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Psychosoziale Aspekte der ambulanten Psychotherapie mit Pflegefamilien

  • Open Access
  • 17.10.2025
  • originalarbeit
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Zusammenfassung

Familie stellt ein offenes System dar, welches im Falle der Pflegefamilie oft zahlreichere Interaktionen im Umfeld und Herausforderungen aufweist als in anderen Familiensystemen. Im Bundesland Steiermark stieg die Anzahl der Fremdunterbringungen Minderjähriger in den letzten Jahren stetig an, wovon sich ein steigender Bedarf an Pflegefamilien ableitet.
Dieser Beitrag widmet sich der Analyse der Rollenbilder von aktiven Langzeit-Pflegeeltern sowie deren psychotherapeutischer Versorgung in Form von systemischer Familientherapie. Ziel ist es die Behandlung auf deren Bedürfnisse bestmöglich auszurichten um die Pflegschaft langfristig zu stabilisieren und die Bereitschaft zur Aufnahme von Pflegekindern anzuregen.
Anhand dreier Interviews mit Langzeit-Pflegemüttern aus der laufenden Pilotstudie werden die Ergebnisse dargestellt und diskutiert.
Alle Befragten identifizierten sich im Gesellschaftsleben mit dem Ersatz-Mutter-Konzept. Als unterstützend wurden von den Befragten entlastende Interventionen wie Joining durch wertungsfreie Gespräche und Perspektivenwechsel durch Fragetechniken sowie hypnosystemisches Arbeiten wie anhand des Seitenmodells genannt.

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Hintergrund

Die Rollenbilder von Pflegeeltern und Pflegekind haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Die Bedürfnisse der Pflegekinder resultieren teilweise aus den Biographien, inneren Bildern und Mustern der leiblichen Eltern sowie verinnerlichten Wertesystemen oder kulturellen und religiösen Unterschieden (Pérez et al. 2011; Scherr und Bartsch 2019; Springer und Lueger-Schuster 2020). Auch die Motivation, eine Pflegschaft einzugehen, hat sich verändert (Geserick et al. 2015; Nowacki und Remiorz 2018) und die gesellschaftlichen, biopsychosozialen Herausforderungen an die Kinder und Jugendlichen (wie mit sozialen Medien sowie Folgen der Pandemie) (Naab 2025) als auch an Pflegeeltern nehmen zu und erfordern neue Strategien zur Bewältigung (Diemer 2022).
Familie kann als offenes System gesehen werden, in dem das Verhalten des Einzelnen erst über Wechselwirkung mit dem Verhalten anderer im System verständlich wird (Minuchin 1985). Das System Familie ist wiederum in übergeordnete Systeme integriert, welches im Falle einer Pflegefamilie (als Mikroebene) in Anlehnung an das systemische Mehrebenenmodells von Kaiser (1995) noch vielfältigere Interaktionen wie mit Behörden, Schule und Vereinen (als Mesoebene) sowie in Gesellschaft und Rechtssystem (als Makroebene) aufweist. Weiters kann das Pflegefamiliensystem systemisch als binukleare Familie betrachtet werden (Ahrons 1979), womit Entweder-Oder aus der Pflegekind-Perspektive vermieden werden kann und das aufgenommene Kind sozusagen Mitglied zweier Kernfamilien ist. Das reduziert die Gefahr der Konkurrenz zwischen Pflege- und Herkunftsfamilie mit dem Kind oder gar die Bildung eines „Parental Alienation Syndroms“ mit Ablehnung eines der beiden Familiensysteme durch das Kind, welches damit in Loyalitätskonflikte gerät (Kucukkaragoz und Meylani 2025). Zusätzlich zeigen Pflegekinder oft Symptome einer unsicheren Bindung (Pérez et al. 2011; Springer und Lueger-Schuster 2020).
Für Pflegefamilien bedeutet das insgesamt deutlich mehr Interaktionen auf Meso- und Makroebene sowie emotionalen Druck. Die Herausforderungen bestehen unter anderem in der Förderung der Bindungs- und Persönlichkeitsentwicklung sowie Deckung der Bedürfnisse des Pflegekindes. Die Aufnahme eines Pflegekindes bedeutet eine Mehrfachbelastung und Stress für das aufnehmende Familiensystem, womit die Unterstützung und Entlastung noch bedeutungsvoller ist, da die Qualität der Bindung zu den Pflegeltern mit Fürsorge und Feinfühligkeit besondere Relevanz bei der Stressreduktion der Pflegekinder mit unsicherem Bindungsverhalten hat (Zimmermann et al. 2021; Metzger 1995).
Seitens der Gesellschaft existieren keine Vorbilder für Pflegeeltern, weshalb diese ihr Selbstkonzept entwickeln (Hoffmann-Riem 1989; Helming 2014), basierend auf den Erfahrungen, der Biographie und den inneren Haltungen der Pflegeeltern. Dazu zählen auch individuelle Normen des Begegnens, da vor allem Nähe oft ein heikles Thema in Pflegefamilien (Helming 2014) darstellt. Bindungsbedürfnis und Bindungserwartung der Mitglieder einer Pflegefamilie stehen auch im Zusammenhang mit den verinnerlichten Rollenbildern. Pflegeeltern in einer professionellen Erzieherrolle im Sinne eines Helfer-Konzepts mit Fokus auf die kindlichen Bedürfnisse ermöglichen eine professionelle Bindung, während es im Gib-und-Nimm Konzept mehr einem Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis mit Fokus auf Erwartungen an das Pflegekind (Blandow 1972) ähnelt. Beim Ersatzmutter-Konzept betreut die Pflegemutter das Pflegekind wie eine Mutter es nach ihren gesellschaftlichen Normen und Werten tun würde, aber als vorübergehender Ersatz für die leibliche Mutter (Blandow 1972). In Anlehnung an das Seitenmodell (Peichl 2023) können neben dem Mutter- und Pflegemutteranteil sowie dem helfenden Anteil noch andere Anteile identifiziert werden, um eine kooperative Zusammenarbeit dieser Anteile zu erreichen.
In diesem Artikel werden erste Ergebnisse zu einer Pilotstudie zum Thema systemisch-psychotherapeutische Interventionen in der Versorgung von Langzeitpflegefamilien dargestellt. Ziel ist es, zum einen die in der Gesellschaft präsenten Rollenbilder hinsichtlich Motivation, Bedürfnissen, Herausforderungen und Erwartungen von Pflegeeltern zu skizzieren, zum anderen zu erörtern, welche Interventionen in der begleitenden systemischen Familientherapie als unterstützend erlebt wurden.

