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Ärzte Woche

20.05.2020 | Tekal | Ausgabe 21/2020

Die normale Normalität

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Mit der Öffnung der Wirtshäuser ist für viele wieder endlich alles beim Alten.

Auch wenn das Land nach der Krise, deren Namen du nicht nennen sollst, bereits vor einigen Wochen wieder aufgesperrt hat, wurde für viele das endgültige Aus des Lockdowns erst mit der Öffnung der Cafés und Restaurants besiegelt (so man nicht als Künstler nach wie vor in menschenleere Ränge und geldleere Börsen blickt).

Endlich muss man seine Kaffeetasse nicht mehr selber abwaschen. Endlich darf man sich wieder die ganze Nacht im Wirtshaus um die Ohren schlagen, so man unter dem Morgengrauen 23 Uhr versteht. Endlich ist es wieder erlaubt, in die Gaststube hinein und dann wieder hinaus zu gehen, um zu rauchen.

Die Öffnung der Betriebe sei ein wichtiger Schritt in die Normalität. Doch welche ist nun gemeint? Viel wurde gesprochen von der neuen Normalität, zu der man zurückkehrt, wenn die alte Normalität ausgedient hat. Sie soll zeigen, dass nach der Krise alles wieder gut ist, aber eben noch nicht so ganz. Also Rudelbumsen im Swingerclub: Ja, aber mit Bedacht und Abstand. Es ist sogar erlaubt, sich anzustecken, aber bitte nicht mit Corona. Nach dieser neuen Normalität soll, so der Salzburger Landeshauptmann (Name der Red. bekannt), die normale Normalität kommen. Übersetzt bedeutet das soviel wie „das, was die meisten immer schon gemacht haben“. Es scheint jener erstrebenswerte Zustand des irdischen Nirwanas zu sein, zu dem man unbedingt immer wieder zurückkehren möchte. Dieser Status ist nicht sonderlich spektakulär, es ist weder Super noch Diesel, sondern einfach nur normal. Ohne Höhen und Tiefen, kein Pulsbeschleuniger, sondern eine Zeit, die haarscharf an der Langeweile vorbei schrammt. Menschen reagieren wie Seismografen auf jede Abweichung und beschreiben daher jede neue und unbekannte Situation vorerst einmal mit „das ist aber nicht normal!“.

Die Medizin lebt von der Existenz des Normalen. Besteht doch ihre Hauptaufgabe darin, Patienten aus dem abnormalen Spektrum in den normalen Bereich zu bringen. Diversität ist so ein garstiges Wort, daher sprechen wir lieber von Pathologien. Egal ob bei Blutwerten oder Charaktereigenschaften. Zugegeben, ein paar kleine Schrulligkeiten sind erlaubt, aber bewegt man sich allzu weit in die Randbezirke der Gaußschen Normalverteilung, so hat man rasch mal eine Diagnose am Hals. Schließlich müssen wir unsere Patienten ja irgendwie sortieren, um die Belege für die Abrechnung an die Krankenkasse zu übermitteln. Und es findet sich in den bunten Krankheitskatalogen ICD-10 und DSM-V nun mal kein Kapitel über normale Zustände. Lediglich die Übernormalität, also die Orthorexie, gesteht auch den folgsamsten und gesundheitsbewusstesten Menschen eine Störung zu.

Genießen wir es also, solange die Normalität noch einen Ausnahmezustand darstellt. Dann bleibt sie spannend.

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