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07.06.2022 | Psychotherapie

Die Nadelangst kann überwunden werden

verfasst von: Stefanie Flunkert

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Die Gründe von COVID-19-Impfskeptikern, sich gegen eine Impfung zu entscheiden, können vielfältig sein. Doch ist es möglich, dass eine Impfskepsis hauptsächlich auf einer Angst vor der Spritze beruht? Aktuelle Studien und ein Gespräch mit dem Chefarzt Dr. Georg Psota, Psychosozialer Dienst in Wien, liefern Einblicke in die Beweggründe von Nichtgeimpften.

Verfolgt man die Aufmärsche der Impfskeptiker, erhält man rasch den Eindruck, dass eine Sache diese Menschen einigt: Die Angst vor der Impfung und die Wut auf jene, die sie verabreichen wollen. Die enormen Emotionen, die da mitmarschieren – das muss man so feststellen – beruhen auf keinerlei Fakten. Die Idee der Mikrochips, die Bill Gates‘ Hunger nach der Weltherrschaft stillen sollen, ist ebenso Unsinn wie eine feindliche Übernahme der eigenen DNA mithilfe der gespritzten RNA und erinnert stark an den Filmklassiker „Alien“ von Ridley Scott. Bei dieser Argumentation ist nur abzuwarten, welche Monster in der Zukunft aus uns, mit BioNTech/Pfizer Geimpften, schlüpfen werden.

Es mehren sich Stimmen, die die starke Emotionalität der Impfskeptiker in einer irrationalen Angst begründet sehen, die fast profan anmutet: Viele Impfskeptiker könnten einfach nur Angst vor der Nadel haben.

Ein paar Fakten

Nach mehr als zwei Jahren SARS-CoV-2-Pandemie war es mittlerweile allen gesunden Menschen in Österreich möglich, sich gegen das Virus aktiv immunisieren zu lassen. Trotzdem liegt die Impfrate der mindestens einmal Geimpften hierzulande weiterhin bei weniger als 80 Prozent. Bedeutet diese Impfquote, dass mehr als 20 Prozent, also etwa 1,8 Millionen, der Menschen im Land Impfskeptiker sind und eine Immunisierung verweigern? Sind daher alle Bemühungen, diese Menschen doch noch von einer Impfung zu überzeugen, sinnlos?

Bei einer FORSA-Umfrage im Oktober 2021 gaben acht Prozent der SARS-CoV-2-Nichtgeimpften gesundheitliche Gründe dafür an. Nimmt man diese Gruppe aus der Kalkulation heraus, verbleiben noch immer etwa 15 Prozent Nichtgeimpfte, die vermutlich zu den Impfskeptikern gezählt werden müssen.

Keine Studie zur Angst

Aktuell scheint es keine wissenschaftlichen Studien über Impfskeptiker zu geben, die explizit nach einer Angst vor der Nadel oder anderen Impf-relevanten Ängsten gefragt hätten. In einem systematischen Review aller publizierten Studien über Gründe von Impfskeptikern weltweit von 2014 werden Ängste zwar angesprochen, jedoch nicht weiter erläutert.

In der bereits erwähnten FORSA-Umfrage unter Nichtgeimpften vom Oktober 2021 wurde Spritzenangst nicht explizit genannt. Vielleicht fällt es ebenfalls unter die Kategorie „gesundheitliche Gründe“. Doch würden Impfskeptiker eine vermeintliche Nadelangst überhaupt zugeben?

Befragungen von jungen Erwachsenen fanden eine Inzidenz für Nadelangst von mehr als 20 Prozent. Und weitere acht Prozent der Befragten gaben sogar an, ihre Angst sei unverhältnismäßig groß. Bei Letzteren kann daher vermutlich von einer Nadelphobie ausgegangen werden.

Für diese israelische Studie wurden 400 Reisende befragt, die in einer Klinik für Reisekrankheiten eine Impfung erhalten sollten und diese letztendlich auch alle erhalten haben. Es handelte sich somit ausschließlich um Menschen, die aus freiem Willen zu der Impfung gingen. Echte Impfskeptiker wurden daher hier sicherlich nicht befragt, da diese erst gar nicht zur Impfung erschienen wären. Zusätzlich wurde diese Studie bereits 2003, und somit lang vor der aktuellen SARS-CoV-2-Pandemie und der damit verbundenen Diskussion, durchgeführt. Die Befragten waren daher nicht dem Impfdruck der Medien oder Regierung ausgesetzt, der in Österreich durch die kurzzeitige Impfpflicht enorm erhöht wurde.

Die Zahl der aktuell Nichtgeimpften und der Impfskeptiker laut der israelischen Studie ist vergleichbar. Doch bedeutet das automatisch, dass die Gruppen übereinstimmen oder ist es reiner Zufall?

Aktion „Sorgen-los Impfen“

In Wien gibt es seit Februar dieses Jahres die Aktion „Sorgen-los Impfen“. Eine Initiative der Stadt Wien in Kooperation mit dem Psychosozialen Dienst (PSD) Wien, die Menschen mit Ängsten individuell betreut, um ihnen eine SARS-CoV-2-Impfung zu ermöglichen.

Mit diesem Angebot sind alle Menschen angesprochen, die es sonst nicht schaffen würden, sich impfen zu lassen. Laut Dr. Georg Psota, Chefarzt des PSD-Wien, sind recht viele Menschen ein bisschen Spritzen- oder Impf-phobisch, agora- oder klaustrophob, aber es gibt manche, die das so beeinträchtigt, dass es sie von einer Impfung abhält.

