Psychotherapeutische Versorgung in Österreich – Herausforderungen, Chancen und Zukunftsperspektiven
- Open Access
- 15.10.2025
- originalarbeit
Zusammenfassung
Einleitung
Die psychotherapeutische Versorgung in Österreich ist von regionalen und strukturellen Ungleichheiten geprägt, insbesondere in ländlichen Gebieten, trotz eines grundsätzlich gut ausgebauten Gesundheitssystems. Nach derzeitigen Daten leiden etwa 23,8 % der österreichischen Bevölkerung an einer psychischen Störung (Wancata 2017), wobei 14 % laut Einschätzung im Versorgungssystem vorstellig werden (Löffler-Stastka und Hochgerner 2021; Riess et al. 2023). Der geschätzte Behandlungsbedarf liegt bei rund 9 % der österreichischen Gesamtbevölkerung, während 2022 nur 4 % versorgt wurden (Gruber et al. 2024; Löffler-Stastka und Hochgerner 2021; Plessen et al. 2016). Die Diskrepanz ist vor allem auf finanzielle Hürden und regionale Versorgungsunterschiede zurückzuführen (Kapusta et al. 2010). Die COVID-19-Pandemie erschwerte den Zugang zu Psychotherapie, insbesondere für vulnerable Gruppen wie zum Beispiel Jugendliche und Geflüchtete (Probst et al. 2020). Gleichzeitig stieg das Interesse an Teletherapie, auch wenn viele weiterhin persönliche Sitzungen bevorzugen (Humer et al. 2020).
Diese Entwicklungen verdeutlichen, dass psychotherapeutische Versorgung in Zeiten gesellschaftlicher Krisen und erhöhter psychosozialer Belastung zunehmend an Bedeutung gewinnt und psychische Erkrankungen in der Bevölkerung stärker akzeptiert werden. Dennoch bleibt mangels belastbarer Versorgungsdaten unklar, in welchem Ausmaß die österreichische Bevölkerung tatsächlich angemessen betreut wird. Auch die Frage, ob ausreichend Psychotherapeut:innen mit entsprechender Versorgungskapazität zur Verfügung stehen, lässt sich bislang nur schätzen. Zwar ist die Zahl der beruflich tätigen Psychotherapeut:innen seit dem ersten Psychotherapiegesetz im Jahr 1991 kontinuierlich gestiegen, doch fehlen differenzierte Angaben zum tatsächlichen Tätigkeitsumfang und zur regionalen Verfügbarkeit. Die Zahl der Psychotherapeut:innen stieg von 950 im Jahr 1991 auf 11.676 im Jahr 2023. Heute gibt es in allen Bezirken Österreichs mindestens fünf Psychotherapeut:innen, jedoch bleibt die Versorgung regional ungleich verteilt (Gruber et al. 2024).
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Das Inkrafttreten des aktualisierten Psychotherapiegesetzes (PThG 2024) und der Psychotherapie-Ausbildungs‑, Approbationsprüfungs- und Qualitätssicherungs-Verordnung (PTh-AAQV 2024) birgt Potenzial zur Verbesserung der Versorgung durch klarere rechtliche Rahmenbedingungen. Dennoch sind strukturelle Reformen auf Bundes‑, Landes- und Einrichtungsebene nötig, um die Versorgungslage zu optimieren und auf neue psychische Belastungen infolge gesellschaftlicher Krisen adäquat zu reagieren. Ein kontinuierlicher, strukturierter Dialog zwischen Berufsvertretungen, Entscheidungsträger:innen und Sozialversicherungen (Löffler-Stastka et al. 2023a) ist erforderlich, um eine bedarfsgerechte Versorgung (Löffler-Stastka et al. 2023) und langfristig effektive Angebote sicherzustellen (Löffler-Stastka und Hochgerner 2021).
