Sie standen ganz oben
- 05.12.2025
- Leben
- Zeitungsartikel
Vor 70 Jahren führte Fritz Moravec eine österreichische Expedition auf den Gipfel des Gasherbrum II. Dreißig Jahre nach dieser Pioniertat lernte ich einen stillen Mann kennen, der gern Schach spielte und seine Berge liebte wie kein Zweiter.
rFitz Moravec, geboren in Wien-Hietzing, war der Leiter der Expedition, die während der Himalaja-Karakorum-Expedition von 1956 den 8.035 m hohen Gasherbrum II. bestieg. Als er in München ankam, traf er Hermann Buhl (re.), und sie tranken zusammen ein Bier.
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Heute vor 40 Jahren fünf Monaten und 5 Tagen erwachte ich zum Scheppern eines Ghettoblasters in der Barackensiedlung der Hochgebirgsschule Moserboden-Kaprun. Etwas war anders. Es war kälter und stille als sonst. Trotz des Lärms, der uns zum Frühstück rief, hatte sich eine jeden Laut dämpfende Schneedecke auf die Almrasen gelegt. Es war Juli und ich hatte nichts Längeres dabei als meinen Pyjama. Also rein in die Knickerbocker und die dicken Wollstrümpfe raufgerollt.
Anstelle des üblichen Marsches auf den „Mini-Montblanc“ genannten Übungsberg, ließ der Chef der Hochgebirgsschule seine „Kinderseilschaften“ drinnen bleiben. Wir versammelten uns im Haupthaus. Fritz Moravec streichelte seinen Hund und rief ein Schachturnier aus.
Wer war der Mann, bei dem schon mein Vater in die Kletterschule gegangen war? Ein freundlicher Herr mit Vollbart und einem Faible für Tibetfahnen? Ja, das auch. Aber er war vor allem ein ernst zu nehmender Expeditions-Bergsteiger, dem sogar eine international bedeutende Erstbesteigung geglückt war: Gemeinsam mit Sepp Larch und Hans Willenpart gelang ihm 1956 die Erstbesteigung des 8.035 m hohen Gasherbrum II im Karakorum. Damit war ihm der Durchbruch zum internationalen Spitzenbergsteiger gelungen; es folgten zahlreiche weitere Expeditionen.
Doch davon ahnte ich an diesem Tag nichts. Als es draußen dunkel wurde, probte ich wie viele andere Kinder einen Sketch. Die Abendgestaltung übernahmen wir selbst. Jahrzehnte vor Netflix und Co. sangen wir „Wenn wir erklimmen schwindelnde Höhen“; wir gaben 10 Schilling für Schokolade und Sportgummi aus; und an diesem Hütten-Abend würden wir auch eine Kaberett-Nummer aufführen ...
Zwei Jahre vor Moravec war Herbert Tichy als Erster auf dem Gipfel des Cho Oyu gestanden, aber auch er war nicht der erste Österreicher, dem so eine tollkühne Tat gelungen war. Und so steht auf der Ehrentafel derjenigen Österreicher, die einen Achttausender erstbestiegen haben an erster Stelle Hermann Buhl (3. Juli 1953: Nanga Parbat, 8.125 m), an zweiter Stelle haben sich Tichy, Sepp Jöchler und Pasang Dawa Lama (19. Oktober 1954, Cho Oyu) verewigt; und an dritter Stelle folgt die Moravec-Expedition (7. Juli 1956).
Würde man heute eine Straßenumfrage machen, der Name Fritz Moravec würde wohl niemandem etwas sagen. Das mag, es bleibt Spekulation, an seiner unaufgeregten Art liegen, es mag darin begründet sein, dass Moravec keine außergewöhnlichen Bergtragödien überlebt hatte wie seine Nachfolger Kurt Diemberger und Reinhold Messner.
Als vor wenigen Jahren am „Walk of Fame“ im Einkaufszentrum in Wien-Hietzing ein Stern zu Ehren von Moravec enthüllt wurde, hielt Alt-Bundespräsident und Naturfreunde-Ehrenpräsident Heinz Fischer die Festrede. Dabei erwähnte er etwas, das Moravec offenbar allen seinen Schülern und Bergführern mit auf den Weg gegeben hatte: „Lieber dreimal umdrehen, als einmal unter Gefahr weitergehen.“ Hatte er doch 1959 eine Dhaulagiri-Expediton in 7.000 Meter Seehöhe abgebrochen. Es wäre seine zweite Erstbesteigung eines Achttausenders gewesen. Seine Vorleistung legte aber den Grundstein für die erfolgreiche Schweizer-österreichische Expedition im Folgejahr.
Picklbremsen und Figl-Fahrten
... Gelacht über meinen Sketch, in dem es um einen vorbeispazierenden Finanzminister und einen Sandler ging, hat nur Moravec. Dafür danke ich ihm bis heute. Was ich sonst bei ihm gelernt habe? Wie man einen Felsen bergab geht ohne abzurutschen, wie man sich beim Abseilen vom Felsen abstößt, wie man Prusik-Knoten knüpft, ein Lagerfeuer entzündet und in Gang hält.
„Live Aid“ haben wir nachts in unserer Barracke im Radio gehört. Geträumt haben wir danach aber nicht von den Auftritten von Led Zeppelin, Queen, Status Quo, Sting oder U2, sondern vom Großen Wiesbachhorn (3.564 m) und seinen vereisten Flanken, von Pickelbremsen und Bremsmanövern bei unseren halbrecherischen Abfahrten mit den Kurzskiern, von selbst gehackten Eisstufen – und von einem Mann mit einem Chow-Chow auf einer Holzbank vor seiner Hütte.
Die Hochgebirgsschule Glockner-Kaprun, die Moravec 1961/62 gegründet hatte, wurde 2009 geschlossen. Der Bergsteiger war da bereits 12 Jahre tot. 1998 wurde der FritzMoravec-Steig am Küniglberg in Wien nach ihm benannt.
Literaturempfehlung (antiquarisch): Moravec, Fritz: Weiße Berge – Schwarze Menschen. Vom Himalaja zu den Riesenkratern Afrikas. 223 S., ÖBV 1958.