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Ärzte Woche

04.04.2022 | Tekal

Das neue Ostern

verfasst von: Dr. Ronny Tekal

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© BeritK // iStock

Wie Klimawandel und Pandemie das Osterfest verändern.

Zu Ostern ist die Zeit der Entbehrungen vorbei. Und ich gehe davon aus, dass Sie, liebe christliche Leserinnen und Leser, bislang auch brav 40 Tage gefastet haben. Dafür hat vor Kurzem der Ramadan begonnen. In einer multikulturellen Gesellschaft ist also nach dem Fasten vor dem Fasten. Und selbst die Religionsgemeinschaft der Atheisten, die dreimal täglich zum heiligen Galilei betet, hat Gefallen an einer inneren Reinigung des Körpers gefunden. Sozusagen der Verzicht als Kärcher. Abgesehen von der religiösen Komponente ist Ostern in seiner heidnischen Variante ein Fest der Fruchtbarkeit und der Eier legenden Hasen. Im Zeitalter der Hightech-In-vitro-Fertilisation ist man jedoch weder von Hase noch von Eiern abhängig. Darüber hinaus ist es ein Fest der Erlösung von der zu kalten Jahreszeit, bevor die zu heiße Jahreszeit beginnt. Tatsächlich wusste man früher stets, dass Frühling ist, wenn im Prater die Bäume wieder blühen. Heute führt der Klimawandel dazu, dass die Bäume zu blühen beginnen, bevor das Laub abgefallen ist. Bald schon wird uns im Jänner beim Apres-Ski nicht nur der Zirbengeist, sondern auch die Birkenpollen rote Augen bescheren. So beginnt etwa die Kirschblüte elf Tage früher als im Jahr 1952. In 500 Jahren wäre rechnerisch zu Silvester Hochblüte und erst in 3.000 Jahren hätten wir wieder Normalzustand.

Ostern wurde jüngst aber auch ein Fest der Erlösung von der Pandemie. Wer sich erinnern kann: Es war 2020, als man nach ein paar Wochen Lockdown verkündete, nur noch über die Feiertage durchhalten zu müssen, bevor das normale Leben wieder weitergehen könne. Danach folgten 100-mal zwei Wochen, die entscheidend waren. Man hatte uns also ein ziemlich dickes Ei gelegt. Irgendwie hängen wir seitdem in einer Zeitschleife fest, denn während die einen bereits die lang ersehnte Mega-Sause für die Firmenweihnachtsfeier planen, bastelt man anderorts bereits an einem neuen Maßnahmenpaket, wenn die Zahlen im Herbst wieder in ungeahnte Höhen steigen. Die Experten geben sich zuversichtlich, dass der Herbst nach einem ruhigen Sommer wieder herausfordernd sein wird, womit sie auch weiterhin Experten bleiben. Man sollte also noch ein wenig zuwarten, bevor man die Masken als Kaffeefilter und die Abstrichstäbchen zum Ohrenreinigen missbraucht. So könnten herbstliche Lockdowns als moderne Form der Saisonalität tatsächlich das etwas in die Jahre gekommene Ostern ergänzen. Ich denke, der Handel ist flexibel genug, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. So wie zu Pfingsten bereits die Schokoweihnachtsmänner in den Regalen landen, wäre es an der Zeit, auch die Schoko-Corona-Elefanten rauszuräumen. Die Brauereien könnten mit einem Lockdown-Bock das Ende der entbehrungsreichen Zeit einläuten. Schließlich hat die Wirtschaft noch nie sonderlich viel von Pietät gehalten und so lässt sich selbst aus einer saisonalen Pandemie ein willkommener Anlass herstellen, die Durststrecke zwischen Vatertag und Nikolo zu überbrücken.

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Metadaten
Titel
Das neue Ostern
Schlagwort
Tekal
Publikationsdatum
04.04.2022
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 15/2022