Einleitung
Mentalisierung beschreibt jene imaginative Fähigkeit, welche die Zuschreibung eigener und fremder mentaler Zustände – wie Gefühle, Gedanken, Motive – zulässt. Im Zuge des Entwicklungsprozesses durchläuft der Mensch verschiedene Entwicklungsstufen der Mentalisierungsfähigkeit, welche sich in vier Modi einteilen lassen und unmittelbar mit der Mentalisierung in Verbindung stehen. Diese gliedern sich in drei sogenannte prämentale Modi und in einen mentalisierenden Modus. Sogenannte prämentalistische Modi stellen wesentliche Entwicklungsschritte dar, welche das Kind durchlebt. Durch kongruente Spiegelungsprozesse („mentalized affectivity“ [
1]) ist es möglich, dass Selbstzustände entwickelt werden können und somit auch Repräsentanzen gebildet werden. Erst ab dem 5. Lebensjahr entwickelt das Kind den mentalisierenden Modus und kann ab diesem Zeitpunkt sowohl eigene Gedanken, Gefühle und Motive interpretieren und verstehen als auch die Verhaltensweisen und zugrunde liegende Gedanken, Gefühle und Motive anderer in Relation zueinander setzen (vgl. [
3]). Geprägt wird die Entwicklung der Mentalisierungsfähigkeit von frühkindlichen Beziehungs- und Bindungsmustern.
Unzureichende Spiegelungsprozesse führen dazu, dass sich das Kind nicht als kohärentes Selbst wahrnimmt
Insofern verhindert unmarkiertes Spiegeln eine Trennung der eigens und fremd erlebten Gefühle, was in weiterer Folge zu einer Dysbalance der Affektregulation führt (vgl. [
4]).
Beeinträchtigungen des Mentalisierens zeigen sich in Formen der Hyper- oder Hypomentalisierung: Bei psychotischen Patient:innen korrelieren die Defizite der Mentalisierung wesentlich mit den Negativ- und Positivsymptomen, in denen die Betroffenen meist hypo- oder hypermentalisieren und dadurch versuchen, traumatische Gefühle oder Scham durch externalisierende Faktoren abzuwehren (vgl. [
1]). Auch bei depressiven Patient:innen können sich Einschränkungen in der Mentalisierungsfähigkeit zeigen, indem vor allem negative Stimmung und soziale Isolation auftreten. Dies äußert sich bei schweren Depressionen in der Hypomentalisierung (vgl. [
5]).
Während das Konzept der Mentalisierungsförderung mittlerweile gut etabliert ist, gibt es kaum systematische Wirksamkeitsstudien im psychiatrischen Setting [
2,
6]. Als Teil eines größeren Forschungsprojekts der Klinik Favoriten [
7], das primär das Personal geschult hat, wurde die Patient:innenperspektive wissenschaftlich beleuchtet [
8] und hinsichtlich der Kovariaten Kindheit, Persönlichkeit und Affekt vor dem Hintergrund der Mentalisierungsfähigkeit analysiert. Insgesamt wurden 50 Patient:innen – darunter 30 depressive Patient:innen und 20 psychotische Patient:innen – mittels standardisierter Fragebögen (Brief Symptom Inventory 18: BSI-18, Reflective Functioning Questionnaire: RFQ‑6, Mentalization Scale: Ment‑S, OPD-Strukturfragebogen Kurz: OPD-SFK, Level of Personality Functioning Scale 2.0: LPFS-BF, Childhood Trauma Questionnaire: CTQ, Experiences in Close Relationships: ECR‑R, Brief Affective Neuroscience Personality Scales: BANPS-GL, Affectregulation and Affect experiensce q-sort - AREQ) gepaart mit standardisierten Interviews befragt.
In Hinblick auf die Mentalisierungsfähigkeit lassen sich bedeutsame Erkenntnisse identifizieren: Die beiden Untersuchungsgruppen unterscheiden sich in ihrer Mentalisierungsfähigkeit nicht signifikant voneinander. Es kristallisieren sich grundlegende Einschränkungen in der Fähigkeit des Mentalisierens heraus, welche möglicherweise mit einer steigenden Symptombelastung in Relation gesetzt werden können. Ebenso zeigen sich Tendenzen zu Hyper- und Hypomentalisierung: Psychotische Patient:innen neigen eher zur Überzuschreibung mentaler Zustände, während depressive Patient:innen eher zu Defiziten im Sinne der Selbstbezogenheit tendieren. Somit erweisen sich die Mentalisierungsdefizite als transdiagnostisches Phänomen – unabhängig vom spezifischen Störungsbild.