Methode

Zum einen wurde eine systematische Literaturrecherche zum Thema Rollenbilder in Pflegefamilien verwendet, um damit bestehende systemische Konzepte abzubilden. Zum anderen wurden in Form eines Leitfadeninterviews (Loosen 2016; Stangl 2018) qualitative Daten im Rahmen einer Pilotstudie erhoben.
Der Leitfadenfragebogen enthielt folgende Fragen
  • Schildern Sie bitte kurz Ihre Familienkonstellation
  • Wie ist Ihr Wunsch entstanden, ein Pflegekind zur Langzeitpflege aufzunehmen?
  • Welchen Herausforderungen sind Ihnen in der Pflegschaft begegnet?
  • Wie würden Sie Ihren Inneren Mutter- und Pflegemutter-Anteil beschreiben?
  • Wie nennt Sie Ihr Pflegekind?
  • Gibt es Kontakt zur Herkunftsfamilie?
  • Nehmen Sie Unterschiede im Umfeld (wie Schule, Gemeinde) in Ihren Rollen als Mutter und Pflegemutter wahr? Und wenn ja, was für Gefühle werden geweckt?
  • Was in der Psychotherapie war für Sie als Pflegefamilie hilfreich? Was hat sie bei der Verwirklichung Ihrer Ziele unterstützt?
  • Möchten Sie noch etwas ergänzen?
Die Stichprobe umfasst drei Interviews aus dem Jahr 2025 mit verheirateten Langzeitpflegemüttern aus der Steiermark, welche je zwei leibliche Kinder haben und ein weibliches Pflegekind im Kleinkindalter bei sich aufnahmen. Diese Pflegekinder sind zum Zeitpunkt des Interviews zwischen 15 und 18 Jahre alt. Alle drei Pflegefamilien kommen bereits mehr als vier Jahre zur systemischen Familientherapie. Die Rekrutierung und die assoziierte Datenverarbeitung entsprechen den Ethikrichtlinien sowie der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung. Die erhobenen Daten enthalten keine sensiblen Daten und sind vollständig anonymisiert.

