Ein Nachtrag zum Weihnachtskeks-Schwarzmarkt
Thomas Kainrath
Noch darf man ein „gutes, neues Jahr“ wünschen, bevor man „frohe Ostern“ sagt und sich dazwischen mit dem in Österreich immerwährenden „Mahlzeit“ hinüberrettet. Die richtigen Antworten sind simpel: Man erwidert die Wünsche mit „was soll daran gut sein …?“, „blaue Eier“ und „selber Mahlzeit“. Und wenn das ganze Leben so einfach zu verstehen wäre wie diese Konversation hätten wir vermutlich viele arbeitslose Psychotherapeuten.
Doch blicken wir vorerst noch zurück ins vergangene Jahr, obgleich kaum etwas so veraltet ist wie die Zeit vor Weihnachten oder die Souveränität Grönlands. Dennoch begab es sich im Advent, als eine Schlagzeile lautete: „Weihnachtskekse als heiße Ware – Schwarzmarkt im Netz“. Tatsächlich betraf die omnipräsente Teuerung auch die Zutaten für Backwaren. So schnellte etwa der Preis für Haselnüsse binnen kürzester Zeit um fünfzig Prozent hinauf. Da half es auch nicht, dass der Benzinpreis moderat gesunken war, denn selbst den größten kulinarischen Banausen fällt auf, wenn die Nussmakronen nach Tankstelle schmecken. Da weichen auch die gesetzestreuesten Konsumenten notgedrungen in die Illegalität aus. Schließlich hat selbst im roten Wien der schwarze Markt eine große Tradition. Denn wo einst in der Nachkriegszeit der Dritte Mann in der Kanalisation Geschäfte mit gestrecktem Penicillin gemacht hat, wundert es nicht, dass auch die Vanillekipferl-Mafia hierzulande eine Heimat findet.
Berichten zufolge sollen im Netz Hunderte Kilo Weihnachtskekse zu Schleuderpreisen angeboten worden sein. Und preist ein Händler mit Zwinkersmiley auf seinem Webshop im Darknet „reinstes Kokain“ an, weiß die informierte Konsumentenschicht genau, dass es sich in Wahrheit um reinsten Vanillezucker handelt. Dasselbe gilt für Medikamente. Denn auch begehrte Medizin wird rasch mal an offiziellen Kanälen vorbeigereicht. Einst bei Viagra, dann bei Corona-Impfstoffen und nun bei Abnehmspritzen – man bekommt sie billiger, rascher und auch ohne Rezept, wenn man in entsprechend finsteren Kreisen eines Ärzte- oder Apothekerhaushaltes verkehrt. Und in der Wintersaison wünscht man sich, bei den alljährlichen Lieferengpässen, den Dritten Mann mit seinen gestreckten Antibiotika herbei.
Wenn selbst das Christkind kriminelle Energien entwickelt und Zimtsterne nicht in der leuchtenden Weihnachtsbäckerei, sondern im finsteren Hinterhof verhökert werden, hat eine der letzten Bastionen der Reinheit seine Unschuld verloren. Ich selbst bin diesbezüglich sündenfrei und darf den ersten stein(harten Lebkuchen) werfen. Zwar backe ich im großen Stil, jedoch überstehen nur erstaunlich wenig Kekse den Produktionsprozess. Und für das Dutzend zerbröselte Feingebäck lohnt sich der Gang in die Halbwelt nicht. Sozusagen Unbescholtenheit durch Unvermögen. So schließen wir 2025 endgültig ab, richten den Blick in die Zukunft und fangen jetzt schon an, in weiser Voraussicht, rechtzeitig Unmengen an Spekulatius und Penicillin zu backen. Denn der nächste Advent kommt bestimmt! Mahlzeit!