hat, die medizinisch sozialen Randgruppen der Mikrobiologen zu Stars zu machen, mach wieder Platz für andere Viren, die zwar auch nicht ohne sind, aber deutlich weniger anarchistisch.

Dein Dr. Tekal

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