Ergebnisse zu den Leitfragebögen

Im Folgenden werden die Ergebnisse der Leitfadeninterviews (Dauer je etwa 60 min) mit den Langzeitpflegemüttern beschrieben.

Motivation zur Pflegschaft

Eine Pflegemutter (PM 1) schilderte, vor 12 Jahren mit ihrer Familie den Wunsch gehabt zu haben, ihr familiäres Glück mit einem Kind, das es nicht so gut hatte, teilen zu wollen.
Eine weitere Pflegemutter (PM 2) machte selbst als Pflegekind sinnstiftende Erfahrungen und wollte ebenso ihr Familienglück mit Pflegekindern teilen.
Die dritte interviewte Pflegemutter (PM 3) wünschte sich mit ihrem Mann stets mehrere Kinder, allerdings aufgrund mehrfacher Fehlgeburten überlegte das Ehepaar zuerst als Krisenpflegeeltern einzusteigen und später als Langzeitpflegeeltern ein junges Pflegekind aufzunehmen.
Alle drei möchten etwas sozial Gutes und Sinnstiftendes tun.

Herausforderungen zu Beginn der Pflegschaft aus Sicht der Pflegeeltern

PM 1 schilderte, wenig Information zu Beginn bekommen zu haben, weshalb sie das Gefühl hatte ihr Pflegekind nicht optimal versorgen zu können. Die Verhaltensauffälligkeiten zeigten sich nach kurzer Zeit und die Informationen über Gewalt und Suchtthemen folgten erst viel später.
PM 2 berichtete, dass das Sozialverhalten und die Aggressivität ihres Pflegekindes anfangs herausfordernd waren.
PM 3 fand anfangs vor allem die Belastungserscheinungen ihrer leiblichen Kinder sowie als Ehepaar als sehr herausfordernd. Es forderte Stress- und Konfliktmanagement der gesamten Familie heraus.

Rollenbilder der Pflegemütter

PM 1 verspürt einen Schutzwall in der Beziehung zu ihrem Pflegekind. Pflegemutter als auch Pflegekind können vertraut miteinander reden und anlassbezogen Nähe zulassen, wie um zu trösten. Dennoch fühlt es sich distanzierter an als mit ihren leiblichen Kindern. Die Pflegemutter würde sich selbst als Ersatz-Mutter sehen. In ihrer verinnerlichten Mutter-Rolle folgt sie ihren Instinkten und legt Wert auf Regeln (wie für Gesundheit und Ausgehzeiten) und Struktur (wie Schlafensgeh- und Lernzeiten). In ihrer verinnerlichten Pflegemutter-Rolle fühlt sie sich hingegen oft verunsichert durch die externe Beobachtung und Zurechtweisungen, welche nicht selten im Widerspruch zu ihren Werten und Normen als Mutter stehen (wie zum Beispiel beim Wahren von Grenzen und Regeln zuhause). Ihr „innerer Mutter- und Pflegemutteranteil“ sind sich hingegen einig, wenn es um den Schutz der Kinder geht. Die Ungewissheit und Sorgen mit Blick in die Zukunft (in Anlehnung an die Volljährigkeit des Pflegekindes) belasten. Es gibt keinen Kontakt zu den Eltern der Herkunftsfamilie (Mutter bereits verstorben).
PM 2 fühlte sich in der Beziehung zu ihrem Pflegekind als Ersatz-Mutter. Zusätzlich bemerkt sie mit ihrem Pflegekind in vielen Situationen (wie im Krankenhaus oder in der Schule) öfter eine verteidigende Haltung, als wäre sie die „Anwältin“ des Kindes. In diesem Fall gibt es unregelmäßigen Kontakt zur leiblichen Mutter, welcher in der Pflegemutter immer wieder die „innere Anwältin“ aktiviert.
PM 3 beschreibt ihr inneres Bild als Mutter und Pflegemutter als ident im Alltag zuhause, auch wenn sie sich anfangs mehr Informationen zur Biographie ihres Pflegekindes gewünscht hätte. Die leibliche Mutter (lebt im Ausland) hat bereits vor einigen Jahren den Kontakt abgebrochen. Einen Unterschied in ihrer Mutter- versus Pflegemutterrolle spürt sie nur draußen durch Vorurteile bei Nachbarn, anderen Eltern und in der Schule. Zitat: „Es wurde im Ort auch schon auf uns mit dem Finger gezeigt.“ Im Außen hat die Pflegemutter den Eindruck, dass die anderen Menschen sie ihr die Rolle der Ersatz-Mutter spüren lassen. Ihr Pflegekind möchte sie aus eigenem Wunsch Tante nennen.
Die anderen beiden Pflegemütter werden von ihren Pflegekindern Mama genannt.

