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Im vorliegenden Artikel werden spezifische psychische Prozesse nach traumatischen Ereignissen dargestellt und mit der personzentrierten Theorie in Verbindung gebracht.
Das Hauptaugenmerk liegt auf dem Verständnis des Erlebens von Traumafolgestörungen. Folgende Hauptfrage leitet chronologisch in die jeweiligen Aspekte ein: Was erleben Klient:innen nach einer traumatischen Erfahrung?
Im ersten Schritt wird das Thema Trauma dargestellt, was ein Trauma ist und wie es entsteht. Die Subjektivität des Erlebens, die mit der eigenen Resilienz korreliert, spielt dabei eine wichtige Rolle. Im zweiten Schritt wird die Auswirkung des Traumas auf traumatisierte Klient:innen skizziert: Welche Symptome die traumatisierten Personen plagen, welche innere Konflikte sie erleben, wie die Symbolisierung des Geschehenen im Selbstkonzept gelingt oder auch nicht gelingen kann. Und schließlich werden Phasen der Traumabewältigung, die sich im förderlichen therapeutischen Prozess ergeben, dargestellt: Stabilisierung, Aufarbeitung und Integration werden chronologisch erörtert, die jeweiligen Bedürfnisse der Klient:innen in diesen Phasen gezeigt.
Bei diesen Erörterungen geht es schwerpunktmäßig um die personzentrierte Arbeit mit Traumabetroffenen. Die therapeutischen Grundhaltungen des Personzentrierten Ansatzes werden als eine von vielen Möglichkeiten dargestellt, die Aufarbeitung der überfordernden Erfahrungen der Klient:innen mit Traumafolgestörungen begleiten zu können.
Als Methode wurde die unsystematische Literaturrecherche („Schneeballsystem“) von sowohl allgemeinen als auch personzentrierten Publikationen angewendet.
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Wesen und Entstehung von Trauma
„Ein Trauma (im psychologischen Sinn) ist ein kurz oder lang andauerndes extrem (lebens)bedrohliches Ereignis, auf das eine Person zunächst mit intensiver Furcht, Hilflosigkeit oder Schrecken reagiert; die Person kann weder vor der traumatischen Situation fliehen noch gegen sie ankämpfen, was eine Überflutung ihres Informationsverarbeitungssystems zur Folge hat“ (Claas und Schulze 2002, S. 66). Gahleitner (2014) ist der Überzeugung, dass ein Trauma durch eine ‚normale‘ Reaktion auf ein erlebtes ‚abnormales‘ Ereignis entsteht. Am Anfang eines Traumas steht etwas Schreckliches, extrem Bedrohliches. Das innere Alarmsystem des Menschen mobilisiert die gesamte zur Verfügung stehende Energie, um die Gefahr abzuwenden. Zwei reflexartige Möglichkeiten stehen zur Auswahl: Durch Kampf lässt sich die Lage verändern und anpassen; sonst ist Flucht eine wichtige Alternative.
Sind weder Kampf noch Flucht möglich und das Alarmsystem läuft gleichzeitig auf Hochtouren, wird das innere Informationssystem überlastet. Hilflosigkeit, Schock und seelische Erschütterung sind die Folgen, ein Trauma entsteht. „Das bewegende Moment des Traumaverlaufs ist die inhärente Paradoxie von existentiell bedrohlichen Handlungssituationen, die jedoch kein adäquates Verhalten zulassen; von Handlungsbemühungen, emotionalen und kognitiven Bewältigungsversuchen, die in sich zum Scheitern verurteilt sind“ (Fischer und Riedesser 1998, S. 61).
Rolle der Resilienz
Die individuellen Ressourcen spielen bei der Traumabewältigung eine bedeutsame Rolle. Die Summe aller vorhandenen Ressourcen bildet die Resilienz eines Menschen – eine Widerstandsfähigkeit in Bezug auf äußere Belastungsfaktoren (Fröhlich-Gildhoff und Roennau-Boese 2017). Hausmann (2006) ist der Ansicht, dass der Umgang mit Traumata subjektiv ist, weil sich Ressourcen individuell unterscheiden. Am gravierendsten sind traumatische Erfahrungen, die „nicht spektakulär, sondern schleichend, unterschwellig, aber andauernd wirken“ (Heinerth 2004, S. 157), und zwar bei Menschen ohne stabilen Bindungshintergrund. Gahleitner (2014, S. 260) sieht in „stabile[n] Bindungskonstellationen“ den wichtigsten Schutzfaktor vor einer Traumatisierung.
