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Ärzte Woche

10.12.2020 | Tekal | Ausgabe 50/2020

Die Glaskugel!

Autoren:
Dr. Ronny Tekal, Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Wie man auch in chaotischen Krisenzeiten den Überblick bewahren kann.

Wenn sich Corona bald in die Geschichtsbücher verabschiedet, man darüber debattiert, wie man es virologisch bedacht und volkswirtschaftlich bedenklich geschafft hat, die Pandemie einzudämmen, ist man wohl um einiges klüger. Und da das Leben, laut Søren Kierkegaard, vorwärts gelebt und rückwärts verstanden wird, werden sich die heute Ahnungslosen als künftige Experten outen, die es immer schon gewusst haben.

Doch die Menschen wollen jetzt wissen, was Sache ist und nicht erst im Nachhinein: Wann wird die ersehnte Impfung kommen? Wird sie das halten, was man den Aktionären verspricht? Wer muss sich zuerst, wer darf sich zuletzt impfen lassen? Und was genau unterscheidet einen immunisierten Brexit-Körper von einem ungeimpften europäischen Organismus? Mehr Fragen als Antworten.

In dieser besonderen Zeit kommt der Ärzteschaft natürlich ein großer Stellenwert zu. Wir waren diejenigen, die von Anbeginn die große Glaskugel ausgepackt und den besorgten Patienten die Zukunft weißgesagt haben. So konnten wir uns als unfehlbare Propheten erwiesen, als wir vor einem Jahr voller Inbrunst verkündet haben, dass „so etwas wie in China in Österreich, schon allein aus verwaltungstechnischen Gründen, nie passieren kann“. Und wer kann schon vorhersehen, dass es möglich ist, die heilige Kuh eines vorweihnachtlichen Einkaufssamstages zu schlachten.

Wir wurden auch nicht müde, die Sinnlosigkeit profaner MNS-Masken zu betonen, um kurz darauf deren Wichtigkeit hervorzuheben. Stets haben wir uns klar und eindeutig positioniert, dass man absolut keinen Grund für eine völlig überzogene Panikreaktion haben muss, man andererseits aber auch als junger Mensch tot umfallen könnte, wenn man das Virus beim Fußballspielen zu tief inhaliert und dann bei der Intensivstationen-Triage gegen einen 80-jährigen COPD-Patienten den Kürzeren zieht. Immerhin waren wir auch die ersten, die vor Kortison bei Corona gewarnt und auch die ersten, die Kortison für Corona empfohlen haben. Wir haben klargestellt, dass man wirklich nur im absoluten Notfall eine Ambulanz aufsuchen sollte, aber stets darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, auch bei milden Symptomen, zur Vorsorge und zur Mundhygiene rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und wir konnten verlässlich eine Erklärung dafür geben, warum es dann genauso, nur eben anders gekommen ist. Diese Stringenz unserer Argumentation hat uns als Zukunftsexperten ausgewiesen.

Auch wenn die Häufigkeit, mit der in den vergangenen Monaten bei den Prognosen kräftig danebengehauen wurde, beachtlich ist, haben mich all jene lieben Kollegen stark beeindruckt, die dennoch mit ernster Miene und überbordendem Selbstbewusstsein aus der Kristallkugel gelesen haben. Womit wir wieder bei meiner Lieblingsberufsgruppe wären, den Zukunftsforschern, die gerade in Krisenzeiten eine große Anhängerschaft haben. Die Zukunft zählt jedoch nicht zu ihr.

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