In Österreich besteht dringender Handlungsbedarf, um Reichweite und Qualität psychotherapeutischer Angebote zu verbessern. Eine fundierte Analyse bestehender Strukturen und klare politische Zielsetzungen sind essenziell, um die psychische Gesundheit der Bevölkerung nachhaltig zu sichern. Ziel dieses Beitrags ist es, die aktuellen Versorgungsstrukturen und den psychotherapeutischen Bedarf systematisch zu analysieren. Obwohl die Gesamtzahl eingetragener Psychotherapeut:innen bekannt ist, fehlen weitgehend belastbare Daten zu ihrem tatsächlichen Tätigkeitsumfang und ihrer Verfügbarkeit (Gruber et al. 2024; Riess et al. 2023; Sagerschnig und Mikulcik 2024). Über das konkrete Ausmaß der Tätigkeit im Rahmen psychotherapeutischer Krankenbehandlung, die über die österreichische Gesundheitsversorgung abgedeckt wird, im Vergleich zu Tätigkeiten im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung, der Ausbildung, von Coaching und Supervision, ist bislang wenig bekannt. Zur Steuerung der psychotherapeutischen Versorgung in Österreich – von stationären und teilstationären Einrichtungen über den ambulanten Bereich bis hin zur freien Praxis – sowie für die Planung von Ausbildungsplätzen sind jedoch konkrete und belastbare Versorgungsdaten unerlässlich (Löffler-Stastka 2024).
Zur Beantwortung dieser Fragestellungen wurde eine Online-Befragung unter den Mitgliedern des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) durchgeführt. Diese richtete sich an in die Berufsliste eingetragene Mitglieder sowie an Psychotherapeut:innen in Ausbildung unter Supervision, um eine praxisnahe Einschätzung der aktuellen Versorgungslage, bestehender Herausforderungen (Löffler-Stastka 2025) und möglicher Reformansätze zu erheben.
Methodik
Zur Erhebung der aktuellen Versorgungssituation wurde eine standardisierte Online-Befragung unter ÖBVP-Mitgliedern durchgeführt, die entweder in die Liste des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) eingetragen oder „in Ausbildung unter Supervision“ waren. Die Umfrage war vom 2.–20.12.2024 über einen personalisierten Link zugänglich, die Teilnahme war freiwillig, anonym und nur einmal möglich; zwei Erinnerungen zur Teilnahme wurden verschickt. Sie bestand aus geschlossenen Fragen und dauerte etwa sechs Minuten. Inhalte waren soziodemografische Merkmale, beruflicher Status, Tätigkeitsumfang, regionale Verteilung, Vertragsverhältnisse, Planungen und Honorargestaltung. Besonderer Fokus lag auf Sachleistungen und Tarifbedingungen. Ziel war eine valide Erfassung struktureller, regionaler und ökonomischer Faktoren der Versorgung. Die statistische Auswertung erfolgte mit IBM SPSS Statistics (Version 27), wobei deskriptive Statistiken berechnet und Chi2-Tests angewendet wurden.
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Ergebnisse
Im Rahmen der Online-Befragung zur psychotherapeutischen Versorgung in Österreich haben 6388 Psychotherapeut:innen den Fragebogen erhalten, wobei insgesamt 2777 Personen teilnahmen. Dies entspricht einer Rücklaufquote von 43,5 % (Tab. 1).
Tab. 1
Rücklaufquote im Vergleich zu ÖBVP-Mitgliedern und allen eingetragenen Psychotherapeut:innen in Österreich (Pth.) sowie Psyochtherapeut:innen in Ausbildung unter Supervision (Pth.i.A.u.S.) Stand 2023 (Sagerschnig und Mikulcik 2024)
Anzahl ÖBVP Mitglieder | Anzahl beantworteter Fragebögen | Rücklaufquote ÖBVP-Mitgliedern (in %) | Gesamtanzahl eingetragener Pth. und Pth.i.A.u.S 2023 | Anteil ÖBVP-Mitglieder an der Gesamtanzahl (in %) | Anteil Rücklauf an Gesamtanzahl 2023 (in %) | |
|---|---|---|---|---|---|---|
Pth. | 4689 | 2139 | 45,6 | 11.676 | 40,2 | 18,3 |
Pth.i.A.u.S. | 1699 | 638 | 37,6 | 2799 | 60,7 | 22,8 |
Gesamt | 6388 | 2777 | 43,5 | 14.475 | 44,1 | 19,2 |
Die Mehrheit der Teilnehmenden war weiblich und zwischen 50–65 Jahren alt (Tab. 2). 2139 waren in der BMASGPK-Liste eingetragen, 638 in Ausbildung unter Supervision. 60,7 % üben Psychotherapie als einzige Tätigkeit aus, 63,4 % nur in einer Stadt. 98,0 % arbeiten in freier Praxis, 20,5 % sind angestellt, davon rund 20 % in Krankenhäusern oder Kliniken.
