Sesshaftigkeit brachte den Krieg
- 13.03.2026
- Leben
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Statistische Auswertungen archäologischer Funde stützen eine alte These: Kriege entstanden wahrscheinlich erst mit der Sesshaftigkeit. In frühen Jäger- und Sammlergesellschaften war tödliche Gewalt seltener.
Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.
Seit wann führen Menschen Kriege? Diese Frage trennt seit Jahrhunderten zwei Denktraditionen. Der englische Philosoph Thomas Hobbes sah in der Frühgeschichte der Menschheit einen dauernden „Krieg aller gegen alle“. Gewalt sei der natürliche Zustand gewesen. Der Genfer Denker Jean-Jacques Rousseau hielt dagegen: Der Mensch sei von Natur aus gut. Krieg und Gewalt seien erst mit komplexen Zivilisationen entstanden.
Archäologische Daten erlauben inzwischen einen empirischen Blick auf diese alte Streitfrage. Eine wichtige Untersuchung veröffentlichte 2014 die Anthropologin Virginia H. Estabrook. Sie verglich Gewaltspuren an Skeletten aus drei Epochen: dem Mittel- und Jungpaläolithikum sowie dem späteren Mesolithikum, der Mittelsteinzeit.
Diese Zeit markiert einen Übergang. Menschen lebten noch als Jäger und Sammler, wurden aber zunehmend sesshaft. In der späteren Jungsteinzeit – dem Neolithikum – waren dann Ackerbaugesellschaften mit festen Siedlungen verbreitet, und Konflikte sind archäologisch gut belegt.
Ein Problem der Forschung liegt in der Datenlage: Aus älteren Epochen sind weniger Skelette erhalten. Ein einfacher Vergleich der Häufigkeiten wäre daher verzerrt. Estabrook wählte deshalb einen anderen Weg. Sie ordnete die Verletzungen nach ihrem Schweregrad und verglich die Verteilung dieser Schweregrade zwischen den Epochen. So ließ sich prüfen, ob Verletzungen in bestimmten Zeiträumen gravierender waren.
Das Ergebnis: Im Mesolithikum traten tödliche Verletzungen deutlich häufiger auf als in den älteren Perioden. Auch Verletzungen durch Projektile oder Klingen – also Waffen – nahmen zu. Dagegen spielten stumpfe Gewalteinwirkungen eine geringere Rolle.
Immer schärfer, immer tödlicher
Eine aktuelle Re-Analyse durch den Statistiker Matthias Neuhäuser bestätigt diesen Befund. Auch in der neuen Auswertung steigt der Anteil schwerer und tödlicher Verletzungen im Mesolithikum signifikant an. Der Effekt bleibt bestehen, selbst wenn das Geschlecht der Individuen berücksichtigt wird – ein wichtiger Punkt, weil Männer historisch meist die Hauptakteure in der Kriegsführung sind.
Zudem zeigt die Analyse einen klaren Trend: Verletzungen durch Projektile und Klingen werden im Laufe der Zeit häufiger. Die Ergebnisse passen zu einer verbreiteten Hypothese der Anthropologie. Frühere Jäger- und Sammlergruppen kannten zwar individuelle Gewalt. Doch organisierte Kriege waren vermutlich selten. Der Grund liegt in der Lebensweise: Es gab kaum Besitz und keinen festen Landanspruch. Konflikten konnte man ausweichen, indem man weiterzog. Zudem waren diese Gesellschaften meist egalitär; dauerhafte Anführer, die Kriege befehlen konnten, fehlten.
Mit der Sesshaftigkeit änderte sich das. Landwirtschaft schuf Besitz, Felder und Territorien – und damit Gründe, sie zu verteidigen oder zu erobern bis hinauf zu großen Schlachten wie jener von Lützen (1632) im Dreißigjährigen Krieg.
Wenn diese Interpretation stimmt, dann begann der Krieg nicht mit dem Menschen selbst, sondern mit dem, was wir Zivilisation nennen.