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Open Access 04.10.2022 | Tekal

Bedingungslos vertrauen

verfasst von: Dr. Ronny Tekal, Dr. Ronny Tekal, Medizin-Kabarettist

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Lügen und lügen lassen im Internet: Ich werde nun meine Jobs als Hof-Arzt, Hof-Narr und fürstlich entlohnter Hofschreiber am Springer-Hof an den Nagel hängen.

Grund ist ein E-Mail, das ich diese Woche erhalten habe: „Sie haben 950.000,00 Euro mit freundlicher Genehmigung der Powerball-Lotterie gewonnen. Reply jetzt für Ansprüche und Klicken auf jetzt bestätigen.“ Ich bedanke mich daher für Ihre Treue und werde nun den Absender, Herrn John Hutchison, anrufen. Leben Sie wohl. (…)

(…) Vermutlich werde ich auch weiterhin für Sie schreiben, da ich Herrn Hutchison nicht erreiche, dessen Telefonnummer länger ist als die Zahl Pi. Aber das Schicksal meint es scheinbar gut mit mir, denn gerade eben erhielt ich in einem persönlichen Schreiben die traurige Nachricht, dass ein naher Verwandter von mir auf einer Fotosafari in Tansania vermutlich von einer heimtückischen Nikon erschossen wurde, mir jedoch eine stattliche siebenstellige Summe vermacht hat. Ein ortsansässiger seriöser Notar konnte mich zum Glück ausfindig machen und bietet mir nun an, das Geld gegen einen kleinen Unkostenbeitrag zu überweisen. Es ist mir allerdings ein Rätsel, wer so einfältig ist, einer derart offensichtlichen Betrugsmasche auf den Leim zu gehen. Zum Glück hat mir ein berühmter Anwalt von der Cambridge Universität gegen einen kleinen Unkostenbeitrag per Mail Unterstützung zugesagt, sollte ich einem Trickbetrüger auf den Leim gehen. Vertrauen kann man letztlich nur seinem eigenen Mobilfunkanbieter, der für solche Fälle eine Sicherheits-App zum Download bietet – gegen einen kleinen Unkostenbeitrag.

Da ich aber generell an die Aufrichtigkeit der Menschen glaube, stelle ich mir vor, wie verzweifelt der arme Notar sein muss, der das ihm anvertraute Geld mit großem Unbehagen unter dem Kopfpolster versteckt, bis er den rechtmäßigen Besitzer ausgeforscht hat – und niemand meldet sich zurück. Ich habe daher beschlossen, der Welt mit mehr Vertrauen zu begegnen und mich beim Notar zu melden. Auch werde ich mich mit Herbert, 67, aus Amstetten, zum Online-Schach verabreden und nicht gleich vermuten, dass sich in Wahrheit Jessica, 27, aus New York hinter dem Pseudonym verbirgt, die gar nicht Schach spielen kann. Und ich werde jedem Patienten, der telefonisch behauptet, ihm sei ein Bein abgefallen, in den Krankenstand schicken, auch wenn das Bein nach dem Wochenende wieder nachgewachsen sein dürfte.

Natürlich ist es einfacher, digital zu betrügen. Man muss einen Menschen nicht ins Gesicht lügen, sondern nur in sein Profil. Tagtäglich belügen wir das Internet, indem wir wiederholt kühn behaupten, die allgemeinen Geschäftsbedingungen durchgelesen und akzeptiert zu haben. So treten wir das Vertrauen, das Google in uns setzt, eiskalt mit Füßen.

Gerade eben hat mein „Chefredakteur“ geschrieben, dass es schon längste Zeit wäre, die Kolumne abzugeben. Da müsst ihr schon früher aufstehen, liebe Gauner. Aber ich bin schließlich ein Draufgänger. Also bitte – hier ist sie!

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Metadaten
Titel
Bedingungslos vertrauen
Schlagwort
Tekal
Publikationsdatum
04.10.2022

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