Nicht jede Krise ist ein Trauma. Nur wenn die Bewältigungsmechanismen der betroffenen Person nicht ausreichen und die existenziell bedrohliche Situation die eigene Resilienz übersteigt, kann von einem Trauma gesprochen werden. „…ein bestimmtes Ereignis [ist] nicht per se (d. h. objektiv) traumatisch, sondern [kann] erst aufgrund der individuellen, subjektiven Bewertung durch ein Individuum als Trauma wirken“ (Maier 2011, S. 439).
Die betroffene Person stellt sich auf eine Kampf- bzw. eine Fluchtreaktion ein, aktiviert jegliche zur Verfügung stehende Energie und gleichzeitig wird eine totale Macht- und Hilflosigkeit erlebt. Es kann zu einem tödlichen Erschrecken kommen, schreibt Biermann-Ratjen (2003).
Inkongruenz bei Trauma
Die Inkongruenz in der personzentrierten Theorie (Rogers 2016 [1959]) bezeichnet im Allgemeinen eine Diskrepanz zwischen dem Erleben des Individuums und seinem Selbstkonzept – einer Summe aus „Selbstdefinitionen und typischen Handlungsmustern, an dem sich Menschen beim Handeln orientieren […]“, so Keil (2019, S. 113). Dabei wird die Gewahrwerdung der Erfahrungen entweder abgewehrt oder in einer verzerrten Form symbolisiert, um das Selbstkonzept aufrecht zu erhalten (Keil 2003).
Beim Erleben einer traumatisierenden Erfahrung entsteht eine extrem widersprüchliche Wahrnehmung zwischen dem Selbstkonzept und dem gesamtorganismischen Erleben des traumatischen Ereignisses (Eckert und Biermann-Ratjen 2011). Die Symbolisierung von traumatischen emotionalen Erfahrungen im Selbst ist nicht möglich und so können diese nur verzerrt, verleugnet oder auch gar nicht abgebildet werden. Nichts ist mehr so, wie es war, alles ist durcheinander, das Vertrauen in die Welt, in Menschen, in sich selbst ist erschüttert. Die Person ist verletzlich bzw. erlebt Angst – je näher am Gewahrwerden, umso mehr Angst vor allem, wer man selbst ist (Turner 2012).
Die belastende Erfahrung bewirkt zunächst eine Schockreaktion, die schützend das Eindringen der Erfahrung ins Bewusstsein verhindert. Es kommt zu einer Bewusstseinseinschränkung, die betroffene Person ist nicht fähig, Reize zu verarbeiten und ist desorientiert. Biermann-Ratjen (2003, S. 129) ist überzeugt, dass diese „Bewusstseinseinengung und Einschränkung der Aufmerksamkeit das Bewusstwerden der Erfahrung [behindern]“.
Wenn die Schockreaktion nachlässt und die Erfahrung ins Bewusstsein drängt, droht diese das Selbstkonzept komplett durcheinander zu bringen. Die dadurch entstandene Inkongruenz gehört aber gleichzeitig zu wichtigen Bewältigungsstrategien und sollte als solche wertgeschätzt werden. „Die Inkongruenz aufgrund einer traumatischen Erfahrung ist nicht das Problem, sondern die Lösung! Sie ist ein salutogenetischer Faktor, weil Menschen in der traumatischen Erfahrung dadurch ihr Selbstkonzept schützen“, meint Keil (2019, S. 112).
Aktualisierungstendenz im Erhaltungsmodus
Die Aktualisierungstendenz ist in der personzentrierten Persönlichkeitstheorie ein Grundprinzip, das darauf ausgerichtet ist, das organismische Dasein der Person in ihrer Gesamtheit zu erhalten und zu entfalten. Für Rogers (2016 [1959], S. 26) bezeichnet der Begriff „die dem Organismus innewohnende Tendenz zur Entwicklung all seiner Möglichkeiten. Und zwar so, dass sie der Erhaltung oder Förderung des Organismus dienen“. „Wenn diese Tendenz nicht behindert wird, bewirkt sie verlässlich beim Individuum Wachstum, Reife und eine Bereicherung des Lebens.“ (Rogers 1983, S. 41).
