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Ärzte Woche

15.09.2020 | Tekal | Ausgabe 38/2020

Die Maske im Bett

Autor:
Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Die Ideen zur Eindämmung des Corona-Virus machen auch den Sex immer safer.

Theresa Tam hätte es als Ärztin, die für die öffentliche Gesundheit in Kanada zuständig ist, wohl kaum in die internationalen Schlagzeilen geschafft. Und hätte sie zur Corona-Krise lediglich eine der typischen medizinischen Plattitüden abgegeben, also Hände waschen, Abstand halten und nicht in den Ellbogen des Nachbarn zu niesen, wäre sie vermutlich nicht weiter aufgefallen.

Doch sie hat sich mit einer gewagten Aussage in die Schlafzimmer der Adressaten begeben. Ihre Empfehlung: Das Tragen einer MNS-Maske beim Sex für Personen, die nicht im selben Haushalt leben. Was wie eine Aufforderung zu SM-Spielchen anmutet, ist durchaus ernst gemeint und soll das Risiko einer Ansteckung mit COVID-19 beim Geschlechtsverkehr reduzieren. Dazu gehören auch ein Kussverbot und die Vermeidung sonstiger beim Akt überflüssiger Körperkontakte. Als sichere Variante gilt demzufolge die wort- und kusslose Kopulation mit Kondom. Bemerkenswert auch der explizite Hinweis im Statement der kanadischen Public Health Agency, dass Sex mit sich selber die sicherste Form darstellen dürfte. Wobei auch hier selbstverständlich das Tragen einer Maske das Risiko einer Ansteckung noch weiter reduzieren dürfte.

Der Sex war den Medizinern ja immer schon ein Dorn im wachsamen Auge der Prävention. Immerhin gibt es kaum eine unkontrollierbarere gesundheitliche Gefahrenquelle, sieht man vielleicht vom Essen, Trinken, Drogenkonsum und Wingsuit-Fliegen ab. Neben Gonorrhoe, Syphilis oder HIV überträgt der Geschlechtsverkehr immerhin auch das Leben selbst, das mit 100-prozentiger Sicherheit spätestens nach zehn Jahrzehnten tödlich endet.

Die Kinder der sexuellen Revolution der späten 1960er-Jahre werden nun von der gesundheitlichen Revolution der frühen 1920er-Jahre gefressen. Rechtlich ist die Situation kompliziert. So ist das durchaus gut gemeinte schwedische Einwilligungsgesetz den ewig gestrigen Machos geschuldet, muss nun allerdings vom Rest der Bevölkerung ausgebadet werden. Jeder Sexualpartner hat demnach dem Akt nicht nur vage zuzustimmen, sondern ein Einverständnis zu geben, das vor Gericht auch Bestand hat – im besten Fall schriftlich oder tondokumentarisch festgehalten. Formulare sind im Kondomautomaten erhältlich. Mit diesen Gedanken im Kopf und der Maske vor dem Gesicht werden die 50 Shades of Grey von den 50 Things to Do Before abgelöst. Hier wird das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, das auf diese Weise nie entstehen kann. Solange sich Bürger dem volltrunkenen Rudelbumsen im Corona-Cluster hingeben, werden die Behörden versuchen, diesen Lebensbereich zu reglementieren, um die Welt zu einem sichereren Ort zu machen. Allerdings wird die Befolgung eines „Sex nach Vorschrift“ dazu führen, dass diese Generation keine Nachkommen mehr hervorbringt, die diesen Ort auch genießen können.

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