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Wirklich nur Weihnachtsblues?

  • 04.12.2025
  • Suizid
  • Redaktionstipp
  • Zeitungsartikel

Hausärztinnen und Hausärzte, die ihre Patienten lange begleiten, können die Symptome einer Depression früh erkennen und schnell intervenieren.

Ob es noch die Nachwehen der Corona-Pandemie sind, ob die Menschen in der heutigen krisenhaften und schnelllebigen Zeit insgesamt anfälliger sind, oder ob dem Thema einfach mehr Aufmerksamkeit zu Teil wird – Tatsache ist: Immer mehr Menschen leiden unter psychischen Problemen, die so ausgeprägt sind, dass die Betroffenen stark beeinträchtigt sind und ihren Alltag nicht mehr meistern können.

Denn, um mit einem noch immer weitverbreiteten Missverständnis und Vorurteil (teils auch unter Ärztinnen und Ärzten) aufzuräumen: Eine Depression ist keine bloße Befindlichkeitsstörung. Sie raubt Körper und Geist jegliche Energie, führt in eine tiefe innere Leere und ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Darüber hinaus ist sie mit zahlreichen Komorbiditäten assoziiert und einer der häufigsten Gründe für Suizidalität. Kurzum: Es handelt sich um eine existenzielle Erkrankung.

Die Hausarztpraxis kann als zentrales Bindeglied bei der Versorgung depressiver Störungen fungieren. Sie ist oft die erste Anlaufstelle für Betroffene und Ärztinnen und Ärzte können aufgrund der langjährigen Vertrauensbeziehung zu ihren Patienten mögliche psychische Veränderungen auch frühzeitig wahrnehmen.

Eigene Kompetenz erkennen

Tatsache ist, nicht alle Hausärzte fühlen sich sicher im Umgang mit psychischen Erkrankungen. Darüber hinaus erschweren die unterschiedlichen Versorgungsstrukturen, die oft wenig aufeinander abgestimmt sind, ein optimales Management. Das liegt an der Vielzahl beteiligter Akteure, der regionalen Heterogenität der Angebote, aber auch an Unterschieden bei der Finanzierung.

Dem Austrian Health Report 2025 ist zu entnehmen, dass 63 Prozent der Befragten in Salzburg besonders zufrieden mit der Gesundheitsversorgung sind, während das in Niederösterreich nur 40 Prozent bestätigen. 80 Prozent der Wienerinnen und Wiener würden sich selbst als mental gesund bezeichnen, aber nur 58 Prozent der Befragten im Bundesland Tirol. Im Bestreben, dem steigenden Bedarf gerecht zu werden und psychische Erkrankungen möglichst schon im Anfangsstadium behandeln zu können, kommt Hausärzten eine Schlüsselrolle zu. Wenn Sie Patientinnen und Patienten über viele Jahre hinweg begleiten, haben Sie andere Vergleichswerte als Kollegen anderer Fachbereiche.

Steckbrief Depression

Im neuen ICD-11 (internationales Klassifikationssystem für Krankheiten und verwandte Gesundheitsprobleme) haben sich die Diagnosekriterien für unipolare Depressionen wesentlich verändert. Gefordert werden mindestens fünf Symptome, die neuerdings einem von drei Clustern zugeordnet werden: einem affektiven (Stimmung Interessenverlust, Freudlosigkeit), kognitiven (Konzentration, Aufmerksamkeit, Selbstwertgefühl, dysthyme Gedanken) oder neurovegetativen (Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Unruhe, Antriebsmangel) Cluster. Die Unterteilung in Haupt- und Zusatzsymptome entfällt hingegen.

Der Schweregrad ergibt sich nicht mehr allein aus der Summe der Symptome, sondern richtet sich auch nach deren Intensität sowie der resultierenden Funktionseinschränkung. Ein wesentliches Merkmal depressiver Störungen ist die Beeinträchtigung im Alltag und in der gesamten Lebensführung.

Wenn das Leben Anforderungen stellt, jedoch die Anpassung an die Situation dem Patienten oder der Patientin nicht möglich erscheint, können immer psychische Probleme entstehen. Auslöser können ein einschneidendes Lebensereignis wie eine schwere Krankheit oder Behinderung, eine Scheidung oder der Auszug aus dem Elternhaus sein, aber auch eine Anhäufung von Alltagsproblemen wie soziale Konflikte, anhaltender Zeitmangel und Stress. Werden diese Probleme als persönliches Scheitern oder als Beweis eigener Unzulänglichkeit angesehen, kann es im Weiteren zur Entwicklung einer psychischen Erkrankung kommen ( ZAllg Med 2017; 93 (6)260–265 ). Auch Feiertage, die grundsätzlich positiv konnotiert, aber auch mit einer hohen Erwartungshaltung verbunden werden, sind häufig Trigger für psychische Instabilität und Frustration.