Auf meine Frage, ob es für Psota Hinweise dafür gäbe, dass es sich bei Impfskeptikern hauptsächlich um Menschen mit einer Angst vor der Nadel handelt, antwortet er spontan und bestimmt: „Nein – im Gegenteil. Das mag manchmal schon auch beteiligt sein, aber die, die aus phobischen Gründen nicht zur Impfung gehen können, sind Menschen, die die Impfung gerne hätten. Die Impfskepsis ist dagegen oft eine primäre Impfskepsis, also nicht eine primär phobische. Eine Skepsis ist noch keine Störung. Wenn aber Menschen wirklich davon überzeugt sind, durch die Impfung gechippt zu werden, erfüllt das eigentlich Wahnkriterien.“

Gemischt-phobische Problematiken

Laut Psota liegen die häufigsten Ängste darin, bei der Impfung zu kollabieren oder dass der Impfort so strukturiert ist, dass man lang anstehen muss oder er sich in einem höheren Stockwerk befindet. „Bei unseren Kontakten handelt es sich nicht nur um Menschen mit einer Nadelangst, sozialen Phobien oder Agoraphobie, sondern oft auch um gemischt-phobische Problematiken.“ Bei der Initiative „Sorgen-los Impfen“ wird Hilfesuchenden geholfen, indem eine für sie individuelle Lösung gefunden wird, um die Impfung zu ermöglichen. Das kann ein langes Gespräch sein, aber auch die Vermittlung zu einem Arzt, der zum Patienten fährt und ihn daheim impft. Vor Ort im Impfzentrum wird den Patienten eine entspannte Impfatmosphäre geboten.

Das Angebot ist derzeit grundsätzlich bezüglich der COVID-19-Impfung an Menschen mit Ängsten gerichtet, aber langfristig soll es auch für andere Impfungen zur Verfügung gestellt werden. Auf die Idee für diese Aktion kam das PSD-Wien-Team durch Gespräche mit Patienten am Telefon. Auch wenn die Stammklientel des PSD-Wien, dass teils aus Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen besteht, wirklich gut motivierbar und begleitbar zur COVID-19-Impfung ist, gibt es Patienten, denen es unglaublich schwerfällt, zur Impfung zu gehen – aber nicht, weil sie es nicht wollen, sondern weil sie es nicht schaffen.

„Das hat uns letztendlich dazu bewogen ein spezielles Angebot, das jetzt eigentlich schon seinen selbstständigen Weg nimmt, zu entwickeln. Wir haben zuerst die Impfärzte beraten, aber da das Team im Impfzentrum so gut Tipps, Empfehlungen und Vorgangsweisen von uns angenommen hat, geht das jetzt schon fast ohne uns“, sagt Psota. Die Initiative hat mittlerweile einige Erfolgsgeschichten. Beispielsweise von Menschen, die sich nicht mehr aus dem Haus getraut haben, weil sie nicht geimpft waren, und mithilfe der Initiative es dann doch geschafft haben. Die Not Einzelner zeigt ein Fall, bei dem ein ungeimpfter Phobiker extra aus dem Burgenland für die Impfung zum Sorgen-los-Impfzentrum nach Wien gefahren ist und sich anschließend erfolgreich geimpft wieder auf den Heimweg gemacht hat.

Kognitive Verhaltenstherapie hilft

Bei Menschen, die an Ängsten leiden und dies ändern wollen, können laut Psota durch eine kognitive Verhaltenstherapie mit einer Desensibilisierung gute Verbesserungen erreicht werden. Die Therapie ist aber immer vom Kontext abhängig, ob die Phobie isoliert oder im Rahmen eines gesamt-phobischen Geschehens zu betrachten ist. Bei einer reinen Nadelphobie ist eine kognitive Verhaltenstherapie empfehlenswert. Die Desensibilisierung kann etwa durch die Exposition mittels Virtual Reality oder Augmented Reality stattfinden. Auch eine Behandlung durch Hypnose ist denkbar, die Verhaltenstherapie ist jedoch vorzuziehen.

Auch wenn die Initiative „Sorgen-los Impfen“ vom PSD und der Stadt Wien gegründet wurde, sind Menschen aus ganz Österreich herzlich willkommen, das Angebot in Anspruch zu nehmen, denn ein vergleichbares Angebot gibt es laut Psota in den restlichen Bundesländern und vermutlich sogar weltweit nicht. Die Corona-Sorgenhotline ist Montag bis Sonntag von 08:00 bis 20:00 Uhr unter der Telefonnummer 01 4000 53000 erreichbar.

Die Initiative zeigt eindrücklich, dass nicht alle der aktuell Nichtgeimpften im Land mit Impfskeptikern oder sogar „Querdenkern“ in einen Topf zu werfen sind. Ihre Ängste ernst nehmen, heißt daher nicht, über Mikrochips oder Bill Gates zu diskutieren. Hier lohnt ein pragmatischer und vor allem hemdsärmeliger Zugang. Der kann auch ziemlich simpel sein: Etwa den Vorschlag zu machen, dass ein Angehöriger dem Impfling beim Nadelstich beisteht, selbst wenn dieser die Kraft hätte, Ihre Ordinationstür locker aus den Angeln zu heben.

Referenzen:
1. Infopoint Coronavirus, ORF.at News –Zahlen Geimpfter in AT
2. FORSA: Befragung von nicht geimpften Personen zu den Gründen für die fehlende Inanspruchnahme der Corona-Schutzimpfung. https://bit.ly/3m0AUkU
3. Nir et al. 2003: Needle fear in young adults. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12685642
4. Larson 2014: Immunization hesitancy https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/24598724

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Titel
Die Nadelangst kann überwunden werden
Publikationsdatum
07.06.2022