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RSV-Prophylaxe in der Herbst-Winter-Saison 2025/26 durch passive Immunisierung von Neugeborenen und Säuglingen mit Nirsevimab

Empfehlung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ)

  • Open Access
  • 17.09.2025
  • Originalien
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hintergrund

Seit dem Jahr 2022 ist der langwirksame monoklonale RSV-Antikörper Nirsevimab unter dem Handelsnamen Beyfortus® in der EU zugelassen. Die einmalige intramuskuläre Gabe führt zu einer signifikanten Reduktion schwerer RSV-Erkrankungen und RSV-bedingter Hospitalisierungen mit einer Effektivität von bis zu 83 % [3, 4]. Basierend auf aktuellen Studiendaten und Real-World-Erfahrungen sprechen sich Fachgesellschaften und Expert:innen für eine breite Anwendung dieser passiven Immunisierung aus.
Ziel dieser Empfehlung ist die flächendeckende, rechtzeitige und einheitliche Umsetzung der passiven Immunisierung von Neugeborenen und Säuglingen in Österreich mit Nirsevimab zur Prophylaxe schwerer Erkrankungen durch das respiratorische Synzytialvirus (RSV) vor Beginn und während der RSV-Saison 2025/26 mit konsekutiv reduzierter Belastung des Gesundheitssystems. Nirsevimab soll allen Kindern in der 1. RSV-Saison verabreicht werden und wird im Kinderimpfprogramm des Bundes, der Bundesländer und der Sozialversicherung kostenfrei bereitgestellt.
Die Empfehlung richtet sich an alle pädiatrisch (in Klinik und Ordinationen) und allgemeinmedizinisch tätigen Kolleginnen und Kollegen sowie an geburtshilfliche und neonatologische Einrichtungen.

RSV-Infektionen

RSV-Infektionen sind weltweit die häufigste Ursache für schwere Atemwegserkrankungen bei Kindern unter 2 Jahren. In der Steiermark entfallen etwa 80 % der RSV-bedingten Hospitalisierungen auf reif geborene Säuglinge, insbesondere in den ersten 6 Lebensmonaten, in Österreich werden 1–2 % aller reifgeborenen Säuglinge aufgrund von RSV hospitalisiert [1, 5].

Neue Präventionsmöglichkeit

Nirsevimab ist ein langwirksamer monoklonaler Antikörper, der als einmalige intramuskuläre Injektion kurz vor und während der RSV-Saison verabreicht wird. Die Wirkdauer beträgt mindestens 6 Monate.
Klinische Wirksamkeit und Effektivität wurden in randomisierten Studien und durch umfangreiche Real-World-Evidenz belegt:
  • Reduktion RSV-bedingter Hospitalisierungen um bis zu 83 % [3, 4, 6, 8]
  • Weniger Notaufnahmen und intensivpflichtige Verläufe bis zu 81 % [46, 8]
  • Sehr gutes Sicherheitsprofil [6]

Immunisierungsempfehlung für Österreich (gemäß ÖGKJ, Nationalem Impfgremium, STIKO 2024/25)

  • Indikation: Alle Neugeborenen und Säuglinge in ihrer 1. RSV-Saison. Risikokinder im Einzelfall im Alter von bis zu 24 Monaten, falls während ihrer 2. RSV-Saison weiterhin eine erhöhte Anfälligkeit für eine schwere RSV-Erkrankung besteht (siehe Punkt 6).
  • Dosierung:
    • < 5 kg Körpergewicht: 50 mg i.m.
    • ≥ 5 kg Körpergewicht: 100 mg i.m.
    • 2. Saison: 200 mg i.m.1

Zeitpunkt der Verabreichung

  • Geburt im Zeitraum Oktober bis März: Gabe postnatal, idealerweise vor Entlassung aus dem Krankenhaus, möglichst innerhalb der ersten 14 Lebenstage
  • Geburt im Zeitraum April bis September: Gabe im Oktober/November vor Beginn der RSV-Saison (gegebenenfalls angepasst an aktuelle Surveillance-Daten) in pädiatrischen bzw. allgemeinmedizinischen Ordinationen

