Zusammenfassung
Durch Digitalisierung, Kontaktbeschränkungen während Pandemiezeiten und Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz (KI/AI) nahm die Anzahl von Apps, die auf psychotherapeutische Veränderung abzielen, deutlich zu. Im Sektor der Teletherapie finanzieren deutsche Krankenkassen bereits die Behandlung mit ‚Digitalen Gesundheitsanwendungen‘ (DiGAs) und auch in Österreich wird daran gearbeitet, kassenfinanzierte ‚Apps‘ zu etablieren.1
Seit 2019 ist in Deutschland der rechtliche Rahmen durch das ‚Digitale-Versorgungs-Gesetz‘ gegeben, um internet- und mobilbasierte Interventionen ärztlich zu verschreiben (BMG o.J.). Von derzeit 72 DiGAs werden 29 in der Unterkategorie „Psyche“ gelistet.2 Diese umfasst ein breites Spektrum: Rauchentwöhnung, schädlicher Alkoholkonsum, Depressionen, Burnout, Ängste, Persönlichkeitsstörungen, Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Essstörungen, Schlaf, Vaginismus, ADHS und kognitives Training. Alle der angebotenen Apps und Online-Kurse integrieren Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie (BFARM o.J.), was unter anderem auf die selbstständige Durchführbarkeit, konkrete Handlungsanweisungen (Hasler 2023, S. 114) und Quantifizierbarkeit zurückzuführen ist.
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Aktuelle Zahlen zur Verbreitung von DiGAs finden sich im „eHealth Monitor 2023/2024“ (McKinsey & Company et al. 2023). Im Jahr 2023 wurden hochgerechnet und kategorienübergreifend 214.000 DiGAs verschrieben, das entspricht einer Steigerung von 54 % zu 2022. Einen beträchtlichen Marktanteil machen allerdings frei erhältliche und somit weniger regulierte Apps aus, welche nicht nur als Krankenbehandlung oder Therapeutikum auftreten, sondern sich auch Menschen, ohne krankheitswertiger Diagnose zuwenden. Zu den heterogenen Angeboten innerhalb der weicheren Grenzen der ‚mentalen Gesundheit‘ zählen unter anderem Resilienz‑, Meditations- und Achtsamkeitsapps, Stimmungstagebücher sowie Verhaltenstracker.
Trotz fehlender Kassenfinanzierung findet auch generative KI Einsatz. Dies geschieht vor allem in Form von ‚conversational agents‘, weitläufig als ‚Chatbots‘ bekannt, und ‚companion bots‘ (Pham et al. 2022). Solche Angebote sind weit verbreitet: Die App ‚VOS.health‘ weist weltweit 3 Mio. Nutzer:innen aus (VOS.health o.J.). Der ‚AI therapist‘ von ‚wysa‘ sogar 11 Mio. (Wysa o.J.).
Beispiele
Ein Beispiel für eine DiGA ist das Selbsthilfe-Programm ‚edupression‘, welches als Webanwendung und App verfügbar ist und überblicksartig dargestellt werden soll. Edupression wird zur Behandlung leichter und mittelgradiger Depressionen sowie Burnout eingesetzt. Die Anwendung soll keine Gesprächstherapien ersetzen, sondern dabei helfen, Wartezeiten zu überbrücken (Edupression FAQ o.J.). Ohne Rezept belaufen sich die Kosten auf einmalig € 221,40 (Edupression Preise o.J.).
Im Mittelpunkt der Behandlung befindet sich ein tägliches Stimmungsbarometer (PHQ-9). Anhand dessen werden individuelle Wochenziele gesteckt: unter anderem mehr Freude im Leben finden, besser schlafen und Gedanken und Emotionen beruhigen. Um die Ziele zu erreichen, werden passende verhaltenstherapeutische Übungsprogramme, Achtsamkeitsübungen und Psychoedukation empfohlen, bei denen das anthropomorphe Hirn ‚Eddy‘ zur Seite steht. In einer Wirksamkeitsstudie ist die positive Beeinflussung (d = 0,357) von leichten und mittelgradigen unipolaren Depressionen nachgewiesen (Preiss et al. 2025).
