Skip to main content

Tipp

Weitere Artikel dieser Ausgabe durch Wischen aufrufen

Open Access 18.01.2023 | springermedizin

Das A und O unserer Sprache

verfasst von: Annabella Khom

share
TEILEN
print
DRUCKEN
insite
SUCHEN

Die Bibel ist nicht nur das meistverkaufte, sondern auch das meistgeklaute Buch der Welt. Zurecht, denn was wären wir ohne sie? Zumindest um einen Sprachschatz und viele Weisheiten ärmer.

Man muss die Bibel nicht von vorne bis hinten studieren, um halbwegs mitreden zu können. Aber es schadet nicht, sich bewusst zu machen, wie sehr das Buch der Bücher unser Leben prägt. Gottesdienste dienten ursprünglich dazu, Analphabeten die Heilige Schrift zugänglich zu machen. Die Gelehrten lasen den Gläubigen aus den Schriftrollen vor und auch heute wird uns in der Messe mindestens zweimal aus der Bibel vorgelesen – einmal aus dem Alten Testament und einmal aus dem Neuen Testament.

Gottes Werk ...

Durch Gottesdienste verbreitete sich nicht nur das Schöpfungsgedicht des Universums, der Erde, der Menschen, des Getiers oder die Dreiecksbeziehung zwischen Gott, Adam und Eva, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus oder die Apokalypse, das Wort Gottes schenkte uns zudem unzählige Redewendungen, Lebensweisheiten und Sprüche, die wir tagtäglich in unserem Leben und Sprachgebrauch eingewoben haben. Beispiele hierfür sind „ Perlen vor die Säue werfen “, „ sein Licht unter den Scheffel stellen “, „ der Stein des Anstoßes “, „ einen Denkzettel verpassen “ oder „ jemandem die Leviten lesen “.

Letzteres stammt aus dem Buch Levitikus und ist eine (quälend) langatmige Passage im Alten Testament. Es handelt sich um eine Sammlung von Verhaltensregeln und Vorschriften für Geistliche. Als Disziplinierungsmaßnahme wurden junge Mönche einst dazu verdonnert, Abschnitte des Levitikus zu lesen. Von daher stammt die Bedeutung, jemanden „zurechtweisen, ihm eine Strafpredigt halten“, wenn wir jemanden die Leviten lesen.

Einhörner und Regenbogen

Ja, auch Einhörner sind Ausgeburten der Bibel. Das Alte Testament hat das Fabeltier zum Star gemacht, als der hebräische Text im dritten Jahrhundert vor Christus ins Griechische übertragen wurde. Damals standen die Übersetzer vor einem Problem, denn an mehreren Stellen wurde von dem seltsamen Tier „Re’em“ berichtet. Bei den 72 Übersetzern herrschte Ratlosigkeit, denn niemand wusste, um was für ein Wesen es sich dabei handelte. Schließlich nannten sie es „Monokeros“, zu deutsch „Einhorn“. Heute weiß man, dass ein Stier gemeint war.

Ein Fehler ist auch zwei Londoner Bibeldruckern passiert, als sie im Jahr 1631 versehentlich das Wort „nicht“ im siebten Gebot vergaßen. Somit hieß das Gebot „Du sollst Ehebruch begehen“. Eine Kopie dieses Fehldruckes kann man heute für 90.000 Dollar kaufen.

Was ist nun mit dem Regenbogen?

Gott versprach Noah, dass er die Menschheit nie mehr vernichten wird. Als Erinnerung malte Gott einen bunt leuchtenden Regenbogen in den Himmel und sagt zu Noah: „ Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden.

Um noch ein paar Stellen der Bibel vorzustellen, schwurble ich hier ein Laiengedicht in den Äther: Im Tohuwabohu unseres Lebens stehen uns oft die Haare zu Berge , vor allem dann, wenn das Leben Gift und Galle spuckt . Wir suchen einen Sündenbock für all das, was uns ein Dorn im Auge ist. Auf eigene Faust entlarven wir den Wolf im Schafspelz und lamentieren über den Stein des Anstoßes . Anderen lesen wir die Leviten und sinken bigott in den Schlaf des Gerechten . Uns wird gesagt: „ Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.

Das ist ärgerlich, da wir alle im Dunklen tappen . „ Was du nicht willst, das man dir tut, das füge auch keinem anderen zu!“ , und „ wer einem eine Grube gräbt, fällt selbst hinein “, … all diese Lebensregeln hören wir von klein auf. Trotzdem kommen wir auf keinen grünen Zweig und waschen unsere Hände in Unschuld , obwohl wir Schindluder getrieben haben .