„Risikokinder“

Risikokinder sollen unter bestimmten Umständen auch in der 2. RSV-Saison erneut immunisiert werden [1].
Als Risikokinder für eine Verabreichung auch in der 2. RSV-Saison gelten insbesondere:
  • Extrem frühgeborene Kinder (SSW 28 + 6), die gegen Ende einer RSV-Saison aus dem Krankenhaus entlassen wurden (Alter < 9 Monate vor Beginn der 2. Saison)
  • Kinder mit innerhalb von 6 Monaten vor Beginn der 2. Saison therapiepflichtiger bronchopulmonaler Dysplasie (BPD)
  • Kinder mit hämodynamisch relevanten, angeborenen Herzfehlern, falls partiell korrigiert oder nach Herztransplantation (Alter < 24 Monate vor Beginn der 2. Saison)
  • Kinder mit klinisch relevanten primären oder sekundären Immundefekten, in Einzelfällen bis zum Alter 24 Monate vor Beginn der 2. Saison
  • Kinder mit Trisomie 21 oder schweren neuromuskulären Erkrankungen, in Einzelfällen bis zum Alter 24 Monate vor Beginn der 2. Saison
  • Kinder mit pulmonologischen Indikationen (zystische Fibrose, primäre ziliäre Dyskinesie, interstitielle Lungenerkrankungen, Tracheostomie, Ösophagusatresie, Zwerchfellhernie), in Einzelfällen bis zum Alter von 24 Monaten vor Beginn der 2. Saison
N.B. Die Entscheidung über das Vorliegen einer entsprechenden Indikation soll im Einzelfall bevorzugt durch Kinderfachärzt:innen des jeweiligen Spezialgebietes getroffen werden.

Rolle der maternalen Impfung in der Schwangerschaft

Hat die Mutter während der Schwangerschaft einen RSV-Impfstoff (Abrysvo®) mindestens 14 Tage vor Geburt erhalten, gilt das Kind bei Geburt zwischen Oktober und März als geschützt; in diesen Fällen ist keine Nirsevimab-Gabe erforderlich.
Ist das Kind im Zeitraum April bis Oktober geboren, so sollte – unabhängig von einer vorangegangenen maternalen RSV-Impfung – vor Beginn der 1. RSV-Saison Nirsevimab verabreicht werden.
Bei Risikokindern (siehe Punkt 6) wird eine zusätzliche Gabe von Nirsevimab trotz mütterlicher Immunisierung empfohlen, da unklar ist, ob der Nestschutz für diese Hochrisikogruppen ausreichend ist.

Umsetzung in der Praxis

  • Information und Aufklärung der Eltern bereits vor der Geburt. Studien aus Spanien zeigen, dass strukturierte Informationsangebote zu höherer Akzeptanz und besserer Umsetzung beitragen [7].
  • Dokumentation der Verabreichung im e‑Impfpass2
  • Überwachung für 15–20 min nach der Injektion
  • Organisation durch Krankenhäuser, Kinderärzt:innen, Hausärzt:innen sowie Impfstellen

Ökonomische und Public-Health-Relevanz

In der ARNI-Studie wurden für die Steiermark jährliche Kosten durch RSV-bedingte Hospitalisierungen in Höhe von rund 3,5 Mio. Euro berechnet. Hochgerechnet auf ganz Österreich entspräche dies einem Einsparungspotenzial von etwa 35 Mio. Euro pro Saison [5]. Auf Basis internationaler Daten reduziert Nirsevimab zudem die Belastung für Ambulanzen, Kinderarztpraxen und stationäre Abteilungen [8].