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Als Beispiel für ein rein privates Angebot eignet der bereits genannte Anbieter ‚VOS.health‘. Der günstigste Tarif für die Nutzung der App beträgt € 64,99 pro Jahr (VOS.health iOs App o.J.).
Für Nutzer:innen steht ein individuell zugeschnittenes Angebot zur Verfügung. Ehe die Inhalte der App erprobt werden können, müssen jene Bereiche ausgewählt werden, die den individuellen Veränderungswünschen am meisten entsprechen. Dazu zählen „mehr Produktivität, mehr Aktivität, mehr Disziplin [oder] mehr Achtsamkeit“ (ebd.). Die wesentlichen Behandlungstechniken sind Verhaltensempfehlungen, Meditation, Atemübungen, Tagebuchschreiben, Affirmationen, Stimmungsbeobachtung, das Lesen von Zitaten und Klangbegleitungen (VOS.health Science o.J.). Aus diesem Sammelbecken setzen sich vier kurze täglich wechselnde ‚challenges‘ zusammen. Wie viele andere Angebote setzt VOS.health auf ‚Gamification‘, also auf Elemente, die an Videospielen erinnern. Durch Belohnungssysteme, Fortschrittsanzeigen oder Push-Benachrichtigungen werden Konsument:innen zur fortgesetzten Nutzung der Apps motiviert, um über Abonnements die Profitabilität sicherzustellen, was jedoch digitale Abhängigkeiten begünstigt (Babu und Joseph 2025).
Neben den täglichen Aufgaben besteht die Möglichkeit, sich selbstständig auf psychische Krankheiten, wie Angststörungen, zu testen, weiters steht ein Chatbot zur Verfügung. Durch Gegenfragen werden Chattende dazu angehalten mehr über ihre Probleme zu erzählen, um schließlich allgemeine Lösungsstrategien angeboten zu bekommen. Absolvierte Inhalte können über einen ‚Aktivitätsfeed‘ mit Freund:innen geteilt werden (VOS.health iOs App o.J.).
Aspekte aus der wissenschaftlichen Auseinandersetzung
Durch die bevorstehende Einführung kassenfinanzierter Apps in Österreich könnten diese aus gesundheitsökonomischer Perspektive zur Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung beitragen. Die Angebote schaffen einen niederschwelligen Rahmen für Behandlungen, der insbesondere bei Versorgungslücken unterstützend wirken kann (Bennett et al. 2020). Sie reduzieren Zugangshürden wie die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen (Doe und Willson 2025) und hohe Behandlungskosten.
Einige Aspekte sind jedoch kritisch zu beleuchten, so bemängeln Babu und Joseph (2025) den oftmals reduktionistischen Ansatz vieler Anwendungen, die psychische Veränderung auf Verhaltensmodifikation und triviale Vorstellungen verkürzen. Mit Apps sei keine signifikante Auseinandersetzung mit der eigenen Psyche möglich (ebd.). Kolominsky-Rabas et al. (2022) weisen in ihrer Überprüfung von sechs RCT-Studiendesigns von DiGAs aus der Kategorie ‚Psyche‘ auf verschiedene Verzerrungsrisiken, das Fehlen von Langzeitstudien sowie eine hohe Nichtadhärenz hin. Kernebeck et al. (2021) führen die mit fortschreitender Behandlungsdauer steigenden Abbruchraten auf Zeitmangel bei der Anwendung, persönliche Unzufriedenheit mit den Interventionen sowie als unpersönlich wahrgenommene Inhalte zurück.
Zu den zentralen Problemfeldern beim Einsatz von KI zählen datenschutzrechtliche Unsicherheiten, unbeachtete Bias, insbesondere im Zusammenhang mit den Trainingsdaten und der Verlust der Beziehung als wesentlichem Wirkfaktor (Olawade et al. 2024).
Gesundheit und Therapeutisierung
Der wachsende Markt an psychotherapeutischen Angeboten ist nach Grubner (2021, S. 240) als ein „gewichtiger Baustein der neoliberalen Form des Regierens [zu] verstehen, der darauf abzielt Individuen in neuartiger Weise zu steuern und zu führen“.