Tab. 2
Vergleich von Geschlecht, Alter und Region zwischen Teilnehmer:innen und BMSGPK-Daten 2023 (Sagerschnig und Mikulcik 2024).
Variable | Teilnehmer:innen | Anteil in % (Umfrage) | BMASGPK 2023 | Anteil in % (BMASGPK) |
|---|---|---|---|---|
Geschlecht | ||||
Weiblich | 2200 | 79,2 | 8693 | 74,5 |
Männlich | 572 | 20,6 | 2983 | 25,5 |
Divers | 5 | 0,2 | – | – |
Alter | ||||
–29 | 39 | 1,4 | 352 | 3,0 |
30–39 | 501 | 18,0 | 1719 | 14,7 |
40–49 | 793 | 28,6 | 2729 | 23,4 |
50–65 | 1209 | 43,4 | 3719 | 31,9 |
66+ | 235 | 8,46 | 3156 | 27,0 |
Durchschnittsalter | 50,3 | – | 57,8 | – |
Länderverteilung | ||||
Burgenland | 86 | 3,1 | 230 | 2,0 |
Kärnten | 96 | 3,5 | 312 | 2,7 |
Niederösterreich | 336 | 12,1 | 1372 | 11,8 |
Oberösterreich | 409 | 14,7 | 1292 | 11,1 |
Salzburg | 182 | 6,6 | 865 | 7,4 |
Steiermark | 345 | 12,4 | 1121 | 9,6 |
Tirol | 398 | 14,3 | 1024 | 8,8 |
Vorarlberg | 116 | 4,2 | 444 | 3,8 |
Wien | 809 | 29,1 | 4395 | 37,6 |
Gesamt | 2777 | 100 | 11.676 | 100 |
Länderverteilung
Die Verteilung nach Landesverbänden zeigt regionale Unterschiede (Tab. 2). Die Verteilung unterscheidet sich signifikant von der Gesamtpopulation (Chi2, p ≤ 0,001; Tab. 2). Bei Anstellungen führt Wien mit 144 (25,2 %), gefolgt von Steiermark 92 (16,1 %), Niederösterreich 77 (13,5 %), Oberösterreich 67 (11,7 %), Tirol 58 (10,1 %), Salzburg 47 (8,2 %), Kärnten 29 (5,1 %), Vorarlberg 19 (3,3 %) und Burgenland 10 (1,8 %).
Ausmaß der Tätigkeit
Die Wochenstunden psychotherapeutischer Tätigkeit in Institutionen verteilen sich unterschiedlich; 224 Personen (39,4 %) arbeiten 11–20 h pro Woche. In freier Praxis arbeiten 33,6 % 11–20 h, 23,8 % 21–30 h und 14,6 % mehr als 30 h pro Woche, insgesamt üben 38,3 % mehr als 20 h aus. 26,4 % behandeln 10–20 Patient:innen, 18,0 % 21–30 und 13,4 % 31–40 Patient:innen. Die Krankenbehandlung macht bei 23,6 % bis zu 80 %, bei 23,5 % bis zu 90 % und bei 18,6 % bis zu 100 % der Tätigkeit aus; 13,9 % gaben bis zu 70 % an, somit beträgt bei knapp 80 % der Anteil mindestens 70 %.
Teil- und Vollfinanzierte Therapie sowie Tarifvorstellungen
Von den Vertragspsychotherapeut:innen behandelten 2024 34,9 % weniger als zehn und 35,7 % zehn bis zwanzig Patient:innen, sodass rund 70 % weniger als 20 Patient:innen im Sachleistungsrahmen versorgten. 2024 hatten 28,9 % der Vertragspsychotherapeut:innen ein Sachleistungskontingent bis 200 h und rund 25 % bis 100 h. 60 % würden eine Erweiterung nur bei höheren Tarifen befürworten, 24 % zeigten grundsätzliches Interesse und 16 % kein Interesse. Rund 83 % der Psychotherapeut:innen ohne Vertrag hätten grundsätzlich Interesse an Sachleistungsplätzen; 61 % nur bei höheren Tarifen, 22 % uneingeschränkt und 17 % kein Interesse. Von den Psychotherapeut:innen in Ausbildung zeigten 96 % Interesse (50 % nur bei höheren Tarifen, 46 % uneingeschränkt, 4 % kein Interesse).
