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19.11.2022

Sprechende Knochen aus römischer Zeit

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Die Gräber der Römerstadt Lauriacum/Enns sind ein Archiv für den Gesundheitszustand der Menschen am Donau-Limes.

Enns kennen die motorisierten Österreicher als Abfahrt der Westautobahn an der Bundesländergrenze OÖ und NÖ. Ihre verkehrsgünstige Lage an der Mündung der Enns in die Donau und am Schnittpunkt alter Handelswege war auch der Grund für die erste Anlage der Stadt im 2. Jahrhundert n. Chr.

Enns, das antike Lauriacum, war der Sitz des Statthalters. Hier lagen zwei Schwester-Legionen, die legio II Italica und die legio III Italica – diese an der Donau stationierten Armeen wurden in Italien aufgestellt. Die antike Stadt bestand aus dem Legionslager, den zivilen Siedlungen und ihren Gräberfeldern. Letztere werden in jüngster Zeit in Enns intensiv erforscht. Der englische Titel der Grabung lautet „Life and Death at the Danube Limes. The Cemeteries of Lauriacum/Enns“ (kurz: LDDL), gefördert wird die Unternehmung aus Mitteln der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.

Dem römischen Gesetz entsprechend lagen die Gräber außerhalb der Siedlung und begleiteten die ins Umland und in andere Reichsteile führenden Ausfallstraßen. Wie ein Kranz legten sich diese Totenstadt im Osten, Süden und Westen um das Gebiet der Lebenden. Mit der wachsenden Stadt wanderten auch die Grabbezirke, zum Beispiel entlang der Limesstraße nach Westen in den modernen Stadtteil Kristein hinein. In dieser lang gestreckten Nekropole können Archäologen den Wandel der Begräbnissitten hierzulande nachvollziehen. Im Mithraskult der Legionäre, aber auch im aufkeimenden Christentum war die Unversehrtheit des Körpers wichtig, die Brandbestattung kam aus der Mode.

„Selbst an stark zerbrochenen Knochen lassen sich noch bestimmte Krankheitsbilder ablesen“, sagt die LDDL-Anthropologin Andrea Stadlmayr. So können Entzündungen der Beinhaut zu einem Umbau der Knochenoberfläche führen. Identifizieren wir ein Fragment eines Schienbeins, können wir es auf Spuren einer Periostitis untersuchen. Spannend ist aber auch die Frage, wie gut die Knochen des Verstorbenen verbrannt sind. Bei römischen Brandbestattungen war das Ziel eine vollständige Einäscherung. Sind also einzelne Knochen nur verkohlt, ist irgendetwas nicht ganz nach Plan verlaufen.

Kollegin Maria Marschler erwartet „mit Spannung“ die baldige Auswertungen der Erdproben aus Körpergräbern, die Aufschlüsse zu Darmparasiten liefern. Die Eier von Helminthen sind so widerstandsfähig, dass sie Jahrtausende im Erdboden überdauern. Da Helminthen über Schmutz- und Schmierinfektion, kontaminierte Lebensmittel oder kontaminiertes Wasser sowie über Toiletten übertragen werden, liefern sie auch Hinweise auf die Ernährung, Kochgewohnheiten, Sanitäreinrichtungen und Hygiene.

Blog-Tipp https://lauriacum.info/blog

Weitere Informationen:

https://lauriacum.info/blog

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Metadaten
Titel
Sprechende Knochen aus römischer Zeit
Publikationsdatum
19.11.2022

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