Ein Schlüsselkonzept zur Analyse dieser neuartigen therapeutischen Selbstführung ist jenes der Therapeutisierung3 (vgl. Dörr und Kratz 2020). Diesem Prozess geht historisch wie analytisch die Medikalisierung voraus, also die medizinische Interpretation und Behandlung vormals nicht-medizinischer Phänomene (Conrad 2007, S. 4). Therapeutisierung kann als therapeutisch-spezialisierte Form der Medikalisierung und Problemlösung begriffen werden. Sie ist durch den Einsatz therapeutischer Techniken und ein psychologisch-therapeutisches Deutungsraster charakterisiert, wodurch umso verfeinerter das psychische und soziale Leben miteinbezogen wird (vgl. Rau 2016, S. 648 ff.).
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Auf die Therapeutisierung des Sozialen folgt im Bereich der psychischen Gesundheit eine Entkontextualisierung des Erlebens, Denkens und Fühlens. In therapeutischen Narrativen werden häufig die sozialen und strukturellen Ursachen psychischen Leids zu Gunsten individueller Anpassungs- und Veränderungsmöglichkeiten ausgeblendet. Gesellschaftliche Problemfelder werden oft unter psychischen oder volkswirtschaftlichen Folgerisiken abgehandelt. Krisenhaftes Geschehen wird zum psychischen Problem erklärt und einer Behandlung zugeführt (Grubner 2021, S. 8).
Indem sich die Psychotherapie zunehmend auch ‚Gesunden‘ zuwendet (a. a. O., S. 247), wird die flexibilisierte Arbeit an sich selbst einer breiten Masse nahegelegt. Gesundheit wird hierbei nicht mehr als ein Normalzustand und durch die bloße Abwesenheit von Krankheit (Borck 2016, S. 65 f.) definiert, sondern auch anhand der erfolgreichen Anpassung an die Lebensumstände, im Sinne eines biopsychosozialen Modells (Brunnet 2016, S. 215). In Folge neigt das Subjekt, verstanden nicht als gegebene, sondern soziale und historisch hervorgebrachte Position eines agierenden und erlebenden Individuums (vgl. Klima 2020, S. 760), dazu, neoliberale Werte wie Individualismus, Selbstverantwortung, Konsumismus, Konkurrenzfähigkeit, profitorientiertes Denken und wirtschaftlichen Erfolg als Zeichen guter Gesundheit anzuerkennen (Esposito und Perez 2014, S. 418). Im neoliberalen Heilsversprechen werden die Krankheitsursachen zugleich verschleiert und positiv umgedeutet. Auch wenn hierfür keine monokausale Erklärung ausreichend ist, führt der Anstieg an sozialer Entfremdung, Einsamkeit, Konkurrenzdruck (Becker et al. 2021), Stress, einer ‚Survival-of-the-fittest‘-Ethik und wirtschaftlicher wie sozialer Unsicherheit (Esposito und Perez 2014, S. 426 f.) als Folgen neoliberaler Politik und Vergesellschaftung zu Leidensdruck.
Psychodigitale Subjektivierung
Therapeutisierungsprozesse beeinflussen maßgeblich, wie Subjekte sich selbst und ihre soziale Umwelt verstehen und schaffen somit den Nährboden für neue Handlungs- und Subjektivierungsweisen. Mit dem Verständnis dieser Prozesse kann die Veränderung von Therapiebedürfnissen und -praxen nebst der Subjektivierung nachvollzogen werden.
Das Subjekt wird, nach Foucault, durch historisch analysierbare Praktiken und innerhalb dezentraler Machtverhältnisse konstituiert (Foucault 1984, S. 773). Macht gilt in diesem Verständnis nicht primär als negativ, unterdrückend oder zensierend, sondern als produktiv und wird zugleich durch die Subjekte hervorgebracht (Foucault 1977, S. 250). Subjektivierungsprozesse umfassen ein Gefüge aus Deutungsschemata, aus normativen Vorgaben und Rollenangeboten, aus institutionellen Strukturen, sozialen Praktiken sowie Selbsttechnologien, zur Regulierung des eigenen Verhaltens, Denkens und des Selbst (Bröckling 2013, S. 7).