Zukünftige Tätigkeit
Im Hinblick auf die zukünftige Berufstätigkeit gaben rund 53 % der befragten Psychotherapeut:innen an, mindestens noch 16 Jahre lang im Beruf verbleiben zu wollen. Davon planen 36 % eine Tätigkeit über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren hinaus (Tab. 3).
Tab. 3
Geplanter Verbleib im Beruf laut Umfrage
Geplanter Zeitraum der weiteren Berufstätigkeit (Jahre) | Anteil (%) |
|---|---|
1–2 | 2 |
3–5 | 11 |
6–10 | 17 |
11–15 | 17 |
16–20 | 17 |
> 20 | 36 |
Im Hinblick auf den geplanten Umfang ihrer psychotherapeutischen Tätigkeit im Zeitraum 2025 bis 2030 gaben 47 % (N = 1154) der Befragten an, ihr aktuelles Tätigkeitsausmaß beibehalten zu wollen. 42 % planen eine Ausweitung ihrer Tätigkeit, während lediglich 11 % (N = 307) eine Reduktion ihres psychotherapeutischen Engagements in Aussicht stellen (Tab. 4).
Tab. 4
Geplante Veränderung des Tätigkeitsumfangs in den nächsten Jahren
Veränderungsrichtung | Veränderung in Stunden/Woche | Anzahl | Anteil (%) |
|---|---|---|---|
Ausbau | ≥ 5 | 221 | 19,2 |
≥ 10 | 388 | 33,6 | |
≥ 15 | 165 | 14,3 | |
≥ 20 | 132 | 11,4 | |
≥ 25 | 53 | 4,6 | |
> 25 | 95 | 8,2 | |
Reduktion | ≤ 5 | 146 | 47,6 |
≤ 10 | 103 | 33,6 | |
≤ 15 | 26 | 8,5 | |
≤ 20 | 12 | 3,9 | |
≤ 25 | 20 | 6,5 |
Tarife in der freien Praxis
Rund 75 % der Befragten verlangen ein Honorar zwischen 90 und 120 €, was den häufigsten Tarifbereich darstellt (Tab. 5). Für Supervision und Selbsterfahrung beträgt das Standardhonorar in den meisten Fällen rund 100 € pro Einheit mit einer ähnlichen Verteilung zwischen 90 und 120 €. Darüber hinaus gaben rund 75 % der befragten Psychotherapeut:innen an, in ihrer Praxis auch Sozialtarife anzubieten.
Tab. 5
Standardhonorare für eine psychotherapeutische Einzelsitzung (50 min) im Jahr 2024
Honorar (€) | Anzahl | Anteil (%) |
|---|---|---|
≥ 50 | 12 | 0,4 |
≥ 60 | 34 | 1,3 |
≥ 70 | 78 | 2,9 |
≥ 80 | 142 | 5,2 |
≥ 90 | 387 | 14,2 |
≥ 100 | 729 | 26,8 |
≥ 110 | 547 | 20,1 |
≥ 120 | 389 | 14,3 |
≥ 130 | 231 | 8,5 |
≥ 140 | 106 | 3,9 |
≥ 150 | 57 | 2,1 |
> 150 | 31 | 1,1 |
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Diskussion
Auf Basis der hohen Rücklaufquote von 43,5 % ermöglicht die Online-Befragung eine differenzierte Analyse der Versorgungslage aus Sicht eingetragener Psychotherapeut:innen sowie jener in Ausbildung unter Supervision. Die Ergebnisse geben einen quantitativen Einblick in Struktur, regionale Verteilung und institutionelle Rahmenbedingungen der psychotherapeutischen Versorgung in Österreich. Sie zeigen eine starke Konzentration der Praxistätigkeit in urbanen Regionen, wobei Wien mit 30,7 % den höchsten Anteil an freiberuflich- und mit 25,2 % an angestellt-tätigen Psychotherapeut:innen hat. Westliche und kleinere Bundesländer wie Vorarlberg und Burgenland sind hingegen deutlich schwächer vertreten. Diese Disparität legt nahe, dass Psychotherapeut:innen in manchen Bundesländern kaum in institutionelle Angebote eingebunden sind und freiberufliche Strukturen dominieren. Für eine ausgewogene, wohnortnahe Versorgung wäre daher ein gezielter Ausbau institutioneller Beschäftigungsmöglichkeiten, insbesondere in unterversorgten Regionen, notwendig (Gruber et al. 2024; Riess et al. 2023).
