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KI als Job-Killer

  • 30.10.2025
  • Tekal
  • Zeitungsartikel
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Maschinen, die Menschen ersetzen.

Da fällt einem doch gleich das Stethoskop in den Morgenkaffee: Die künstliche Intelligenz soll in den nächsten 5 Jahren bis zu 50 Prozent aller „White Collar“-Berufe vernichten. Und da auch der gestärkte Kragen am weißen Kittel weiß ist, wirkt das überaus bedrohlich. Erst beim genaueren Hinsehen geht es nur um jene Weißkragen-Jobs, die im Büro überwiegend geistige Tätigkeit und oft ein höheres Bildungsniveau erfordern – und da dürften Mediziner irgendwie nicht damit gemeint sein. Wer also zuvor bereits durchgezählt hat, welche 50 Prozent an Kollegen im Krankenhaus getrost durch einen Taschenrechner ersetzt werden könnten, kann sich nun seiner beruflichen Zukunft sicher sein.

Für viele andere Berufsgruppen könnte es aber eng werden. Eine aktuelle Microsoft-Studie sieht vor allem Einstiegsjobs in Programmierung, Finanzen, Kundenservice und Verwaltung gefährdet. Bessere Zukunftsaussichten haben kreative, soziale Tätigkeiten, empathische Berufe in Pflege, Psychotherapie oder eben der Medizin sind gefragt. Auch viele handwerkliche Reparaturen können von Maschinen höchstens unterstützt, aber nicht komplett übernommen werden. Wenn ein Rohr in einem Roboter undicht ist, geht es nun mal ohne Urologen nicht ab.

Die Entwicklung verläuft rasant. Die süffisante Genugtuung, dass ChatGPT bei gewissen Fragestellungen „doch nicht so schlau“ ist, muss durch ein „noch nicht so schlau“ ersetzt werden. Denn während wir uns über die Unzulänglichkeiten fehlerhafter Auskünfte („Ronny Tekal ist der 47. Präsident der Vereinigten Staaten“) amüsieren, hat die KI längst nachgebessert und ist einen Schritt weiter („Donald Trump ist Arzt, Kabarettist und Kolumnist bei der Ärzte Woche“). Jede Sekunde lernen die Maschinen dazu.

Die Studie sieht indes auch Schriftsteller und selbst Politikwissenschaftler von der Automatisierung betroffen. Wobei ich nicht sicher bin, ob es gut ankommt, wenn in einer Talkshow statt einem Autor und einem Politexperten zwei Computer zu Gast sind, die von einem künstlichen intelligenten Markus Lanz befragt werden. Es sei denn, auch die Zuseher sind künstlich und mampfen dabei auf einer digitalen Couch ein Päckchen Mikrochips. Nachdem ich derartigen Studien misstraue, habe ich mich direkt an die KI gewendet, um zu erfragen, in welchen Jobs sie besser wäre. Die Antwort: Buchhaltung, Datenauswertung, Übersetzung, Kundenservice, einfache Programmierung oder Teile der medizinischen Diagnostik wie das Auswerten von Röntgenbildern. Das freut die radiologischen Kollegen, die soeben ihr Hab und Gut für ein teures MRT verpfändet haben. Ähnliche Fähigkeiten traut sich die KI auch auf dem Gebiet der Labormedizin zu. Ein Schelm, wer Böses denkt, dass hier die lukrativen Ärztejobs im Visier der KI sind. Schließlich will sich auch eine künstliche Intelligenz mal einen teuren Gucci-Prozessor leisten.

Die Arbeit des Wald-und-Wiesenarztes scheint indes zu komplex zu sein. Ein Hoch also auf unsere unberechenbaren Patienten. Sie machen uns unentbehrlich.

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Titel
KI als Job-Killer
Schlagwort
Tekal
Publikationsdatum
30.10.2025
Bildnachweise
Ronny Tekal mit zugeklebtem Mund /© Thomas Kainrath