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Im Neoliberalismus erfährt die Subjektivität eine spezifische Ausprägung: Die ökonomische Logik wird verallgemeinert und dient als zentrales Prinzip der Verständigung, der Interpretation sozialer Beziehungen und individuellen Verhaltens (Foucault 2020, S. 336). Der Wettbewerb wird als allumfassende Dynamik konstatiert, wodurch sich das Subjekt zum „Homo oeconomicus“ (a. a. O., S. 314) wandelt, einem Unternehmer seiner selbst, der sein eigenes Kapital, sein eigener Produzent und seine eigene Einkommensquelle ist. Da Kapital etwas definiert, das zukünftiges Einkommen sichert, wird das Humankapital, verkörpert in der:die Arbeiter:in, selbst zur Maschine oder Produktionsstätte, die fähig ist einen Einkommensstrom zu produzieren und somit Schauplatz von Selbstoptimierung (vgl. a. a. O., S. 314–321).
Die Subjektivierung ist von der Gouvernementalität abhängig, welche den strategischen Einsatz von Macht im Zwecke der Regierung, der „Gesamtheit der Institutionen und Praktiken, mittels derer man die Menschen lenkt, von der Verwaltung bis zur Erziehung“ (Foucault 1980, S. 116) beschreibt. Durch die Vereinzelung der Unternehmenseinheit Mensch verschiebt sich die Richtung der Führung, sie wird nicht länger primär durch direkte Herrschaft ausgeübt, sondern zunehmend in Form der Selbstführung internalisiert (Foucault 2020, S. 210).
Das Psychische erlebt eine historisch unangefochtene Bedeutung und wird als zentraler Interventionspunkt der gegenwärtigen Gouvernementalität erkannt. In diesen Verhältnissen fungiert Psychotherapie als Scharnierstelle zwischen psychologisiertem Subjekt und Neoliberalismus (Grubner 2018). Mit dem Aufstieg des Therapeutischen (vgl. u. a. Illouz 2020, 2023) vollzog sich ein Wandel von der Biopolitik zur Psychopolitik. Während die Medikalisierung eine Intensivierung der regulierenden Machtausübung auf den Körper und die Bevölkerung zur Folge hatte (Foucault 1977, S. 292), bewirkt die zunehmende Therapeutisierung eine Verschiebung hin zur Psyche. Psychotherapeutisches Wissen ist dabei nicht bloß heilend oder diagnostizierend, sondern produktiv im foucaultschen Sinne: Es erzeugt bestimmte Wahrheiten über das Subjekt und formt es im Zusammenspiel von Wissen und Macht. Die psychopolitische Sorge um sich selbst zielt nicht nur auf körperliche Gesundheit, sondern auf die Förderung „der persönlichen Entwicklung und der individuellen Handlungsfähigkeit“ (Rau 2010, S. 297) mit therapeutischen Methoden ab.
Die moderne Subjektform erkennt Bröckling als „unternehmerisches Selbst“ (Bröckling 2013). Dieses stellt ein unerreichbares Ideal der steten Steigerung der individuellen Arbeitskraft (a. a. O., S. 13) durch „permanente Weiterbildung, lebenslanges Lernen, persönliches Wachstum“ (a. a. O., S. 71) dar. Das unternehmerische Selbst erweitert Rau (2010) um die Anwendung psychologisch-therapeutischer Selbsttechnologien in der Konzeption des „Homo psychologicus“ (a. a. O., S. 177). Dieser erfüllt die Aufgaben des freien Unternehmertums in Zeiten überwiegend immaterieller Produktion am besten, indem er seine psychischen Potentiale auszuschöpfen vermag und sich selbst therapeutisch zu führen versteht, etwa durch Selbstreflexion, Setzen von Verhaltenszielen, sowie die Anwendung von Strategien zur Stressbewältigung und emotionalen Regulation.