Fazit

Nirsevimab stellt eine effektive und sichere Möglichkeit dar, Neugeborene und Säuglinge in ihrer 1. RSV-Saison vor schweren RSV-Erkrankungen und damit verbundenen Hospitalisierungen zu schützen. Die rechtzeitige Organisation und flächendeckende Umsetzung dieser passiven Immunisierung ist entscheidend, um auch im Herbst/Winter 2025/26 eine hohe Schutzrate mit entsprechender Entlastung des Gesundheitssystems zu erreichen.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

G. Sever Yildiz, A. Berger, V. Strenger, H.J. Dornbusch, A. Zacharasiewicz, B. Resch, K. Zwiauer und R. Kerbl geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hans Jürgen Dornbusch

Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde

Karl Zwiauer

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Titel
RSV-Prophylaxe in der Herbst-Winter-Saison 2025/26 durch passive Immunisierung von Neugeborenen und Säuglingen mit Nirsevimab
Empfehlung der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ)
Verfasst von
Dr. Gülsen Sever Yildiz
Angelika Berger
Volker Strenger
Hans Jürgen Dornbusch
Angela Zacharasiewicz
Bernhard Resch
Karl Zwiauer
Reinhold Kerbl
Maria Paulke-Korinek
Publikationsdatum
17.09.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Pädiatrie & Pädologie / Ausgabe 5/2025
Print ISSN: 0030-9338
Elektronische ISSN: 1613-7558
DOI
https://doi.org/10.1007/s00608-025-01325-6
1
Auch wenn dazu keine Daten vorliegen, wird die Dosierung von 200 mg in der 2. Saison nur bei einem aktuellen Gewicht ≥ 10 kg empfohlen.
 
2
Nach Etablierung der technischen Möglichkeit.
 
1.
Zurück zum Zitat Resch B, Strenger V, Zacharasiewicz A, Dornbusch HJ, Zwiauer K, Berger A (2024) Empfehlungen der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde zur Prophylaxe einer RSV-Infektion mit Nirsevimab. Paediatr Paedolog 59:208–213CrossRef
2.
Zurück zum Zitat Meyer AC, Wick M, Damm O et al (2025) Real World Evidence zur Prophylaxe von Erkrankungen durch das respiratorische Synzytialvirus bei Säuglingen mit Nirsevimab. Monatsschr Kinderheilkd.CrossRef
3.
Zurück zum Zitat Drysdale SB, Cathie K, Flamein F, Knuf M, Collins AM, Hill HC et al (2023) Nirsevimab for prevention of hospitalizations due to RSV in infants. N Engl J Med 389(26):2425–2435CrossRefPubMed
4.
Zurück zum Zitat Hammitt LL, Dagan R, Yuan Y, Baca Cots M, Bosheva M, Madhi SA et al (2022) Nirsevimab for prevention of RSV in healthy late-preterm and term infants. N Engl J Med 386(9):837–846CrossRefPubMed
5.
Zurück zum Zitat Sever Yildiz G, Resch E, Strenger V, Eber E, Resch B (2024) Evaluating the economic and epidemiological impact of RSV hospitalizations in Southern Austria. Influenza Other Respir Viruses 18(11):e70046CrossRef
6.
Zurück zum Zitat Simões EAF, Madhi SA, Muller WJ, Atanasova V, Bosheva M, Cabañas F et al (2023) Efficacy of nirsevimab against respiratory syncytial virus lower respiratory tract infections in preterm and term infants: a pooled analysis. Lancet Child Adolesc Health 7(3):180–189CrossRefPubMedPubMedCentral
7.
Zurück zum Zitat Jesús Pérez Martín J, de la Cruz Gómez Moreno M, Sánchez Manresa S, Del Pilar Ros Abellán M, Zornoza-Moreno M (2025) Respiratory syncytial virus immunization with nirsevimab: Acceptance and satisfaction in the region of Murcia (Spain). Hum Vaccin Immunother 21(1):2471700CrossRefPubMedPubMedCentral
8.
Zurück zum Zitat Sumsuzzman DM, Wang Z, Langley JM, Moghadas SM (2025) Real-world effectiveness of nirsevimab against respiratory syncytial virus disease in infants: a systematic review and meta-analysis. Lancet Child Adolesc Health 9(6):393–403CrossRefPubMed