Glaube ist nicht jedermanns Ding , heißt es an anderer Stelle (2. Brief an die Thessalonicher). Doch Glaube hin oder her, die Bibel ist es, die uns all diese Redewendungen beschert hat, die in diesem kurzen Text eingewoben sind. Die Redewendungen zeichnen ein Bild über unser Leben und wie es so spielt.

Das Buch der Bücher

Alles hat seine Zeit “, so beginnt anderes, gern benutztes Aperçu, das auf eine Textstelle über den König und Prediger Salomon im Alten Testament zurückgeht. „ Alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde “, heißt es da. „ Geborenwerden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit, Töten hat seine Zeit und Heilen hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit und Lachen hat seine Zeit. Tanzen hat seine Zeit, Umarmen hat seine Zeit. Sich der Umarmung enthalten hat auch seine Zeit. Suchen hat seine Zeit, sich verlieren hat seine Zeit; Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit. Lieben hat seine Zeit. Hassen hat seine Zeit, Krieg hat seine Zeit und Friede hat seine Zeit “, predigt Salomon. „Worum geht´s hier eigentlich?“, ja, das wusste Hildegard Knef mit ihrem Musikalbum auch nicht so genau.

Apropos Musik: 2.000 Jahre nach Salomon kam David Bowie (1947–2016) daher, der auch „man of words and man of music“genannt wurde. Eines von Bowies Markenzeichen war der gezackte rote Blitz auf dem Cover der „Aladdin Sane“-LP (1974). Dieses Sujet war seinerzeit so berühmt, dass es ausgewählt wurde, ein neues Sternbild zu sein, und zwar zu Ehren des belgischen Priesters und Astrophysikers Georges Lemaitre, dem Begründer der Urknall-Theorie. Belgische Astronomenhaben den gezackten Blitz aus der Glamrock-Ära am Firmament verewigt, indem sie eine Linie zwischen sieben Sternen gezogen haben ( siehe kleines Bild ). Die gläubigen Wissenschaftler wollten damit Bowies Genieblitz als göttliche Gabe in das Himmelszelt eingravieren, aber auch dem Forschergeist eines Priesters ein ehrendes Andenken setzen.

... und Österreichs Beitrag

Sie sind noch nicht überzeugt von der Macht des Wortes über das Meer der Zeiten hinweg? Ein kleiner Bekehrungsversuch in Form weiterer ausgewählter Redewendungen gefällig? Sich etwas zu Herzen nehmen , das Hab und Gut zusammenhalten oder nach Herzenslust essen – das alles sind Sprichwörter, die im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch fest verankert sind. Über ihren Ursprung macht sich bei ihrer Verwendung hingegen kaum jemand Gedanken und dass viele von ihnen der Sprachgewalt der Reformator Martin Luther zu verdanken sind. Insgesamt hielt Luther ungefähr 3.000 Predigten, von denen circa 2.000 überliefert sind.

Doch der Theologieprofessor war nicht der erste, der Gottes Wort in die deutsche Sprache übertrug. Bereits im 14. Jahrhundert schuf ein Anonymus, der aufgrund des sprachlichen Befundes schlicht der „österreichische Bibelübersetzer“ genannt wird, eine umfangreiche und dazu noch kommentierte Version. Das Besondere: Der Übersetzer war ein Laie, der das Bibelwort mit seinen Übersetzungen einer größeren Zahl von dem Latein nicht mächtigen Laien zugänglich machen wollte. Dass der Buchdruck zur Zeit des österreichischen Übersetzers, etwa um 1330, noch nicht erfunden war, erschwerte die Verbreitung der Texte erheblich. „Luthers Übersetzung ist ohne Frage genial. Doch profitierte er auch davon, dass sein Werk direkt gedruckt und so in größerer Zahl vervielfältigt werden konnte“, sagt der Germanist Jens Haustein. Ein Fall von publish or perish der frühen Neuzeit.

Literaturempfehlungen

Rainer Metzner (2022). Ein Buch mit sieben Siegeln. Die Redewendungen der Bibel. 496 S., Softcover 59,70 Euro, Evangelische Verlagsanstalt, ISBN 978-3-374-07132-6

Wagner, Gerhard (2017). Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. 158 S., Hardcover 22,60 Euro, Wbg Theiss, ISBN 978-3-8062-2906-6

Metadaten
Titel
Das A und O unserer Sprache
Schlagwort
springermedizin
Publikationsdatum
18.01.2023

Weitere Artikel der Ausgabe 03/2023