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Mithilfe von Apps können psychische Potentiale für deren Verwertbarkeit erschlossen und das Humankapital gesteigert werden. Die Apps führen durch ihre ständige Verfügbarkeit und Verbreitung zu einer noch umfassenderen Selbstüberwachung und somit Regulierung der Psyche. Für die Liaison therapeutischer Techniken, technodigitaler Selbstführung und Quantifizierung der Psyche, wie sie in den Apps geschieht, schlage ich den Namen ‚Homo psychodigitalis‘ vor.4
Diskussion
Die Apps sind nun unter Rückgriff auf die Gouvernementalitäts- und Subjekttheorie zu problematisieren. Eine besondere Schwierigkeit in der Analyse ergibt sich aus den heterogenen Zielsetzungen und Erscheinungen der Apps, da diese oftmals weit über die Symptomreduktion, Krankenbehandlung und herkömmliche therapeutische Techniken hinausgehen, was allgemeingültige Aussagen erheblich erschwert. Besonders deutlich wird dies im Vergleich von kassenfinanzierten und privatwirtschaftlich betriebenen Apps: Letztere verfolgen primär Profitinteressen und unterliegen weniger strengen Anforderungen und Regulatorien, während kassenfinanzierte Anwendungen an einem medizinischen Paradigma orientiert sind.
Die Apps und therapeutische Dispositive erscheinen als moderne Antwort auf einen gesellschaftlichen Notstand (Meister und Slunecko 2022, S. 243; vgl. Foucault 1978, S. 119 f.). App, Nutzungsmöglichkeiten und Nutzer:in sind dabei als in einer spezifischen Interaktivität miteinander verflochten zu verstehen (Pritz 2024, S. 103 f.). Daraus ergibt sich eine Besonderheit aus dem digitalen Medium: Apps können nicht rein passiv-rezipierend genutzt werden, da die Interaktion mit einem ‚Interface‘ vorausgesetzt ist. Die untersuchten Apps beeinflussen darüber hinaus die Interaktion mit der Außenwelt und dem eigenen Selbst, etwa durch Handlungsaufträge oder Emotionsregulation (vgl. Meister und Slunecko 2022, S. 244; Pritz 2024, S. 99 f.).
Die Art der Interaktionen und somit die subjektiven Handlungs- und Interpretationsmöglichkeiten sind in engen Bahnen und durch die Entwickler:innen vorgegeben zu begreifen. Durch standardisierte therapeutische Narrative, wie diese notwendigerweise durch das Korsett von Apps gesetzt sind, entstehen Selbstbezüge ohne Raum für die Komplexität menschlicher Erfahrung, die alternativen Verständnismöglichkeiten entzogen werden. Die Angebote bringen als eine Selbsttechnologie eine spezifische Form der Subjektivierung hervor. In Subjektivierungsprozessen entstehen spezifische Arten der Selbstinterpretation und Handlungsskripte. Sie vermitteln den Subjekten eine Sprache, sich selbst und ihre Umwelt zu verstehen. Insbesondere die frei erhältlichen Angebote adressieren und reproduzieren zumeist ein eigenverantwortliches und psychologisiertes Subjekt: Ein Individuum, das sich selbst durch psychologische Kategorien begreift, nach therapeutischen Normen an sich arbeitet und welches mit Hilfe jener Applikationen das eigene psychische Humankapital zu steigern vermag. In vielen der Apps verdeutlicht sich die Verstrickung neoliberaler Ideologie von Eigenverantwortung, Individualisierung von Problemen und Selbstoptimierung mit Psychotherapie, wie sich unter anderem an den Zielsetzungen von vos.health erkennen lässt. Dies wird nicht nur anhand der Nutzungsmöglichkeiten, sondern auch in den Kontexten der Apps, wie der zugehörigen Werbung ersichtlich. So lockt ‚VOS.health‘ neue Nutzer:innen mit dem Versprechen sich in eine Produktivitätsmaschine transformieren zu können (VOS.health Instagram 12.02.2024). Auch in der an Unternehmen gerichteten Werbung zeichnet sich der Einsatz therapeutischer Techniken im Sinne der Produktivität ab – „Emotional intelligence for a more effective and productive team“ (Ahead Businesses o.J.).
