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Ärzte Woche

04.03.2019 | Tekal | Ausgabe 9/2019

Nebenwirkungen

Das Lehrbuch unterm Kopfpolster

Autoren:
Dr. Ronny Tekal, Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

Lernen im Tiefschlaf birgt das Potenzial, die Bildungsstandards hinaufzuschrauben.

Die Studie stammt nicht aus Pisa, sondern aus Bern: Forscher haben gezeigt, dass man komplexe Informationen im Schlaf unbewusst wahrnehmen kann. Das Gehirn könne also, ohne Bewusstsein, assoziativ Dinge lernen. Dass man bewusstlos Sachinhalte aufnehmen und wiedergeben kann wissen wir auch aus der Partnerschaft. Besonders Männer scheinen eine Begabung zu haben, kurz zuvor aufgeschnappte Wortfetzen sinnlos wiederzugeben - in der Hoffnung, die Wiederholung des zuletzt gehörten Satzes würde die Frage „Hast du mir überhaupt zugehört?“ zufriedenstellend beantworten. Wird jedoch von der Partnerin der Anspruch erhoben, die Bedeutung des Wiedergegebenen zu erörtern („Was habe ich gesagt?“) wird es eng und das fragile Kartenhaus der immerwährenden Achtsamkeit stürzt in sich zusammen, wenn evident wird, dass der Partner die letzten Jahre kein einziges Wort mitbekommen hat.

Die Schweizer Studie hat nun gezeigt, dass man im Schlaf in der Lage ist, sinnentleerte Phrasen mit realen Dingen zu verknüpfen. Also etwa die irreale Phrase „entsorgst du bitte den“ mit dem Subjekt „Müll“. Etwas, das viele im partnerschaftlichen Wachzustand nicht zustande bringen. Allerdings muss man sich dazu in einer bestimmten Schlafphase befinden, dem „Up-State“. Dieser dauert jedoch nur eine halbe Sekunde an und wechselt sich dem „Down-State“ ab, also jenen Zustand geistig abwesender Partner.

Die Studie wird als kleine Revolution in der Lernforschung gesehen. Denn Menschen mit Lernschwierigkeiten könnten quasi, in einem zweistufigen Verfahren, sowohl unter Tags, als auch in der Nacht, lernen. Eine wunderbare Lösung, mit dem man die pädagogischen Daumenschrauben noch ein wenig anziehen könnte. Kindern, die jetzt schon abends bereits am Zahnfleisch kriechen, lassen sich (natürlich erst, nachdem dieses Zahnfleisch ordentlich geputzt wurde) mit Kopfhörerbeschallung die Bildungsstandards im Schlaf hineinprügeln. Die ersten Schulversuche mit Schlaf-Boot-Camps werden nicht lange auf sich warten lassen.

Dennoch ist Tüchtigkeit zu wenig. Man muss vor allem auch gesund tüchtig sein. Der gut funktionierende Mensch hat nicht nur eine Work-Life-Balance, schafft es nicht nur, Karriere und Patchwork-Familie unter einen Hut zu bringen, sondern auch in seiner Freizeit zu meditieren und eine Patchwork-Decke zu nähen. Nun kann er also auch noch im Schlaf lernen. Nach dem Motto „Schläfst du noch oder Up-Statest du schon?“ wird es in den kommenden Jahren tausende Seminare für Führungskräfte geben, die statt mit Bungee-Jumping ihre Fähigkeit zur Mitarbeiterführung zu verbessern, in Sleep-Incentives das Schlafverhalten optimieren. So wie der Schlaf dereinst, mit dem Trend zum Power-Napping, seine Unschuld an die Leistungsgesellschaft verloren hat, poltert nun die PISA-Neurose in die Ruhe. Na dann, gute Nacht!

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