Psychotherapeutische Unterstützung von Langzeit-Pflegefamilien

Alle drei interviewten Pflegefamilien nehmen seit etwa vier Jahren psychotherapeutische Unterstützung per Systemischer Familientherapie in Anspruch.
In diesem Abschnitt werden Ergebnisse der Leitfragebögen zum Thema psychotherapeutische Methoden der systemischen Familientherapie, welche von den interviewten Pflegemüttern in der Therapie als hilfreich erlebt wurden, dargestellt.
PM 1 schilderte folgende Unterstützungen im Verlauf der begleitenden systemischen Familientherapie als entlastend und hilfreich:
Zu Beginn waren es vor allem die entlastenden Gespräche (bei akuter Belastung der Pflegefamilie), in denen es ihr zunehmend gelang, ihre Sorgen, Gefühle und Gedanken offen anzusprechen, ohne Angst haben zu müssen, bewertet und kritisiert zu werden oder gar mit Konsequenzen seitens Außenstehender (wie von Schule oder Behörde) rechnen zu müssen. Diese Angst beinhaltete Gedanken wie „nicht belastbar genug zu wirken“, „das Pflegekind nicht genügend an sich gebunden zu haben in den Augen anderer“, „nicht ausreichend für schulische Unterstützung zu sorgen, obwohl man alles tut, und Rückmeldungen der Schule sind trotzdem oft negativ“. Dies entspricht dem Aufbau einer vertrauensvollen, kooperativen und respektvollen Arbeitsbeziehung im Sinne des Joinings in der systemischen Familientherapie. Ebenso empfand sie es als entlastend, dass es in der Therapie für sie angstfrei möglich war, im Sinne des Seitenmodells ihrem inneren Mutteranteil als auch dem Pflegemutteranteil Raum geben zu können, ohne den Anspruch an Gleichheit. Hierzu wurden die Anteile über unterschiedliche, situationsbezogene Körperempfindungen und Gefühle identifiziert und anhand von Visualisierung als gleichwertige Mitglieder des „inneren Teams“ erlebt.
Im weiteren Verlauf war die Pflegemutter immer wieder überrascht über die Effekte von Fragen wie „Wie gelingt es Ihnen, diese schwierige Phase durchzustehen?“, „War es auch schon mal anders?“ im Sinne der Ressourcenarbeit und der Frage nach Ausnahmen. Ebenso wurde die Fragen „Was glauben sie, was ist das emotionale Wofür des Kindes, wenn es sich so verhält?“ oder „Was glauben Sie, würde Ihr Pflegekind antworten, wenn ich frage, was es an Ihnen besonders mag oder mit Ihnen besonders gerne macht?“ zur Unterstützung der Umfokussierung als sehr nützlich empfunden.
Der Pflegemutter bedeutet die Verlässlichkeit und Aufrechterhaltung der Therapie viel; trotz herausfordernder Situationen in den Sitzungen mit dem Pflegekind, da es in der Vergangenheit bereits mehrere Betreuungs- und Therapieabbrüche gab.
PM 2 beschrieb vorrangig durch verschiedene Fragen (wie Skalierungsfragen), eine Unterstützung in ihrer Selbstreflexion bemerkt zu haben. Hierbei ging es häufig um Werte und Stressmanagement in der Familie, wodurch eine Verbesserung im Umgang mit Stress bemerkt wurde. Weiters kann sie sich erinnern, dass es hinsichtlich Veränderungen in der Pflegschaft in der Vergangenheit belastende Phasen und Entscheidungen mit Schuldgefühlen gab, welche in der systemischen Familientherapie mit Zielfokussierung schlussendlich als wertvolle Entscheidung für alle Mitglieder der Pflegefamilie als „gute Mutter & Pflegemutter“ umgedeutet werden konnten, in Anlehnung an das Seitenmodell. Dies entlastete und stabilisierte in Folge das ganze Familiensystem.
PM 3 schilderte die systemische Familientherapie als Wende in ihrer Pflegschaft, da sie mit der Therapie starteten, als die Belastungen als Pflegeeltern sehr groß waren und bereits Überlegungen im Raum standen, die Pflegschaft zu beenden.
Sie schilderte die wertungsfreien Gespräche zu Beginn bereits als entlastend hinsichtlich Schuldgefühlen. Auch das Bilden von Alternativgedanken (wie durch Wunderfragen und paradoxe Fragen) gegenüber dem Schwarz-Weiß-Denken empfand sie als entlastend, da es dann nicht nur „falsch oder richtig“, „Erfolg oder Scheitern“ gab. Damit war es ihr möglich, sich zu erlauben, nicht alles perfekt mit ihrem Pflegekind zu meistern und sich auch Probleme zu erlauben. Das minderte den Druck und Stress in der Pflegefamilie, wodurch sie sich im Stande fühlten in der Therapie weiter daran zu arbeiten, die Pflegschaft fortzusetzen.
In weiterer Folge beschrieb die Pflegemutter die gemeinsamen Sitzungen mit dem Pflegekind als sehr unterstützend, da mit diesen Terminen häufig emotionale Missverständnisse geklärt werden konnten, indem zum Beispiel mit zirkulären Fragen ein Perspektivenwechsel unterstützt und durch Identifizierung und Aufweichung ungünstiger Kommunikationsmuster Missverständnissen vorgebeugt werden konnte. Zum Beispiel wurde Sorge der Pflegemutter vom Pflegekind oft als bevormundendes Verhalten empfunden. Hierzu wurde von der Pflegemutter auch Reframing oft als nützlich wahrgenommen. Weiters fand die Pflegefamilie die Unterstützung beim Bilden von zukünftigen Zielbildern in Anlehnung an die hypnosystemische Therapie sehr zuversichtsstiftend.

