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08.10.2018 | Tekal

Chefsache!

Autor:
Dr. Ronny Tekal

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Nicht alles, was vom Chef operiert wird, wird auch vom Chef operiert.

Dass die Arbeitsbedingungen in österreichischen Krankenhäusern zunehmend prekärer werden, ist bekannt. Doch dass ein hoch angesehener Chirurg gleichzeitig sowohl in einem öffentlichen Krankenhaus als auch in einem Privatspital operieren muss, um über die Runden zu kommen, davon hat die Öffentlichkeit erst jetzt Wind bekommen. Da in dieser Kolumne niemand verunglimpft werden soll, sind hier ausdrücklich weder der Arzt noch die Abteilung, geschweige das Wiener Allgemeine Krankenhaus namentlich erwähnt.

Für alle Patienten, die meinen, in der „Medical Excelsior Class“ privat versichert zu sein, bedeute auch, dass der „Medical Excelsior Primar“ am Tisch stehen würde, bricht nun eine Welt zusammen: Hat sich der Arzt zwischen den präoperativ aufmunternden Worten „das bekommen wir schon hin“ und dem Eingriff tatsächlich heimlich hinausgeschlichen, um später rechtzeitig im Aufwachraum „das haben wir aber gut hinbekommen“ zu murmeln? Andererseits hätte man das eigentlich schon erahnen können. Denn legt nicht die Formulierung „wir“ schon nahe, dass es sich weniger um einen Pluralis Majestatis, sondern einen Pluralis Medicorum handelt, also die Mehrzahl bereits darauf hinweist, dass nicht (nur) eine Person Hand anlegt?

Die Medien, die Öffentlichkeit und die Patientenanwälte sind empört, die Branchenkenner nicht. Man versucht, die Angelegenheit auf „bedauerliche Einzelfälle“ zu reduzieren. Das wiederum empört die Branchenkenner. Schließlich ist es ein offenes Geheimnis, dass ein im OP-Protokoll angeführter Operateur am OP-Tisch nicht immer operativ tätig ist.

Im Grunde genommen ist das Dokumentenfälschung und Betrug, soweit mich meine bescheidenen juristischen Kenntnisse nicht täuschen. Man kann es aber auch als bloße Fahrlässigkeit des Protokollschreibers auslegen – da kann es schon passieren, dass lieber der Name eines Promi-Chirurgen ins Protokoll geschrieben wird, weil einem der Name des Unpromi-Chirurgen auf die Schnelle nicht einfällt. So als Platzhalter.

Dass sich Patienten um teures Geld begnadete Hände erkaufen möchten, mag nachvollziehbar sein. Dabei übersehen sie, dass die wirklich guten Operateure oft gar nicht an der Spitze, sondern im gehobenen Mittelfeld zu finden sind. So mag es vielleicht nicht ganz so hip sein, sich von einem No-Name-Doktor aufschneiden zu lassen, aber mitunter gesünder.

Außerdem sollte man die Kirche im Dorf lassen. Immerhin findet auch niemand etwas dabei, wenn der auf der Einladung zum Ärzteball als Ehrenschutz aufgeführte Bundespräsident nicht erscheint. Vielleicht sollten auch Mediziner künftig einfach den Ehrenschutz bei Operationen übernehmen, dann ist klar, was Sache ist.

Und wer daran glaubt, dass der Chef-Salat ausschließlich vom Chef de Cousine, und nicht etwa von der Cousine des Chefs angerichtet wird, dem ist nicht zu helfen.

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