Die Ergebnisse belegen zudem die Schwerpunktsetzung auf die freiberufliche Ausübung der Psychotherapie (vgl. Löffler-Stastka 2022). Mit nahezu 98 % ist die freie Praxis der dominierende Tätigkeitsbereich. 60,7 % der Befragten geben an, Psychotherapie als einzige berufliche Tätigkeit auszuüben. 63,4 % arbeiten ausschließlich in einer Stadt. Diese Zahlen sprechen für eine starke berufliche Identifikation und zugleich für eine anhaltende strukturelle Unterversorgung im ländlichen Raum (Gruber et al. 2024; Kapusta et al. 2010; Löffler-Stastka und Hochgerner 2021; Riess et al. 2023). Gerade hier könnte durch die Planung von psychotherapeutischen Versorgungseinrichtungen in unterversorgten Regionen entgegengewirkt werden. Die Notwendigkeit für psychotherapeutische Versorgungsstellen gilt jedoch nicht nur für ländliche Bereiche.
Die psychotherapeutische Tätigkeit in Anstellung erfolgt überwiegend in Teilzeit: 39,4 % der angestellten Befragten arbeiten zwischen 11 und 20 Wochenstunden inklusive Administration. Dies verweist auf eine hohe Teilzeitquote, möglicherweise bedingt durch eingeschränkte institutionelle Strukturen, begrenzte Vollzeitstellen und individuelle Vereinbarkeitswünsche. Zugleich könnte diese Fragmentierung die nachhaltige therapeutische Beziehungsgestaltung und interdisziplinäre Einbindung erschweren. Eine stärkere Integration psychotherapeutischer Fachkräfte in multiprofessionelle Settings wie Spitäler, Ambulanzen oder Primärversorgungseinheiten wäre angesichts steigenden Versorgungsbedarfs dringend zu prüfen.
Trotz der hohen Dominanz der freien Praxis in der aktuellen Versorgungslage erscheint es aus versorgungspolitischer und ausbildungsbezogener Perspektive sinnvoll, die psychotherapeutische Tätigkeit stärker auch in die multiprofessionelle Regelversorgung zu integrieren. Besonders bei komplexen oder schweren psychischen Erkrankungen sind eine frühzeitige Behandlung in strukturierten institutionellen Kontexten und eine Zusammenarbeit zwischen Psychotherapeut:innen und angrenzenden Berufsfeldern für eine effiziente und effektive Behandlung essenziell. Eine Versorgung und eine Ausbildung, die auch Settings wie Ambulanzen, psychosoziale Dienste oder Krankenanstalten umfasst, fördern den Kompetenzerwerb in interdisziplinärer Zusammenarbeit und bereiten angehende Psychotherapeut:innen auf unterschiedliche Versorgungskontexte vor. Langfristig trägt dies zu einer qualitätsvollen und bedarfsgerechten Versorgung bei.
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Ein bedeutsamer Aspekt der aktuellen Versorgungslage betrifft die Finanzierung psychotherapeutischer Leistungen. Die Ergebnisse der Befragung zeigen, dass der überwiegende Teil der psychotherapeutischen Tätigkeit in freier Praxis als Krankenbehandlung im Sinne des Gesundheitssystems zu verstehen ist. Gleichzeitig verfügen nur 46 % der eingetragenen Psychotherapeut:innen über einen Vertrag für vollfinanzierte Sachleistungsplätze. Von diesen behandeln rund 70 % weniger als 20 Patient:innen im Rahmen der Sachleistung. Dies ist ein Hinweis auf die insgesamt begrenzte Kapazität vollfinanzierter Therapieplätze, wie es auch in anderen Studien berichtet wird (Gruber et al. 2024; Löffler-Stastka und Hochgerner 2021; Wancata 2017).
Die Versorgung im Rahmen vollfinanzierter Sachleistungsplätze ist aktuell durch begrenzte Stundenzahlen und niedrige Fallzahlen gekennzeichnet: 34,9 % der Vertragsinhaber:innen in der Umfrage behandelten weniger als zehn Patient:innen, 35,7 % zehn bis zwanzig. Mehr als die Hälfte der Befragten hatte ein Sachleistungskontingent von maximal 200 h. Dies entspricht auch der Erhebung der Gesundheit Österreichs, in der die Anzahl der vollfinanzierten Sachleistungen bei Psychotherapeut:innen in freier Praxis geringer ist als die Teilrefundierung (Gruber et al. 2024). Gleichzeitig gaben 60 % an, eine Erweiterung des Kontingents nur bei höheren Tarifen in Betracht zu ziehen. Dieses Ergebnis macht deutlich, dass die derzeitige Tarifstruktur einen zentralen Hemmfaktor für eine Ausweitung der Sachleistungsstunden darstellt und als wesentlicher Punkt in der vertraglich geregelten Versorgung wahrgenommen wird.