Leitfragen für die Praxis

Nicht jede Person, die niedergeschlagen und antriebslos ist, hat eine Depression. Auch wenn die Abgrenzung oft schwierig erscheint, gibt es klare Diagnosekriterien für depressive Erkrankungen (basierend auf der nationalen Versorgungsleitlinie für Unipolare Depression aus Deutschland): Bei einem ersten Verdacht sollten zunächst mögliche Risikofaktoren in der primärärztlichen Versorgung abgeklärt werden. Dazu gehören:

- frühere depressive Episoden in der eigenen Vor- oder Familiengeschichte,

- Suizidversuche in der eigenen Vor- oder Familiengeschichte,

- somatische und andere psychische Erkrankungen wie Substanzmissbrauch,

- aktuell belastende Lebensereignisse und ein Mangel an sozialer Unterstützung

 Um den Verdacht weiter zu erhärten, sollen gezielt Beschwerden abgefragt werden, die auf eine Depression hindeuten können. Mit spezifischen Testverfahren lassen sich die Kernsymptome einfach und schnell erheben. Aussagekräftig (Sensitivität 96 Prozent, Spezifität 57 Prozent) ist etwa der sogenannte Zwei-Fragen-Test (PHQ-2), der auf die Kernsymptomatik abhebt:

- Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?

- Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?

 Um eine endgültige Diagnose gemäß der neuen ICD-11-Kriterien stellen zu können, müssen zumindest fünf Symptome, davon mindestens eines aus dem affektiven Cluster, über mindestens zwei Wochen an fast jedem Tag auftreten.

Verdacht auf Suizidalität

Man kann es nicht oft genug betonen: Das aktive Ansprechen von Suizidalität erhöht das Risiko nicht, sondern wirkt im Gegenteil meist entlastend und entschärft den Suiziddruck. Nur etwa die Hälfte der Betroffenen äußert sich von sich aus gegenüber dem sozialen Umfeld oder Ärzten. Umso wichtiger ist es, das Thema offen anzusprechen. Bei einer Depression ist die Frage nach Suizidalität obligater Bestandteil der Anamnese. Sie soll bei der Diagnosestellung wie auch regelmäßig im Verlauf gestellt werden. Mögliche Beispielfragen können lauten:

- Haben Sie schon einmal versucht, sich selbst etwas anzutun?

- Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, wie, wo und wann Sie sich selbst töten können?

- Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Sie sich in nächster Zeit tatsächlich das Leben nehmen?

- Gibt es Dinge in Ihrem Leben, die Sie davon abhalten, sich selbst etwas anzutun?

Langzeitbetreuung gewährleisten

Eine wichtige Aufgabe kommt Hausärzten schließlich auch nach einem akutstationären Aufenthalt und grundsätzlich bei der Langzeitbetreuung von Personen mit Depressionen zu. Nach einer Akut-, einer Erhaltungstherapie und einer Rezidivprophylaxe sind sie dafür verantwortlich, gemeinsam mit den Patienten über den geeigneten Zeitpunkt für das Absetzen der Medikation zu entscheiden.

Dazu liefert die nationale Versorgungsleitlinie aus Deutschland unter besonderer Berücksichtigung von Absetzphänomenen einige neue Empfehlungen. So soll ein schrittweises Absetzen über einen Zeitraum von mindestens acht bis zwölf Wochen erfolgen. Während dieser Zeit sollen die Patienten regelmäßig einbestellt werden. Absetzphänomene sind in vielen Fällen unspezifisch und können leicht mit einem Rezidiv verwechselt werden. Um entsprechende Symptome richtig zu deuten, hilft die sogenannte FINISH-Regel: Flu-like symptoms (grippeähnliche Symptome), Insomnia (Schlafstörungen, intensive Träume), Nausea (Übelkeit, Erbrechen), Imbalance (Gleichgewichtsstörungen, Schwindel), Sensory disturbances (Dysästhesien, „Stromschläge“) sowie Hyperarousal (Agitation).

Eine Klinikeinweisung ist grundsätzlich immer indiziert, wenn die ambulante Behandlung keine Verbesserung der Symptomatik erzielt und eine Dekompensation droht. Neben der Schwere der Depression können auch ungünstige äußere Lebensumstände zu einer psychischen Destabilisierung beitragen.

Der ungekürzte Originalbeitrag inkl. weiterer Leitfragen und Expertinneninterviews ist erschienen in der deutschen ÄrzteZeitung 38-39/25, S. 10–15.

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Publikationsdatum
04.12.2025
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 51-52/2025
Bildnachweise
Nadelnder Tannenbaum /© Catherine McQueen / Getty Images / iStock