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10.02.2022 | Psychotherapie

Perfektionisten schlafen schlecht

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© ljubaphoto // istock

Persönlichkeitseigenschaften beeinflussen die Schlafqualität. Sorgen und Ängste des Tages wirken bei emotional und psychisch labilen Menschen häufig in die Nacht hinein. Gewissenhafte Personen sind mit ihrem Schlaf deutlich zufriedener.

Unter dem Überbegriff Insomnien werden Ein- und/oder Durchschlafstörungen verstanden, die die Befindlichkeit und Leistungsfähigkeit am Tag einschränken. Nicht nur die Nacht ist also dadurch gestört, sondern auch der Tag. Besonders störend auf den Schlaf wirkt sich das Hyper-arousal auf, stellen Küskens et al. in einer zusammenfassenden Übersicht fest. Dabei handelt es sich um eine gesteigerte physiologische und psychologische Erregbarkeit, die dazu führen, dass es eher zu Insomnien kommt, die langfristig anhalten. Aus dem Fünf-Faktoren-Modell, das die Persönlichkeitsfaktoren Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit nennt, sind es vor allem Neurotizismus und Gewissenhaftigkeit, die sich auf die Schlafqualität auswirken, die eine eigene Eigenschaft störend, die andere dagegen präventiv.

Emotionale Verletzlichkeit


Emotionale Labilität und Verletzlichkeit, Ängstlichkeit und Nervosität sind typische Empfindungen von Personen mit hohem Neurotizismus, die signifikant häufiger unter einer schlechteren subjektiven als auch objektiven Schlafqualität leiden, wie die Autoren berichten. Betroffene weisen eine höhere Schlaffragmentierung und nächtliche Wachliegezeit sowie starke Unregelmäßigkeiten in der Schlafdauer und -kontinuität auf. Dazu erleben sich Personen mit hohem Neurotizismus stärker in ihrem Tagesbefinden beeinträchtigt. Diese reduzierte Tagesbefindlichkeit kann sich wiederum auf Ein- und Durchschlafstörungen auswirken und diesen gestörten Rhythmus weiter aufrecht erhalten. Auch die subjektive Einschätzung der Schlafqualität kann von einer hohen emotionalen Labilität, Ängstlichkeit und Nervosität im Sinne der Neurotizität beeinflusst werden. Es gebe, so die Autoren, Hinweise darauf, dass Neurotizismus zu einer Fehlwahrnehmung des Schlafs beitragen könne.

Gewissenhaft in guten Schlaf


Umgekehrt scheint eine hohe Gewissenhaftigkeit mit einer besseren subjektiven und objektiven Schlafqualität verbunden zu sein. Zielstrebigkeit, Zuverlässigkeit und Selbstorganisation sowie eine höhere Frustrationstoleranz von gewissenhaften Personen führen offenbar dazu, dass sich diese gesünder verhalten – auch im Sinne einer guten Schlafhygiene, die den Schlaf positiv unterstützt. Kürzlich wurde gezeigt, dass Personen mit akuter Insomnie im Vergleich zu gesunden Schläfern eine geringere Gewissenhaftigkeit und eine geringere Offenheit für Erfahrung aufwiesen. Die Rolle von Neurotizismus für die Entwicklung von Insomnien konnte hier nicht bestätigt werden.

Als ein weiterer Einflussfaktor auf die Schlafqualität wird derzeit, laut Küskens et al., Perfektionismus diskutiert. Dabei handle es sich um „ein multidimensionales Konstrukt, das gekennzeichnet ist durch hohe Ansprüche an das eigene Verhalten, das Vermeiden von Fehlern, einen kritischen Umgang mit sich selbst sowie Zweifeln an der eigenen Leistung“. Sowohl im nicht-klinischen als auch im klinischen Bereich wurden Zusammenhänge zwischen einer hohen Perfektionismusausprägung mit einerseits einer reduzierten subjektiven Schlafqualität und selbstberichteten Insomniesymptomen, als auch zwischen Perfektionismus und klinisch diagnostizierten Insomnien berichtet. Eine mögliche Erklärung könnte die Konzentration auf den „perfekten“ Schlaf geben. Während Schlafgesunde den Schlaf als automatischen Prozess hinnehmen, bewirkt bei Perfektionisten der Versuch, den Schlaf aktiv herbeizuführen, genau das Gegenteil: Die verstärkte Aufmerksamkeit verhindert das Ein- und Durchschlafen. Hinzu kommt die größere Belastung, die perfektionistische Personen nach unerholsamem Schlaf hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit bei Tag empfinden und sich darüber sorgen und frustriert sind. Allerdings zeigt sich auch, dass Perfektionismus nicht generell als negativer Einflussfaktor auf die Schlafqualität fungiert, sondern nur jene Form, die sich durch eine erhöhte selbstkritische Bewertung mit Sorgen über Fehler als dysfunktionaler Perfektionismus äußert.

Ein wesentlicher Faktor, um diese erhöhte emotionale und kognitive Erregbarkeit, die sowohl bei Neuro-tizismus als auch in eigener Ausprägung beim dysfunktionalen Perfektionismus die Schlafqualität negativ beeinflusst, zu durchbrechen, ist die Fähigkeit zur Emotionsregulation. „Sowohl Personen mit hoher Perfektionismusausprägung als auch Personen mit hohem Neurotizismus neigen dazu, negative emotionale Zustände weniger erfolgreich herabzuregulieren.“

Den Mechanismus durchbrechen


Da sich die schlechte Schlafqualität und die subjektive Einschätzung der daraus folgenden Tagesleistung wechselseitig fortsetzen, ist die Durchbrechung dieses Mechanismus ein wichtiger Ansatzpunkt in der Besserung der Situation: Mit Psychoedukation zum Schlaf, Techniken der Stimuluskontrolle und Bettzeitrestriktion, Entspannungsübungen sowie einer Modifikation von dysfunktionalen Überzeugungen zum Thema Schlaf. Auf die jeweils zugrunde liegende Persönlichkeitsstruktur sollte in den Therapiemaßnahmen Rücksicht genommen werden.

Quelle: Küskens A. et al.: Persönlichkeit und Insomnien, in: Somnologie 3 · 2021; 25:176–185

Metadaten
Titel
Perfektionisten schlafen schlecht
Publikationsdatum
10.02.2022