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Des Bischofs Bart

  • 26.01.2026
  • Tekal
  • Zeitungsartikel

Veränderungen beginnen im Kleinen.

Habemus Erzbischof, hieß es vor kurzem in Österreich. Josef Grünwidl folgt seinem Vorgänger, Kardinal Christoph Schönborn, als Kirchenoberhaupt von Wien nach. Von meiner Seite dem durchaus sympathisch wirkenden Kleriker eine herzliche Gratulation oder wie auch immer man sonst heutzutage stilgerecht bei einem derartigen Ereignis wünscht: „Thumbs-up, Exzellenz – und immer eine Handbreit Weihwasser unterm Kiel!“

Eine der Schlagzeilen dazu lautete: „Nach 340 Jahren: Neuer Erzbischof bricht Tradition“. Was war geschehen? Der unbedarfte Leser rätselt: Hat er das Amt gemeinsam mit seiner Frau Hilde angetreten? Dürfen nun homosexuelle, geschiedene Paare im Wiener Stephansdom vor den Traualtar treten? Oder lässt er, wie einst der als Papst favorisierte Kardinal Luis Antonio Tagle, statt „Großer Gott, wir loben dich“ John Lennons säkulares „Imagine“ singen? Es ist weitaus revolutionärer: Er trägt Bart! Seit Fürstbischof Emerich Sinelli (1680–1685) beendet er eine mehr als 340-jährige Phase bartloser Wiener Bischöfe. Das ist ein Knaller!

Doch man sollte nicht ungeduldig sein. Gute Veränderungen beginnen schließlich stets im Kleinen. Und der Bart von heute ist die Päpstin von morgen.

Wir sollten zudem mit der Behäbigkeit der katholischen Kirche Milde walten lassen. Auch in der Medizin haben wir nicht unbedingt den Drang zu raschen Veränderungen. So hat sich die Ernährungspyramide in den vergangenen Jahrzehnten so gut wie gar nicht verändert. Da prallen sämtliche Low-Carb-Trends und vegane Lebensweisen ab. Gelegentlich stellt man ein wenig etwas um, rückt die Pasta aus feinstem Weißmehl weiter nach oben und betont den Wert der vollen Kost.

Das ist auch gut so, denn viele Trends haben sich als kurzlebig und wenig hilfreich erwiesen. Wenn dann jemand kommt, wie ein Trump im Porzellanladen, die Pyramide umdreht und das wertvollste Steak als Hauptbestandteil einer gesunden Ernährung bestimmt, erkennt man, dass Veränderungen besser nicht binnen einer Amtszeit, sondern lieber in Kirchenjahrhunderten erfolgen sollten.

Tatsächlich mögen gewisse Entwicklungen langsam vorangehen, auf Dauer spürt man aber den Wind der Veränderungen. Wenn wir uns alleine das Bildungssystem ansehen, wie etwa unsere Schulklassen noch vor 50 Jahren ausgesehen haben, auf Frontalunterricht ausgerichtet, mit harten Stühlen und 50 Minuten Einheiten, in denen man still zu sitzen hatte, so stehen wir heute bereits ganz woanders: Die jährliche Turnstunde ist ein Highlight, auf das sich zu Recht alle freuen – so sie nicht ausfällt und der Mathelehrer suppliert.

Kirche, Schule, Krankenhaus sind die Bollwerke der Beständigkeit. Allen Synoden, pädagogischen Konferenzen und medizinischen Fortschritten zum Trotz schaffen sie es, dass die Kundschaft kniend, sitzend und liegend, wie eh und je, den immerwährenden Belehrungen lauschen. Stets mit dem unbedingten Willen zur Reform. Aber auch das hat mittlerweile einen Bart. Wie der Bischof.

Titel
Des Bischofs Bart
Schlagwort
Tekal
Publikationsdatum
26.01.2026
Bildnachweise
Ronny Tekal mit zugeklebtem Mund /© Thomas Kainrath