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Ärzte Woche

22.04.2021 | Tekal

Die Leidgesellschaft

verfasst von: Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist Dr. Ronny Tekal

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Wem die Krise am meisten zusetzt, hat gewonnen.

Bei all den großen körperlichen Dramen, die uns die Pandemie beschert, bleiben die kleinen Befindlichkeitsstörungen leider etwas auf der Strecke. In Zeiten von Corona getraut man sich kaum, seine rinnende Nase medizinisch begutachten zu lassen, da man fürchtet, als hypersensibel und verweichlicht zu gelten, so die Nase nicht droht, intensivpflichtig zu werden und abzufallen. Immerhin haben andere Menschen ja COVID-19 und wären froh, einfach nur an einem banalen Schnupfen zu leiden!

Doch ist das eigene Leiden weniger dramatisch, nur weil es anderen vermeintlich noch schlechter geht? Seit Generationen versucht man bei Kindern, deren dürftige Compliance beim Leeren des Tellers mit moralisch wertvollen Geschichten über die Hungernden in Indien zu erhöhen. Der Erfolg lässt zu wünschen übrig, wohl auch, da der Nachwuchs bald schon den Trugschluss des Gleichnisses erkennt. Schließlich würde es logistisch nicht viel Sinn machen, das halbe Fischstäbchen zu verpacken und nach Kalkutta zu versenden.

Vergleiche machen nicht nur unglücklich, sie sind auch nicht legitim. Schließlich werfen sie keine Gleichheiten in die Waagschale, sondern Vielfalt, die bekanntlich unterschiedlich wiegt. Und gerade das Körpergefühl ist so divers wie eine Regenbogenparade. So kann der eine Patient mit einer soliden Sepsis noch zur Arbeit gehen, während der andere bereits mit einem eingewachsenen Zehennagel knapp an der Notwendigkeit eines künstlichen Tiefschlafes vorbeischrammt. Und auch eine triefende Nase kann die Hölle sein, daran gibt es nichts zu rütteln.

Ich persönlich finde den stirnbetonten Juckreiz unter der Skihaube als eine der größten Einschränkungen der Lebensqualität im Wintersport, würde aber nie öffentlich darüber sprechen. Selbst kleinste Abweichungen vom Gewohnten können sich zu ungeahnten Dramen entwickeln und bei manchen eine veritable Depression hervorrufen, wenn die Gastgärten noch einen einzigen Tag lang geschlossen bleiben.

Nicht nur das Vergleichen von Yacht- oder Penisgrößen, auch der Vergleich von Leid bringt Neid. Die Corona-Krise hat uns gezeigt, wie stark wir uns mit anderen bezüglich der persönlichen Betroffenheit messen. Sind nicht wir im Gesundheitswesen die Allerärmsten, die uns an der Front anhusten lassen und bis zum Umfallen im Krankenhaus ausharren müssen? Oder trifft es die Künstler, Gastronomen und Einbrecher, die zurzeit keine leeren Wohnungen vorfinden, noch härter? Wer erweist sich als Härtefallfonds-würdigste Person? Und wer ist hier auf die Butterseite der Pandemie gefallen? Am wenigsten betroffen sind sicherlich Amazon-Lagerarbeiter, die ihrem gewohnten Beruf nachgehen können, als gäbe es keine Krise. Wie gerne würden wir uns so gemütlich ausbeuten lassen wie sie.

Es ist zweifelsfrei eine hohe Kunst, seinen Mitmenschen einen liebevollen Blick zuzuwerfen, ohne sich zu überlegen, ob der Mitmensch die Liebe mehr verdient als man selber. Aber man könnte sich in dieser Kunst einmal üben.

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Metadaten
Titel
Die Leidgesellschaft
Schlagwort
Tekal
Publikationsdatum
22.04.2021
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 16/2021

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