Depressive Patient:innen weisen tendenziell ausgeprägtere Selbstkritikdynamiken auf
Auch beim Kindheitstrauma zeigt sich ein ähnliches Bild: Beide Patient:innengruppen tragen vergleichbare Traumatisierungserfahrungen, insbesondere emotionale und körperliche Vernachlässigung sowie emotionaler Missbrauch mit sich. Bindungsangst und -vermeidung treten als weitere Komponenten auf, die eher bei depressiven Patient:innen ihre Ausprägungen zeigen. Dies unterstreicht, dass frühe Traumatisierungen nicht unabhängig voneinander auftreten und sich als gegenseitig verstärkende Muster manifestieren. Kindheitstraumata gelten somit weiterhin als allgemeiner Risikofaktor für psychische Erkrankungen.
Im Rahmen der Persönlichkeitsstruktur ergibt sich ein ähnliches Bild: Das Funktionsniveau ist in beiden Patient:innengruppen beeinträchtigt und unterscheidet sich nicht signifikant.
Während sich die beiden Gruppen in Mentalisierung, Kindheitstrauma und Persönlichkeit ähneln, zeigen sich im Bereich Affekt klare Unterschiede. Depressive Patient:innen erleben Angst und Traurigkeit intensiv – der Affekt ist präsent, mitunter überwältigend. Ebenso zeigt sich, dass realitätsfokussierte Bewältigungsstrategien eher angewendet werden als bei psychotischen Patient:innen. Jedoch neigen depressive Patient:innen mehr zu vermeidender Abwehr, die sich möglicherweise in Somatisierung ausdrückt (emotionaler Konflikt – somatischer Ausdruck). Psychotische Patient:innen hingegen zeigen eher Affektabflachung und inadäquate Emotionsausdrücke, regulieren ihre Gefühle durch externalisierende Abwehr. Klar ist, dass es sich um fundamental unterschiedliche Emotionsregulationsstrategien handelt, die störungsspezifisch zugeordnet werden können.
Diskussion
Es gibt eine Schnittmenge aus Vulnerabilitäten, die sowohl depressive als auch psychotische Patient:innen teilen. Gemischte Muster der Hyper- und Hypomentalisierung sprechen eindeutig für eine höhere Bedeutung der individuellen Symptomatik und Persönlichkeit. Diese Erkenntnisse bestätigen, dass Mentalisierungsdefizite über die Diagnose hinweg betrachtet werden müssen. Gleichzeitig gibt es einen klaren störungsspezifischen Bereich – nämlich den Affekt. Diese Unterscheidung ist nicht nur theoretisch interessant, sondern hat direkte klinische Konsequenzen [
9,
10]. Bei depressiven Patient:innen stehen Angst und Traurigkeit als primärer Affekt zentral im Mittelpunkt, bei psychotischen Patient:innen der sozialisiert negative Affekt. Die vermeidende Abwehr dürfte im Depressionsspektrum im Sinne der Affektregulation bedeutsam sein, im psychotischen Erkrankungsbild ist von zentralen Funktion der externalisierenden Abwehr auszugehen.
Da die Stichprobe mit
N = 50 eher klein ist und Selbstauskunftsbögen immer ein gewisses Biasrisiko mit sich bringen, ist die Aussagekraft der Erhebung zu hinterfragen. Jedoch ebnet sich ein differenziertes Bild, welches für die klinische Praxis von Bedeutung ist: Transdiagnostische Faktoren müssen in Hinblick auf die Förderung von Mentalisierung mit störungsspezifischen Einflüssen in Verbindung gebracht werden. Dies ist besonders für die Erprobung neuer, störungsspezifischer Interventionen von großer Bedeutung, denn im klinischen Versorgungssetting könnte die Behandlungsqualität [
11‐
13] insofern gesteigert werden, als störungsspezifische Komponenten, wie im Bereich der Affektwahrnehmung und -regulierung, in der Kommunikation mit den Patient:innen in den Fokus gerückt werden. Zusammenfassend: Transdiagnostische als auch störungsspezifische Betrachtungsweisen sind in Hinblick auf die Mentalisierungsförderung von zentraler Bedeutung [
14].
Hinweis des Verlags
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