Rund 83 % der Psychotherapeut:innen ohne bestehenden Vertrag für Sachleistungen zeigten prinzipielles Interesse an einem solchen. Davon machten 61 % dieses Interesse von einer Tarifverbesserung abhängig. Ähnlich fällt die Rückmeldung jener im Status „in Ausbildung unter Supervision“ aus: 96 % zeigten Interesse an Sachleistungsplätzen, davon 50 % nur bei besseren Honoraren. Diese Ergebnisse verdeutlichen das hohe Engagement der Berufsgruppe, gleichzeitig aber auch die Notwendigkeit einer strukturellen Anpassung der Vergütungssysteme, um dieses Potenzial nutzbar zu machen.
Auf Basis dieser Angaben sowie epidemiologischer Einschätzungen zur Gesamtversorgungsrate von ca. 4 % der Bevölkerung im Jahr 2022 (Gruber et al. 2024) lässt sich ableiten, dass der Anteil der psychotherapeutischen Behandlungen, die tatsächlich ohne Selbstkostenanteil erfolgen, äußerst gering ist. Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Fallzahlen in der Sachleistung sowie der hohen Zahl an Psychotherapeut:innen in freier Praxis ohne Vertrag in der Umfrage kann angenommen werden, dass nur etwa 10 bis 15 % der psychotherapeutischen Krankenbehandlungen in Österreich vollständig kassenfinanziert erfolgen. Dies korreliert mit den Angaben für das Jahr 2022: nur rund 1 % der Bevölkerung erhielten vollfinanzierte Psychotherapie, etwa 1,2 % wurden über Kostenzuschüsse oder psychotherapienahe ärztliche Leistungen versorgt (Gruber et al. 2024). Aus den Angaben der Umfrage ergibt sich ein geschätzter Anteil von etwa 50–60 % an psychotherapeutischen Behandlungen, die privat ohne jegliche Rückerstattung durch die Sozialversicherung finanziert werden müssen. Diese hohe Selbstzahlungsquote ist insbesondere im Hinblick auf die sozialpolitische Zielsetzung eines gleichberechtigten Zugangs zu medizinischer Versorgung bedenklich. Sie verdeutlicht, dass einkommensschwache Bevölkerungsgruppen faktisch von kontinuierlicher psychotherapeutischer Behandlung ausgeschlossen sein können – trotz bestehendem, oft dringlichem Behandlungsbedarf (Gruber et al. 2024; Löffler-Stastka und Hochgerner 2021; Riess et al. 2023). Die aktuelle Tarifstruktur sowie die kontingentierte Vergabe von Sachleistungsplätzen erweisen sich damit als zentrale strukturelle Barrieren, die einer fairen und bedarfsgerechten Versorgung entgegenstehen. Für die gesundheitspolitische Planung ergibt sich daraus ein dringender Handlungsauftrag (Löffler-Stastka et al. 2023b), die Finanzierungssysteme der Psychotherapie grundlegend zu reformieren und insbesondere den Anteil vollfinanzierter Therapieplätze bei gleichzeitig fairen Tarifen für die Psychotherapeut:innen signifikant zu erhöhen.
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Die Ergebnisse zeigen ein hohes berufliches Engagement: 53 % planen, mindestens 16 Jahre, 36 % sogar über 20 Jahre im Beruf zu bleiben. 42 % möchten ihre Tätigkeit bis 2030 ausweiten, meist um bis zu 10 h pro Woche; nur 11 % planen eine Reduktion. Auch bei den Honoraren ergibt sich ein klares Bild: 75 % verrechnen 90–120 € pro Einzelsitzung, ähnliche Tarife gelten für Supervision und Selbsterfahrung. Etwa 75 % bieten einkommenssensible Sozialtarife an.
