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Ärzte Woche

11.03.2020 | Tekal | Ausgabe 11/2020

Kein Bock auf Block

Autor:
Dr. Ronny Tekal

Der Abgesang an die Zettelwirtschaft in der digitalen Ordination.

Mein lieber Kollege Toni Weiser hat sich in seiner Ordination im idyllischen Süden Wiens, unweit der schattenspendenden Alt-Erlaa-Bauten, der endoskopischen Erforschung von Ein- und Ausgang des Magen-Darmtraktes verschrieben. Er macht das ganz hervorragend, dürfte allerdings in letzter Zeit, während seiner Tätigkeit im Untertagebau, mit seinen Gedanken ganz wo anders gewesen, was ich ihm nicht verdenken kann.

So führte er Zahlenspiele um jene Papiermengen durch, die in einer Ordination so anfallen. Bei einer gesetzlichen Aufbewahrungspflicht von 30 Jahren kommt in einer großen Kassenpraxis ein Papierberg von über vier Millionen DIN-A4-Seiten zustande. Das entspricht etwa 60 ausgewachsenen Fichten. Da es heutzutage eher im Trend liegt, Bäume zu pflanzen als abzuholzen, bietet sich die papierlose Ordination als Lösung an. Genau diesen Gedanken hat er nun umgesetzt und die digitale Praxis präsentiert – auch wenn bei Darmspezialisten die digitale Untersuchung gar nicht so modern ist, wie sie klingt.

Natürlich erfordern der Einsatz von Tablets und die elektronische Speicherung der Daten auch eine Menge Energie, die man von irgendwo herbekommen muss – etwa indem man 60 Fichten verheizt. Dennoch dürfte die CO 2 -Bilanz günstig auszufallen, sodass die Welt unterm Strich wieder etwas grüner wird. Die Frage, die sich stellt: Geht es tatsächlich ganz ohne Papier? Ich denke, auf der Toilette lediglich ein Tablet mit einer Klopapier-App auf die Halterung zu montieren, würde den Bogen wohl überspannen.

In vielen Bereichen ist der papierlose Verkehr bereits üblich: Man bekommt keine Postwurfsendungen, sondern Newsletter, zahlt papierlos, schreibt papierlose WhatsApp-Emojis statt parfümierter Liebesbriefe und verschickt statt einer Valentinskarte einen QR-Code. Man schnäuzt sich auch nicht in ein PapierTaschentuch, sondern, wenn wir es den zahlreichen Corona-Aufklärungskampagnen richtig entnehmen, papierlos in den Ärmel. Auch Print-Medien haben es zunehmend schwer und punkten eigentlich nur mehr bei Besitzern von Kanarienvögeln, die die Zweitverwendung einer Zeitung als Unterlage schätzen.

Nicht allen gefällt diese Modernisierung. Viele Pensionisten schätzen es nicht, wenn sie in der Bank vom Schalterpersonal an die Automaten verwiesen werden und dann hilflos versuchen, den Zahlschein in die Maschine zu stopfen. Auch die Mitarbeiter der Post brauchen noch irgendeinen haptischen Beleg, auf den sie den beliebten Stempel draufgeben dürfen. Und ich habe auch den Eindruck, dass die Kontrolleure im Zug ein wenig unglücklich sind, wenn sie das E-Ticket am Smartphone nicht lochen dürfen.

Bücher können sich bislang gegen E-Books noch behaupten, doch die junge Generation der Digital Natives steht schon in den Startlöchern und hat keine Lust, sich eine Netflix-Serie auszudrucken. Oh, freut euch, ihr Fichten!

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