Der menschliche Organismus ist unter günstigen Umständen darauf ausgerichtet, sich zu entfalten, die Entfaltung kann durch bestimmte Bewertungsbedingungen jedoch behindert werden. „Unter förderlichen Beziehungsbedingungen sind Aktualisierungstendenz und Selbstaktualisierung nicht in Konflikt bzw. nicht dissoziiert. Aufgrund der relativen Autonomie der Selbstaktualisierung kann es aber unter weniger günstigen Umständen (Bewertungsbedingungen) zu einer Inkongruenz der beiden Tendenzen und damit zu einer Inkongruenz von organismischem Erleben und wahrgenommenem Selbst kommen“ (Kriz und Stumm 2003, S. 19f.). Im Falle einer traumatischen Erschütterung kann die betroffene Person nicht alles Erlebte beachten, anerkennen und ins Selbstkonzept integrieren. Die Aktualisierungstendenz befindet sich in diesem Fall im Erhaltungsmodus und ist auf das existenzielle Überleben und das damit korrespondierende Erhalten des Selbstkonzepts ausgerichtet.
Im Personzentrierten Ansatz geht es bei der Arbeit mit traumatisierten Klient:innen nicht um die Pathologie, sondern um die „Überlebenskraft und -kreativität“, meint Gahleitner (2014, S. 260). Sie ist überzeugt, dass traumatische Symptome bei aller scheinbaren Absurdität und Dysfunktionalität im Dienst der Betroffenen stehen.
Folgen des Traumaerlebens
„Ein Verarbeitungsmechanismus des psychobiologischen Systems ist hier ein Wechsel der Phasen von Verleugnung und Intrusion“ (Fischer und Riedesser 1998, S. 116). Traumatisierte Menschen erleben eine innere Anspannung, die durch einen Grundkonflikt ausgelöst wird. Einerseits ist der Drang vorhanden, das Erlebte zu verarbeiten; andererseits bedroht die Erinnerung an das Schreckliche die organismische Integrität und das Selbstkonzept. Auf der physiologischen Ebene manifestiert sich diese Kluft in Form eines dauerhaften Erregungszustandes, der aus diesen zwei Gegen-Tendenzen entsteht (Abb. 1).
Beide Bewältigungsmechanismen stehen sich im Weg, weshalb die Aufarbeitung eines Traumas manchmal über Jahre und Jahrzehnte erschwert wird.
Drang zur Verarbeitung
Die auf Integration drängende Tendenz zeigt sich in Form von unterschiedlichsten Symptomen: Intrusionen, Flashbacks, Alpträume, Panikattacken, Depressionen, Vertrauensverlust, Scham- und Schuldgefühlen, Verwirrung der Gefühle, Sprachlosigkeit und Sprachstörungen, Ängsten, (Auto‑)Aggressionen oder Problemen mit Partnerschaft und Sexualität. In diesem Fall lassen innere Aktualisierungsprozesse die Betroffenen nicht zur Ruhe kommen und zwingen sie auf eine schmerzvolle Weise zur Beachtung des traumatisierenden Erlebnisses. Ist die Integration des Geschehens ins biographische Gedächtnis nicht erreicht, so „spuken die Erlebnisse als Fragmente wie unerlöste Geister im Bewusstsein herum. Sie melden sich wieder und wieder, bis sie ihren Platz gefunden haben“, so Barth (2009, S. 149). Besonders in Ruhepausen kann es zu unkontrollierten Intrusionen kommen, die die schützende Abwehr zusammenbrechen lassen. Ehlers (1999, S. 3) schreibt: „Bedeutsam für die Erklärung und Behandlung des Wiedererlebens ist, dass diesen Gedächtnisfetzen eine Zeitperspektive fehlt: sie werden so erlebt, als ob sie im ‚Hier-und-Jetzt‘ geschehen würden“. Das Bewusstsein, dass es sich um eine autobiographische Erinnerung handelt, fehlt. Das Selbstkonzept wird dadurch massiv bedroht. Die Ohnmacht, die den Kern der traumatischen Erfahrung bildet, ist dabei spürbar und schwer aushaltbar.