In aktuellen subjektivierungstheoretischen Analysen der ‚Mood Tracking‘-Apps ‚SuperBetter‘ (vgl. Meister und Slunecko 2022), ‚daylio‘ und ‚Wellspace‘ (vgl. Meister et al. 2025) kommen die Autor:innen hinsichtlich der Responsibilisierung der Subjekte und Entkontextualisierung von Wohlbefinden zu ähnlichen Schlüssen. Auch in Analysen von Mediationsapps wurde deren Verortung innerhalb neoliberaler Gouvernementalität aufgezeigt (vgl. Slunecko und Chlouba 2021).
Um der fortschreitenden Therapeutisierung und spezifischen Form der neoliberalen Subjektivierung zu begegnen, braucht es kritisch reflektierte Handlungs- und Deutungsraster. Ein produktiver Zugang kann durch die emanzipatorische Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Perspektiven geschaffen werden, die psychische Gesundheit im gesellschaftlich-materiellen Kontext verorten.
Die zweite hauptsächliche Kritiklinie an den Apps, die nicht ohne Blick auf vorangegangene Theorie begriffen werden kann, betrifft die Entkontextualisierung der Psyche und Psychotherapie. Da Psychotherapie nicht unabhängig von historischem und kulturellem Kontext existiert, geht ihr zwangsläufig ein Konstruktionsprozess voran, der eine Theorie des Individuums umfasst, welche definiert, was ein gelingendes Leben ausmacht, sowie einen diagnostischen Blick, der bestimmt, ob Therapiebedarf besteht (Grubner 2021, S. 247). Dabei bleiben die politischen, historischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Selbstverständnisses, der Methoden und der Theoriebildung weitgehend unberücksichtigt (a. a. O., S. 53), was zu einer unkritischen Affirmation und Anpassung an bestehende normative Anforderungen beiträgt. Doch Fragen über Gesellschaft, Individualität, Gesundheit und Normalität sind auch sozial vermittelt. Foucault zeigt, inwiefern diese nicht außerhalb von Machtbeziehungen, materieller Bedingungen, Ideologien und Interessen stehen. In den hyperindividualistischen App-Trainingsprogrammen ist kein Platz für die äußere Realität oder die Dialektik von Innen- und Außenwelt. Krankheitsursachen und pathogene Faktoren werden, sofern sie außerhalb des direkten Einflussbereiches der isolierten Subjekte liegen, skotomisiert und hinsichtlich ihrer politischen, materiellen und sozialen Veränderungsmöglichkeiten ignoriert. Die Tendenz zur Individualisierung und Dekontextualisierung lässt sich jedoch nicht einfach von den klinischen Psycho-Disziplinen trennen. Vielmehr bilden diese Tendenzen ein konstitutives Merkmal und werden kontinuierlich weiter gefestigt (Slunecko 2020, S. 206), weshalb die Psychotherapie „als institutionalisierte Lösung für alle nur vorstellbaren menschlichen Problemlagen“ (Grubner 2018) ungeeignet erscheint. Gleichwohl eröffnet die Psychotherapie einen ambivalenten Raum, der die Reflexion und Kritik gesellschaftlicher Strukturen ermöglicht (vgl. u. a. Fiedel 2023; Rau 2016).
Ein gesundheitspolitisch sinnvoller Umgang mit Psychotherapie-Apps sollte das Spannungsfeld zwischen technologischem Fortschritt, Versorgungslücken, individueller Autonomie und neoliberaler Gouvernementalität kritisch reflektieren. Ziel sollte es sein, digitale Angebote nicht als Ersatz, sondern als ergänzendes Werkzeug in einer umfassenden und gerechten psychotherapeutischen Versorgung zu begreifen, dabei ist insbesondere die Gefahr einer ‚Zwei-Klassen-Medizin‘ zu beachten. Es gilt, die Notwendigkeit digitaler Souveränität, partizipativer Gestaltung und kritischer Aufklärung zu betonen, um die Stärken von Zugänglichkeit und Innovation zu nutzen.
Interessenkonflikt
S.-T. Wessely gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
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