Diskussion

Bei den Pflegefamilien hat sich die innere Haltung und Erwartung gegenüber einer Langzeitpflegschaft von einem vorrangigen Nutzenfokus, der nicht selten in Ausbeutung von Pflegekindern in ländlichen Pflegefamilien in der Nachkriegszeit mündete (Raab-Steiner und Wolfgruber 2014), gewandelt in eine soziale bis uneigennützige Haltung mit dem Fokus, einem fremden, bedürftigen Kind etwas Gutes zu tun (Geserick et al. 2015). Laut Statistik Austria waren 2023 im Bundesland Steiermark 912 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien oder sozialpädagogischen Einrichtungen verzeichnet und damit 11,2 % mehr als im Jahr 2022.
Die Aufnahme eines Pflegekindes in die Langzeitpflege war auch bei den Befragten altruistisch motiviert und im Einklang mit ihren eigenen inneren Familienbildern.
Wie bereits in früheren Publikationen beschrieben, zeigten die Pflegekinder der Befragten Symptome einer unsicheren Bindung hinsichtlich ihrer Biographie (Pérez et al. 2011; Springer und Lueger-Schuster 2020). Dies umfasst Symptome wie ambivalentes Verhalten, Nähe zuzulassen, Wutausbrüche und Weinen ohne ersichtlichen Grund, zwängliches bis hin zu selbstverletzendem Verhalten. Zudem weisen zwei der drei Pflegekinder der Befragten somatische Vorbelastungen in ihren Anamnesen auf (wie zum Beispiel durch Suchtmittelmissbrauch oder schwere körperliche Misshandlung in der Herkunftsfamilie). Das Pflegekind der dritten Befragten wies (wie ihre leibliche Mutter) kognitive Lernschwächen auf. Alle drei Befragten erzählten zudem, dass sie sich in der Rolle der Ersatz-Mutter in der Gesellschaft immer wieder Image-Herausforderungen gestellt fühlen (Geserick et al. 2015) hinsichtlich ihrer Motive und ihres Handelns.
Für Pflegefamilien bedeutet das insgesamt viel Erwartungsdruck und Aufwand hinsichtlich Förderung der Bindungs- und Persönlichkeitsentwicklung sowie Deckung der Bedürfnisse des Pflegekindes und der eigenen Kinder. Dies macht die Notwendigkeit der Unterstützung des Stressmanagements der Pflegefamilien deutlich, da die Qualität der Bindung zu den Pflegeltern besondere Relevanz bei der Stressreduktion der Pflegekinder mit unsicherem Bindungsverhalten hat (Metzger 1995; Zimmermann et al. 2021).
Alle drei beschrieben in herausfordernden Phasen wertungsfreie Entlastungsgespräche im Sinne des Joinings (Kuhn 2014) sowie Fragen zur Unterstützung des Umfokussierens und Mentalisierens als hilfreich (von Sydow et al. 2006). Vor allem im Pflegefamiliensystem braucht der Aufbau kooperativer Arbeitsbeziehungen im Rahmen der Familientherapie Zeit und Aufmerksamkeit, um sich als Therapeut in der Mesoebene des Systems zu positionieren. Das Bilden von Alternativgedanken durch zum Beispiel paradoxe oder Wunderfragen half besonders zwei der Pflegemütter, das dichotome Schwarz-Weiß-Denken, entsprechend der Bewertung Erfolg (Pflegekind bleibt) oder Scheitern (Pflegschaft wird abgebrochen), aufzuweichen (Schmidt 2004). Dies machte einen lösungsorientierten Blick