„Eine Traumasituation ist immer auch eine Schamsituation“ ist Seidler (2013, S. 83) überzeugt. Betroffene schämen sich, die Situation nicht gemeistert, nicht verhindert zu haben.
„Das einzig positive am Wiederauftauchen der schrecklichen und unerträglichen Erfahrung von Ohnmacht und Hilflosigkeit ist, dass auch mit ihr die Möglichkeit verbunden ist, von einem anderen Menschen positiv beachtet zu werden“ (Biermann-Ratjen 2003, S. 134).
Vermeidung der Verarbeitung
Sowohl das Erleben des Traumas als auch das unmittelbare Wiedererleben in Form von Intrusionen führen zur massiven Erschütterung des Selbstkonzepts. „Die traumatischen Erinnerungsfragmente […] können nur schwer in die bestehenden Modelle der Person integriert werden“ (Kirsch und Lass-Hennemann 2011, S. 20). Die ausgelöste Inkongruenz ruft Spannungen hervor und auch Angst davor, mit diesen Gefühlen nie klarkommen zu können; Angst vor der exponierenden Traumaarbeit, die zu viel Schmerzhaftes zutage fördern könnte; Angst vor der Hilflosigkeit.
Ist die Integration nicht möglich ist, so muss die Erfahrung abgewehrt werden, um das Selbstkonzept zu schützen. Dieses Vermeidungsverhalten zielt auf ein Fernhalten von allem, was mit dem Ereignis in Verbindung steht und hat viele Gesichter: Dissoziation, Betäubung mit Substanzen, ständige Ablenkung und Getrieben sein, Wegdrängen unangenehmer Gefühle bis zur Ausbildung von einer dissoziativen Identitätsstörung oder „Verschlossenheit gegenüber der Gesamtheit der Erfahrung“1. Keiner dieser Abwehrmechanismen hilft, das Trauma zu verarbeiten. Das Bedrohliche wird auf Distanz gehalten und viel Energie dafür aufgewendet, den Drang zur Verarbeitung in Schach zu halten, beschreibt Eckardt (2016).
Was der Körper meldet
Was den Klient:innen im Dissoziationsprozess leichter zugänglich ist, sind Phänomene auf der körperlichen Ebene, da sie aus dem Bezugsrahmen von Klient:innen mit dem traumatischen Ereignis nicht in Verbindung gebracht werden und weniger bedrohliche Empfindungen hervorrufen: Herzrasen, Atemnot, Beklemmungen, Unruhe, Schlaflosigkeit, übersteigerte Wachsamkeit, Konzentrationsstörungen, Ess- und Verdauungsstörungen oder Schwindelanfälle, die aus medizinischer Sicht meist nicht erklärbar sind. Reaktionen auf der Körperebene, sind deshalb wichtig, da bei frühen und dauerhaften traumatischen Erfahrungen der Schrecken im Körper gespeichert wird (vgl. van der Kolk 2021; Levine 2023).
Die therapeutischen Grundhalten in der Personzentrierten Psychotherapie
Carl R. Rogers, der Begründer der personzentrierten Psychotherapie, hat bereits 1957 sechs notwendige und hinreichende Bedingungen für Persönlichkeitsentwicklung durch Psychotherapie beschrieben. Diese Bedingungen umfassen einerseits welche auf Klient:innenseite und andererseits welche auf Therapeut:innenseite:
Zwei Personen sind in einem psychologischen Kontakt.
Die Klientenperson ist in einem Zustand der Inkongruenz, sie ist verletzlich und ängstlich.
Die Therapeutenperson ist kongruent oder integriert in der Beziehung.
Die Therapeutenperson empfindet unbedingte positive Beachtung für die Klientenpersonen.
Die Therapeutenperson empfindet einfühlendes Verstehen des inneren Bezugsrahmens der Klientenperson und bemüht sich, diese Erfahrung der Klientenperson zu vermitteln.
Die Vermittlung des einfühlenden Verstehens und der unbedingten positiven Beachtung der Therapeutenperson an die Klientenperson gelingt zumindest in einem minimalen Ausmaß.
Rogers war der Überzeugung, dass sie hinreichend sind und dass der Prozess der konstruktiven Persönlichkeitsveränderung folgt, wenn sie über eine Zeitspanne bestehen bleiben.
