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Unterschätzte Reha-Kraft

Warum drei Wochen Rehabilitation mehr bewirken als viele Operationen – und der Gesellschaft Milliarden sparen. Das zeigt eine Analyse, vorgestellt beim Reha-Dialog der VITREA in Wien.

Willkommen zum Reha-Dialog von VITREA! Mag. Christian Breitfuß, Dr. Lena Tepohl und Dr. Michael Fischer.


Rehabilitation gilt vielen als sanfter Ausklang einer Krankheit: etwas Bewegung, ein paar Gespräche, dann zurück ins Leben. Nett, aber teuer. Und vor allem verzichtbar. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Rückenschmerzen führen oft zu Fehlzeiten. Fehlzeiten kosten. Wer früh zur Rehabilitation geht, fehlt weniger. Das zeigt eine umfassende Analyse, vorgestellt beim Reha-Dialog der VITREA in Wien. Die Daten sind nüchtern, ihre Wirkung nicht.

Weniger Schmerz,weniger Ausfall, weniger Kosten

Chronische Rückenschmerzen sind einer der häufigsten Gründe für Krankenstände in Europa. Sie belasten Betriebe, Versicherungen und Betroffene. Die klassische Behandlung greift oft zu kurz: Schmerzmittel, Physiotherapie, vielleicht ein MRT. Was fehlt, ist Zeit und Struktur.

Hier setzt die Rehabilitation an: drei Wochen, stationär oder ambulant, multimodal – medizinisch, therapeutisch, psychologisch. Und – wie sich zeigt – ökonomisch wirksam.

Dr. Lena Tepohl vom Institut für Rehabilitationsmedizinische Forschung in Bad Buchau in Deutschland analysierte mit ihrem Team Routinedaten von rund einer Million Versicherten. Grundlage waren kombinierte Daten der deutschen Renten- und Krankenversicherung über sieben Jahre. Die Frage: Was bringt Reha bei konservativ behandelten Rückenschmerzpatienten wirklich?

Die Antwort ist klar:14 Tage weniger Krankenstand

Patienten, die eine Reha absolvierten, hatten im ersten Jahr danach im Schnitt 14,8 Krankenstandstage weniger als vergleichbare Personen ohne Reha. Auch im zweiten Jahr blieb der Effekt stabil: 13,8 Tage weniger Arbeitsunfähigkeit. Es geht also nicht um einen Strohfeuereffekt, sondern um nachhaltige Veränderung.

Rechnet man diese Tage in Geld um, wird aus Medizin Wirtschaft. Ein Krankenstandstag kostet – konservativ gerechnet – rund 300 Euro an Produktions- und Wertschöpfungsverlust. Macht über 4.000 Euro pro Patient allein durch vermiedene Ausfälle. Hinzu kommt: Rehabilitanden verursachen deutlich geringere Kosten im stationären Bereich. Krankenhausaufenthalte gehen zurück. Pro Fall werden innerhalb von zwei Jahren rund 1.650 Euro eingespart. Medikamente und Heilbehelfe spielen dabei kaum eine Rolle – sie sind nicht der Kostentreiber.

Die Rechnung ist einfach: Rund 2.500 Euro kostet eine orthopädische Reha. Der Nutzen liegt deutlich darüber. Hochgerechnet auf alle orthopädischen Reha-Fälle ergibt sich ein eindrucksvolles Bild, führt Tepohl aus. Für Deutschland beziffert Tepohl den gesamtgesellschaftlichen Nutzen auf über 250 Millionen Euro innerhalb von zwei Jahren. Der Return on Investment liegt bei 4,5 bis 5 Euro pro investiertem Euro.

Das ist kein Rechenkunststück. Es ist Realität – belegt durch Routinedaten, nicht durch Idealstudien. Und genau darin liegt die Stärke der Analyse: Sie zeigt, was im Alltag passiert. Nicht im Labor.

Ein Euro rein, fünf Euro raus

Fast alle untersuchten Rückenschmerzpatienten litten zusätzlich an psychischen Belastungen: Depression, Angst, Stress. Rehabilitation reduziert diese Diagnosen nicht automatisch – drei Wochen reichen dafür selten. Aber sie verändert den Umgang mit der Krankheit. Bewegung wird wieder möglich. Belastung wird dosierbar. Kontrolle kehrt zurück. Besonders wirksam ist die strukturierte Nachsorge. Wer nach der Reha weiter betreut wird – ambulant oder digital –, bleibt häufiger im Job, beantragt seltener Rente und fällt weniger aus. Die Effekte sind vor allem bei Menschen zwischen 45 und 55 Jahren deutlich. Also genau dort, wo der Arbeitsmarkt jede erfahrene Kraft braucht.

Digital wirkt –manchmal sogar besser

Ein weiteres Ergebnis sorgt für Aufmerksamkeit: Tele-Reha-Nachsorge zeigt vergleichbare, teils bessere Resultate als klassische Präsenzangebote. Die Gründe sind banal – und überzeugend. Digital heißt: wohnortnah, flexibel, vereinbar mit Arbeit und Familie. Wer nicht reisen muss, bleibt eher dran. Deutschland ist hier weiter als Österreich. Doch auch hierzulande laufen erste Projekte. Die Pandemie hat der Tele-Reha Rückenwind verliehen. Die Akzeptanz ist hoch. Die Ergebnisse stimmen.

Trotz aller Evidenz bleibt Rehabilitation untergenutzt. Viele Patienten kommen zu spät – oder gar nicht. Ein Grund liegt in der Ausbildung: Rehabilitation ist im Medizinstudium in Österreich noch kein selbstverständlicher Teil des Curriculums. Zuweiser wissen oft zu wenig über Wirkung, Indikation und Antragstellung.

Dabei ließe sich der Reha-Bedarf heute bereits früh erkennen. Anhand von Krankenkassendaten, Arztbesuchen, Bildgebung und Therapieverläufen. Ein Algorithmus, in Deutschland bereits im Test, identifiziert Versicherte mit hohem Reha-Bedarf – bevor sie langfristig ausfallen. Erste Rückmeldungen fallen positiv aus: Jeder Fünfte Angeschriebene zeigt Interesse.

Reha ist keine Kür. Sie ist Kernmedizin.

Die Daten lassen wenig Raum für Zweifel. Rehabilitation wirkt. Medizinisch. Sozial. Ökonomisch. Sie spart Geld, weil sie Menschen arbeitsfähig hält. Und sie wirkt nachhaltig, weil sie Verhalten verändert – nicht nur Symptome. Die Frage ist nicht mehr, ob wir Rehabilitation brauchen. Sondern warum wir sie noch immer zu selten einsetzen.

Im Spitzensport tritt der Nutzen von Reha deutlich hervor. So stellt sich der schwer gestürzte US-Skistar Lindsey Vonn auf eine längere Reha-Phase ein. Jene der österreichischen Bobfahrerin Katrin Beierl war so erfolgreich, dass sie sowohl einen Schlaganfall als auch einen Mittelfußknochenbruch überwand, und bei den Winterspielen in Cortina an den Start ging.


Titel
Unterschätzte Reha-Kraft
Publikationsdatum
02.03.2026
Bildnachweise
Bild/© DANIELA MATEJSCHEK, Bild/© Robert Michael / dpa / picture alliance