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16.09.2021 | Tekal | Ausgabe 36/2021

Dr. Tekal über die Generation Beyond

Autoren:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist Dr. Ronny Tekal

© Grandbrothers // iStock

Über die zunehmende Beliebtheit fleischlicher Ersatz-Gelüste.

Die Unbekümmertheit vergangener Zeiten ist vorbei. Ungeniert aus dem Vollen zu schöpfen, ohne Rücksicht auf Land und Leute, gilt nicht mehr als schick. Nun wird, wohl zu Recht, eine gewisse Verantwortung eingefordert, die manchen jedoch gehörig den Spaß verdirbt. Tatsächlich konnte man früher mit dem Gesparten Kreuzfahrten und Flugreisen unternehmen, ohne sich rechtfertigen zu müssen oder eine CO 2 -Kompensation in Form einer neu am Balkon gepflanzten Geranie als Ablass zu leisten. Es galt als Luxus, sich und seine Lieben mit Pelzen zu belohnen und bei besonderen Anlässen Gänsestopfleberpastete zu speisen. Heute darf man nicht einmal ein Nashorn erlegen, ohne für das gepostete Selfie aus Kenia einen Daumen runter zu bekommen. Welche Freude bleibt einem da noch im Urlaub?

Auch die Liebhaber von Wurstwaren, die einst liebevoll als „Fleischtiger“ bezeichnet wurden, müssen heute mit dem Nimbus von Unnachhaltigkeit und Anachronismus leben. Nur der „alte, weiße Mann“ lädt sich nach wie vor den Schweinsbraten auf den Teller, der moderne Mensch ist zumindest Flexitarier. Selbst der Vegetarismus hat seine Unschuld verloren, gehen alle tierischen Produkte letztlich immer auf Kosten des Lebewesens, das weder Lust hat, ein Leben lang gemolken zu werden, noch die gelegten Eier freiwillig herzugeben.

Vielen fällt es jedoch schwer, auf die angestammten Gewohnheiten zu verzichten. Auch wenn ihnen glaubhaft vermittelt wird, dass man statt dem Schnitzel auch Grünkern-Pesto auf Tofu essen könnte, das „fast genauso schmeckt“. Die Lebensmittelindustrie hat hier rasch reagiert und bringt zunehmend Fleischersatz-Produkte auf den Markt. War das panierte Erbsen-Karotten-Püree mit einer Scheibe Blattspinat („veganes Cordon bleu“) noch gewöhnungsbedürftig, so nähern sich die Produkte zunehmend dem Original an. Das geht manchmal leichter, da etwa in einer Extrawurst ohnehin mehr Extra als Wurst enthalten ist, manchmal misslingt es jedoch, wenn man versucht, ein T-Bone-Steak mittels T-Bone-Seitan glaubhaft zu replizieren. Doch die Lebensmitteltechnologen sind am Tüfteln, formen Burger oder Hühnerfilets aus Soja bis hin zum gezüchteten Fleisch in der Petrischale ev. bald auch Fisch („Petri-heil“).

Derartiger Ersatz findet sich auch in anderen Bereichen, wenngleich der Kunstpelz aus Erdöl auch nicht sonderlich nachhaltig scheint. Doch Alabaster statt Elfenbein als Schmuck oder das Nashorn mit dem Fotoapparat zu erlegen statt mit der Flinte, scheint eine gangbare Alternative. Es gibt mittlerweile sogar Beyond-ABBA, wo sich auf der Bühne statt echter Schweden nur nachhaltige Avatare finden.

Fleisch-Puristen mögen bei dieser Beyond-Entwicklung auf dem Teller die Nase rümpfen und erachten den Wechsel auf das Ersatzprodukt als Kuhhandel, auf den sie sich nicht einlassen wollen. Dabei sollte man vielleicht gerade bei diesem Handel vor allem an die Kuh denken.

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