Der schwierige dissoziative Prozess gehört laut Warner (2003, S. 324) zu den Prozessarten, „die auf eine klassische, nondirektive klientenzentrierte Psychotherapie gut ansprechen, aber besonders hohe Ansprüche an die Sensibilität des Psychotherapeuten stellen und an seine Fähigkeit, sich auf den Klienten einzustimmen.“
Phasen im traumatherapeutischen Prozess
Das Ziel der Personzentrierten Psychotherapie bei der Verarbeitung eines Traumas besteht darin, in der Weise ein hilfreiches Gegenüber zu sein, dass die betroffenen Personen das erlebte traumatische Ereignis gut verarbeiten können. „Wenn wir Verständnis dafür aufbringen können, wie der Klient sich in diesem Augenblick selbst sieht, dann kann der Klient alles übrige allein erledigen“ (Rogers 1983 [1951], S. 43).
Der traumatherapeutische Prozess lässt sich grob in drei Phasen einteilen (Gahleitner 2007): Stabilisierung, Aufarbeitung und Integration. Diese Phasen ergeben sich aus den jeweiligen Entwicklungsprozessen der Klient:innen und dienen Psychotherapeut:innen zur Orientierung.
Stabilisierung
Am Anfang der Psychotherapie suchen traumabetroffene Klient:innen nach Sicherheit, Halt und nach einer Begleitperson, der sie vertrauen können. Für Huber (Huber und Schwetz-Würth 2017, S. 19) ist es wichtig, dass helfende Personen „speziell wissen, wie sich jemand fühlt, der diese Zustände von seelischer Erschütterung erlebt hat, wie fragmentiert die Person die Situation wahrgenommen und gespeichert hat und wie verzweifelt sie versucht, die Menschen und sich selbst zu verstehen und das Unverständliche auszusortieren.“
In der ersten Phase einer traumaorientierten Psychotherapie geht es um eine stabile psychotherapeutische Beziehung (vgl. Rogers 1983 [1951]) und darum, das Angebot der notwendigen und hinreichenden Bedingungen bestmöglich zur Verfügung zu stellen (Rogers 2016 [1959]). „Die Vermittlung von Sicherheit und Kontrolle für den Klienten sowie der Aufbau einer vertrauensvollen therapeutischen Beziehung sind für einen positiven Verlauf der Behandlung entscheidend“ (Hausmann 2006, S. 114). Das Vertrauen innerhalb der therapeutischen Beziehung gehört zu den wichtigsten Instrumenten in der Arbeit mit traumatisierten Klient:innen; ohne diese Basis ist es unmöglich, traumabetroffene Klient:innen überhaupt zu erreichen (Chouliara et al. 2023). Gleichzeitig kann der Beziehungsaufbau zu einer Herausforderung werden: „Die Beziehungsgestaltung mit traumatisierten Klient:innen erfordert je nach Stärke der Traumadynamik einiges an ‚Fingerspitzengefühl‘“, meinen Bernhaupt-Hopfner und Kosicek (2017, S. 15).
Sich nicht nur auf das eigene Bemühen zu verlassen, sondern der Aktualisierungstendenz zu vertrauen, kann in der Traumatherapie förderlich und zugleich entlastend sein. Claas (2007, S. 38) ist überzeugt: „Das Vertrauen in diese sich selbst organisierende Kraft – das vielen Menschen, nicht nur unseren Klient:innen, verloren gegangen ist – zu wecken und zu stärken, ist meines Erachtens der wichtigste Schritt auf dem Weg der Heilung nach schwerer, früher und chronischer Traumatisierung.“ Erst wenn sich die Klientenperson in der Beziehung so sicher fühlt, dass sie sich der Angst vor ihrem eigenen Erleben in der Therapie stellen kann, dann kommt es unwillkürlich zum Auftauchen der erlebten Einzelheiten, die eine Verarbeitung zugänglich machen.
