Skip to main content
main-content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

Ärzte Woche

13.12.2018 | Tekal | Ausgabe 50-52/2018

Gute Nachsätze

Autor:
Dr. Ronny Tekal

Die gute Alternative zu unrealistischen Vorsätzen.

Nachdem sich das Jahr dem Ende zuneigt, wird es Zeit, Bilanz zu ziehen: Was ist aus den Vorsätzen geworden, die man im Zustand postweihnachtlicher Überfütterung und neujährlicher Trunkenheit gefasst hat? Sind sie noch erinnerlich oder hat man sie, aus Gründen des Datenschutzes, aus der Autobiografie gestrichen?

Eigentlich hätte es aber gar keine besonderen hellseherischen Fähigkeiten gebraucht, um bereits zu Beginn des Jahres die geplanten guten Vorsätze als völlig überzogen und keineswegs praktikabel zu identifizieren: Wenn man gleichzeitig mit dem Rauchen, dem Trinken und dem Nägelkauen aufhören und sich künftig zweimal täglich statt zweimal jährlich die Zähne putzen möchte, kann es sein, dass da der eine oder andere Vorsatz gebrochen wird.

Das frustriert, denn selbst wenn die Ziele, die man erreichen wollte, offenkundig zu hoch gesteckt waren, bleibt im Endeffekt das flaue Gefühl des Versagens, diese Ziele nicht erreicht zu haben. Dabei sind wir es selbst, die bestimmen, auf welche Höhe die Latte gelegt ist. Glücklichere Menschen legen Latten in der Regel niedriger und freuen sich darüber, wenn sie leichtfüßig drüberhopsen. Das mag gegen die Leistungsgesellschaft sprechen, die in guter kirchlicher Tradition die Unzulänglichkeit und die darauffolgende Selbstgeißelung zelebriert. Doch drüberhopsen macht nun mal mehr Spaß, als sich drüberplagen.

Unser Belohnungssystem, das uns im Gehirn mit der Droge Dopamin den Moment versüßt, wartet nur darauf, aktiviert zu werden. Dazu braucht es einen Erfolg, den wir genießen können. Vielen ist der drucklose Waldorf-Ansatz, dass man bei einem Rennen auch dann gewonnen hat, wenn man gar nicht mitmacht, zuwider. Wie soll sich die Menschheit weiterentwickeln, wenn auch diejenigen vom Kuchen naschen, die ihn gar nicht gebacken haben? Dass allerdings diejenigen, die stundenlang in der Küche gestanden sind, in der Regel gar kein Kuchenstück bekommen, steht auf einem anderen Blatt.

Um von den eigenen Anforderungen nicht überfordert zu werden, gibt es die Möglichkeit, die Latte erst nach erfolgtem Sprung zu legen. Ich plädiere daher, die Vorsätze fallenzulassen und stattdessen auf Nachsätze zu vertrauen, einen Blick zurückzuwerfen, das Erreichte hinzunehmen und zu feiern. Hat man also ein Päckchen Zigaretten pro Tag geraucht, könnte man das als Erfolg verbuchen, immerhin nicht ein Päckchen pro Stunde konsumiert zu haben. Couch-Potatos können den überbordend bewegungsarmen Müßiggang als wertvolle kontemplative Tätigkeit umformulieren. Und all jene, die es wieder mal nicht geschafft zu haben, die überschüssigen Kilos loszuwerden, sollten die vordergründige Disziplinlosigkeit als starken Willen gegen das Diktat einer oberflächlichen Gesellschaft reframen.

Wer also das ehrgeizige Jahresziel verfolgt, Druck rauszunehmen, dem seien statt den Vorsätzen die Nachsätze ans Herz gelegt, das den geringeren Druck sehr zu schätzen weiß.

Über diesen Artikel

Weitere Artikel der Ausgabe 50-52/2018