für Alternativen möglich, um das Adaptieren des Selbstkonzepts von Pflegefamilie mit eigenen Normen zu unterstützen (Helming 2014). Vor allem in angespannten Zeiten, wie unter Schulstress oder bei Fehlverhalten des Pflegekindes, lag der Fokus oft mehr auf der vermutlichen Beurteilung der Situation durch das System in der Makroebene, wie durch das Amt. Diese Umfokussiertechniken halfen jenen Pflegemüttern, wieder mehr Fokus für die emotionalen Bedürfnisse und Erfolge der einzelnen Mitglieder der Pflegefamilie zu bekommen.
PM 2 schilderte als große Belastung, dass das Pflegekind einen Loyalitätskonflikt entwickelte nach Steigerung der Besuchskontakte mit der leiblichen Mutter. Das irritierte die Pflegefamilien durch die Destabilisierung des binuklearen Familiensystems (Ahrons 1979; Kucukkaragoz und Meylani 2025). Hier gelang es der Pflegemutter, mit Hilfe von therapeutischen Fragen (wie „Was glauben Sie, braucht es, damit S. sich nicht länger zwischen Ihnen und Ihrer leiblichen Mutter entscheiden muss?“ und „Was könnte die leibliche Mutter brauchen, damit Sie mit Ihnen ein Team bilden könnte?“) und dem hypnosystemischen Seitenmodell (Schmidt 2004; Bartl 2017; Peichl 2023) einen hilfsbereiten, verständnisvollen Anteil (Ersthelferin für einsame Mutter) zu aktivieren, um mit der leiblichen Mutter eine kooperative Beziehung aufbauen zu können. Mit diesem Anteil schaffte sie es, dieser einsamen Frau beim Kontakt verständnisvoller begegnen zu können. Nach wenigen kurzen Begegnungen bei darauffolgenden Besuchskontakten legten sich die Loyalitätskonflikte des Pflegekindes.
Alle drei Befragten empfanden im Rahmen der Kommunikationsunterstützung und Vermeidung emotionaler Missverständnisse zwischen sich und den Pflegekindern verschiedene Fragetechniken wie das zirkuläre Fragen, das Fragen nach Ausnahmen oder dem emotionalen Wofür als unterstützend. Letztere Frage zielt vor allem darauf ab, die Pflegeeltern einzuladen, der unwillkürlich – intuitiv – emotionalen Seite des Kindes in Anlehnung an das hypnosystemische Arbeiten (Schmidt 2004; von Sydow et al. 2006; Kuhn 2014; Bartl 2017; Peichl 2023) Aufmerksamkeit zu schenken; um die emotionalen Bedürfnisse hinter einer vielleicht rational unverständlichen Handlung zu erkennen. Auch das narrative Arbeiten im Sinne einer Erfolgsgeschichte der Pflegschaft wurde gut angenommen.

Limitation

Dieser Artikel enthält Daten, die nur mit drei Pflegemüttern mit leiblichen Kindern erhoben wurden.

Interessenkonflikt

T. Macheiner gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de.

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Titel
Psychosoziale Aspekte der ambulanten Psychotherapie mit Pflegefamilien
Verfasst von
Tanja Macheiner
Publikationsdatum
17.10.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Psychotherapie Forum / Ausgabe 3-4/2025
Print ISSN: 0943-1950
Elektronische ISSN: 1613-7604
DOI
https://doi.org/10.1007/s00729-025-00288-0
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