Aufarbeitung
In dieser Therapie-Phase geht es für Gahleitner (2014, S. 262) „um den behutsamen Versuch, auf der Basis der Stabilisierung in der ersten Phase, traumatische Erinnerungen unter Einbezug der emotionalen Komponenten selbstaktualisierend zuzulassen“. Behutsamkeit ist deshalb so wichtig, weil es bei auftauchenden traumaassoziierten Erinnerungen insbesondere um das achtsame Bemühen geht, Überflutungen und Retraumatisierung möglichst zu vermeiden. Die schützende Abwehr soll von Seiten der Therapeutenperson genauso beachtet werden wie auch der Drang zur Verarbeitung. Fingerspitzengefühl und wachsames, dosiertes Vorgehen sind gefragt.
Die Traumabetroffenen thematisieren an dieser Stelle Inhalte ihrer Traumaerlebnisse. Zusätzlich – oft erst zeitverzögert – tauchen zugehörige Gefühle auf, die schon damals das Schreckliche begleitet haben (Finke und Teusch 2007): Angst und Ohnmacht; Wut, Verbitterung und Ekel; Scham- und Schuldgefühle. Diese Emotionen gilt es auf eine einfühlsame Weise unbedingt positiv zu beachten, um gemeinsam mit den Betroffenen zu versuchen, den Sinn dahinter zu verstehen. Die traumatisierte Person hat die Möglichkeit, diese oft sehr bedrohlichen Fragmente immer weiter zu einem Ganzen zusammenzufügen, sich und die eigenen Reaktionen bzw. „emotionalen Schemata“ (Claas und Schulze 2002, S. 21) verstehen zu lernen.
Wenn in dieser Phase die schlimmsten Erinnerungen auftauchen, kann es im geschützten Rahmen der therapeutischen Beziehung anders als damals sein und die Bedrohlichkeit kann immer mehr in den Hintergrund treten. Snijder (2013) sieht im Kontext der traumatischen Erfahrung, der zunächst in den Fokus genommen wird, eine hilfreiche Möglichkeit, um sich mit Abstand dem schrecklichen Inhalt anzunähern.
Für Traumabetroffene kann sich diese Therapiephase wie ein großes Risiko anfühlen: Das Zulassen von Emotionen kann mit einer großen Angst einhergehen, dass diese nie mehr vergehen.
Damit diese Erfahrung möglich wird, ist es besonders wichtig, das Tempo des Therapieprozesses den Klient:innen zu überlassen. Schon Rogers (1983 [1951], S. 208) meinte, es wäre „die Annahme gerechtfertigt, dass der Klient die Problem-Gebiete nur so schnell erforscht, wie er imstande ist, den Schmerz dabei zu ertragen.“ Ähnlich argumentiert Claas (2007, S. 20): „Am heilsamsten ist das, was die Person zum gegebenen Zeitpunkt am besten integrieren kann.“
Integration
In der letzten Therapiephase geht es um die schrittweise Integration der Erfahrungen ins Selbstkonzept. Das, was auftaucht und verstanden werden kann, kann einen Platz in der eigenen Biografie finden und muss nicht mehr abgewehrt werden.
Das Ziel einer gelungenen Psychotherapie besteht darin, mit dem Schrecklichen, dass es einmal gab, leben zu lernen. Das Selbst kann neu definiert werden, das Trauma in einen neuen Kontext gesetzt werden, neue Bedeutungen für ihr Erleben entdeckt werden, die schreckliche Erfahrung und den damit verbundenen Entwicklungsprozess anerkannt und wertgeschätzt werden (Claas 2007). „Viele Menschen, die ein traumatisches Lebensereignis oder eine Krise überstanden haben, erleben am Ende einen Zuwachs an innerer Reife, vertiefte Beziehungen, erhöhte Wertschätzung des Lebens, neuen Lebenssinn und positive Veränderungen ihrer Person“ (Hausmann 2006, S. 156).
Krise und Wachstum gehören zusammen. So schrecklich das traumatische Ereignis war, kann es den Anstoß zur Weiterentwicklung geben. Heinerth (2004, S. 168) meint hoffnungsvoll: „Menschen, die durch eine Krise gehen und dabei nicht umkommen, also die Krise als Herausforderung begreifen und meistern und nicht in der Überforderung versagen, erwerben schließlich ein tiefes Verständnis von sich selbst und ihrer Existenz. So ist man versucht zu sagen, die Krise sei ihre Chance gewesen“.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
V. Prinz-Meidinger gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Ethische Standards
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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