Trotz hoher Rücklaufquote basiert die Studie auf einer Teilstichprobe von ÖBVP-Mitgliedern, deren Teilnahmebereitschaft auf ein überdurchschnittliches berufliches Engagement hinweist. Dies kann zu Verzerrungen führen, etwa durch überschätzte Ausbau- oder Versorgungskapazitäten. Vergleichbare Studien mit Zufallsstichproben (Mayr et al. 2025; Orlinsky et al. 2024) zeigen jedoch ähnliche Muster, was die Aussagekraft der Ergebnisse stützt. Eine Limitation der Studie liegt in ihrem Design als Querschnittserhebung mit ausschließlich geschlossenen Fragen und dem Ausschluss von Nicht-Mitgliedern, was kausale Aussagen einschränkt. Zudem fehlen objektive Versorgungsdaten ebenso wie eine valide, systematisch erhobene Bedarfsanalyse. In diesem Zusammenhang wäre es zudem relevant, potenzielle Effekte alternativer Finanzierungsmodelle – wie etwa moderate Selbstbehalte – auf Inanspruchnahmeverhalten, Therapiemotivation und die Steuerung von Gesundheitsausgaben systematisch zu untersuchen.
Die Befragten der Studie sind im Durchschnitt deutlich jünger (50,3 Jahre) als die Gesamtpopulation eingetragener Psychotherapeut:innen in Österreich (57,8 Jahre; Sagerschnig und Mikulcik 2024). Diese Altersabweichung deutet auf eine mögliche Verzerrung hin: Jüngere, aktiver tätige und berufspolitisch engagierte Personen haben eher teilgenommen, wodurch Angaben zur geplanten Verweildauer, Tätigkeitsausweitung und Bereitschaft zur Übernahme von Sachleistungsplätzen tendenziell überschätzt sein könnten. Prognosen zeigen zudem, dass altersbedingt bis 2040 rund 27–40 % der aktuell eingetragenen Psychotherapeut:innen aus dem Beruf ausscheiden werden (Riess et al. 2023). Die Umfrage liefert somit wichtige, aber zurückhaltend zu interpretierende Anhaltspunkte für künftige Versorgungskapazitäten. Es fehlen jedoch weiterhin differenzierte Altersanalysen und objektive Versorgungsdaten zur präziseren Einschätzung des Versorgungspotenzials.
Insgesamt verdeutlichen die Befragungsergebnisse den hohen Professionalisierungsgrad der psychotherapeutischen Versorgung in Österreich, aber auch strukturelle Engpässe in der Verteilung, in der Integration der Psychotherapie in institutionelle Settings sowie in der tariflichen Abgeltung für Behandler:innen und Behandelte. Auf Basis der Umfrage lässt sich die Annahme ableiten, dass bei fairer Honorierung ein hohes Potenzial für psychotherapeutische Versorgung besteht und auf Basis der Rückmeldungen der Teilnehmenden mittelfristig keine Versorgungsengpässe zu erwarten sind. Vor dem Hintergrund des steigenden Versorgungsbedarfs sind gezielte Reformen und Investitionen in tarifliche Anreize, regionale Ausgewogenheit und institutionelle Verankerung von psychotherapeutischen Angeboten notwendig, um eine zukunftsfähige und gerechte Versorgung von Personen mit klinisch-relevanten psychischen Problemen zu sichern.
Danksagung
Wir danken allen Teilnehmer:innen der ÖBVP-Umfrage sowie den beteiligten Institutionen für die Unterstützung. Die Autor:innen danken der NÖ Landesgesundheitsagentur als Rechtsträgerin der Universitätskliniken in NÖ für die Bereitstellung des organisatorischen Rahmens zur Durchführung des Forschungsvorhabens. Die Autor:innen anerkennen außerdem die Unterstützung durch den Open Access Publikationsfonds der Karl Landsteiner Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, Krems, Österreich.
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
M. Boeckle, B. Haid, W. Schimböck, I. Gstrein, B. Pall, C. Pokorny, D. Zimmermann, A. Birkner und H. Löffler-Stastka geben an: Einige Autor:innen sind im ÖBVP tätig, was potenziell berufspolitische Interessen mit sich bringt und bei der Interpretation zu berücksichtigen ist.
Ethische Standards
Die Umfrage wurde anonymisiert durchgeführt; durch Öffnen des personalisierten Links wurde eine informierte Einwilligung gegeben. Da keine sensiblen personenbezogenen Daten erhoben und keine besonders schutzbedürftigen Gruppen einbezogen wurden, ist laut den Richtlinien der Österreichischen Agentur für wissenschaftliche Integrität keine Ethikeinreichung erforderlich.
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Hinweis des Verlags
Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.