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Ärzte Woche

09.09.2020 | Tekal | Ausgabe 37/2020

Grün-Gelb-Orange-Rot

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Ein Ampelsystem hilft nicht nur in der Pandemie.

Grafische Darstellungen verbessern das Verständnis. Das wussten bereits unsere Vorfahren, die statt einer schriftlichen Abhandlung über das soziale und wirtschaftliche Leben in der Steinzeit an die Höhlenwand lieber einen Krieger kritzelten, der mit erigiertem Penis einem Mammut und einer Frau nachläuft. Die Botschaft ist klar, selbst wenn man mit Sprache und Schrift nicht vertraut ist: Hier wird die Freude an der Jagd veranschaulicht. Solch bildhafter Darstellungen bedient sich auch die pharmazeutische Industrie, um den Ärzten eine innovative Arznei näherzubringen: Tatsächlich kann man sich als Mediziner gar nicht vorstellen, dass das neue Medikament A um 0,1 Prozent besser wirkt als die Substanz B. Erst durch ein hübsch aufbereitetes Balkendiagramm wird der Sachverhalt klar, dass der Effizienz-Balken bei A doppelt so hoch ist wie bei B.

Auch Ampeln erleichtern, als optisches Element, das Zusammenleben auf der Straße. Müsste man an jeder Kreuzung einen kleingedruckten Text durchlesen, würde der Verkehr zum Erliegen kommen. Eine Ampel gibt indes klare Vorgaben, dass Autofahrer nur bei Grün, Taxilenker bei Gelb und Radfahrer bei Rot fahren dürfen. So war es bei den komplexen Corona-Verordnungen naheliegend, auf das Symbol der Ampel zurückzugreifen. Tatsächlich ist es einfacher, als Behörde einen Bezirk auf „gelb“ zu schalten, statt mühsam verbal zu erklären, dass es nun etwas mehr neue Corona-Fälle gibt, aber noch nicht ganz so viele, dass man zu Hause im Bett bleiben muss, es sei denn die Fallzahlen gehen nach oben, die verfügbaren Spitalsbetten werden knapp oder der örtliche Männergesangsverein plant ein Après-Singing-Saufgelage.

Das Ampelsystem ist ja nicht neu. Auch unsere Eltern haben einst vorab bestimmt, was gut für uns ist und was nicht: Der gesunde Babybrei (grün), das zu heiße Essen (gelb), der seltsame Spielgefährte, der kein guter Umgang ist (orange) und stundenlanges Ego-Shooter-Zocken auf der Konsole (rot). Man überlegt Lebensmittel-Ampeln, die uns das mühselige Selbststudium der Nährwerttabellen ersparen und in der Kultur muss man sich weder selbst ein Stück ansehen, ja nicht einmal die Kritik lesen, sondern einfach einen Blick auf die darunter abgedruckten Daumen, Sterne, Smileys oder Ampeln werfen.

Allerdings verhindert eine solche Vorab-Vereinfachung, sich selbst ein Bild von der Lage zu machen. Schließlich entscheiden andere Personen über die Situation. Epidemiologen, Ernährungswissenschaftler und Kunstkritiker kauen uns das Leben vor, um uns vor Ansteckung, ungesundem Essen oder miesen Theateraufführungen zu schützen.

Doch während den meisten die Sinnhaftigkeit bunter Lawinenwarnstufen einleuchtet, sind die Do‘s und Dont’s in Corona-Belangen Gegenstand heftiger Diskussionen. So gibt es für manche kaum etwas Schöneres, als bei tiefroter Ampel (zu deutsch: dunkelgrün) in einen Cluster zu husten.

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