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Ärzte Woche

28.09.2020 | Psychiatrie Psychosomatik Psychotherapie | Ausgabe 40/2020

Arzt und Musiker im Gespräch

Psychiater Petermann: „Wir haben den Schlüssel“

Autor:
Martin Krenek-Burger

Der Arzt und Musiker Carsten Petermann ist unter die Autoren gegangen. Sein Buch „Kann man einem Psychiater trauen?“ hält seinem Berufsstand den Spiegel vor. Mit der spitzen Feder der Real-Satire.

Sie haben mir erzählt, dass Sie nie vorhatten ein Buch zu schreiben, wie kam es dann doch dazu?

Petermann: Das stimmt. Es kam so: Einmal hatte ich eine Patientin, die an einer schweren Depression erkrankt war. Ich verordnete ihr daher Medikamente, die sie auch einnahm und ohne nennenswerte Nebenwirkungen auch vertrug und war froh, als es ihr nach einigen Wochen deutlich besser ging. Als ich sie nach sechs Wochen erneut einbestellte, merkte ich bereits, als die zur Tür hereinkam, dass etwas nicht stimmte. Und es zeigte sich , dass sie einen Rückfall hatte, also erneut schwer depressiv war, und ich fragte mich natürlich: Warum? Wie sich herausstellte, hatte sie in den Wochen zuvor die Medikamente nicht eingenommen. Zunächst hatte sie es  schlicht vergessen und als es ihr wieder einfiel, sah sie dafür keine Notwendigkeit mehr. Denn: Es ging ihr ja gut. Obwohl dies keineswegs ungewöhnlich ist, und es zum Alltag eines Psychiaters gehört, Patienten immer wieder zur Einnahme ihrer Medikation zu motivieren, reagierte ich diesmal doch leicht irritiert. Sinngemäß sagte ich zu ihr: „Irgendwie muss es Ihnen doch möglich sein, an die Einnahme ihrer Tabletten zu denken. Sie vergessen doch auch nicht das morgendliche Zähneputzen. Stellen Sie sich doch einen Wecker, schreiben Sie sich eine Erinnerung in ihr Smartphone oder machen Sie sich einen Reim drauf.“ Als sie mich daraufhin fragend anschaute, reimte ich spontan irgendeinen Unsinn über die Notwendigkeit der Einnahme von Antidepressiva. Das Ergebnis war: Meine depressive Patientin lachte. Als sie kurze Zeit später auf die Ausstellung des Rezeptes wartete, schrieb ich den Reim auf, nahm einige kleinere Änderungen vor und händigte  ihn ihr zusammen mit dem Rezept aus. Sie lachte erneut. Und was mich besonders freute: Fortan hat sie die Einnahme ihrer Medikamente nicht mehr vergessen. Doch mir ging die ganze Sache nicht mehr aus dem Kopf. Als ich an dem Tag wieder zu Hause war, entstand dann „Der Depressive“, der der Ausgangspunkt des Buches wurde. Weitere Reime zu anderen psychischen Störungen folgten. Natürlich kam am Ende dann noch viel Begleittext hinzu. Das alles entstand nach und nach. Auch die Idee, dass sich daraus ein Buch entwickeln könnte. Es war also ein Prozess, der sich aus einer zufälligen Begebenheit heraus entwickelt hatte. Im Grunde war das Ganze für mich selbst eine große Überraschung, die mich zwei Jahre lang im Bann hielt.


Das war 2017, was geschah danach?

Petermann: Parallel dazu entstand die Idee, die Texte, die als eine neue Art der Psychoedukation, die die Vermittlung von Informationen über psychische Störungen mit Humor, der bisweilen recht „schwarz“ wurde, miteinander verband, zu einer Art Bühnenprogramm weiterzuentwickeln und Veranstaltern anzubieten. Relativ bald erhielt ich dann eine Einladung für zwei Auftritte über die Kulturambulanz des Klinikums Bremen-Ost. Der Saal war beide Male brechend voll. Zu der Zeit spielte ich im Wechsel zu den Texten noch selbst klassische Gitarre, heute übernimmt dies mein Sohn Manuel auf dem Saxophon. Die Rückmeldungen waren so gut, dass ich den Mut fasste, weiter an den Texten zu arbeiten und sie als Buchmanuskript Verlagen anzubieten, auf das der Springer Verlag dann aufmerksam wurde.


Der Titel lässt vermuten, dass es Ihnen um ein Abrechnung mit Ihrem Berufsstand geht, ist dem so?

Petermann: Abrechnung ist zu grob gesagt. Es geht mir zum einen darum, auf eine unterhaltsame Art und Weise über psychische Erkrankungen zu informieren und dies nicht in Form eines Patientenratgebers oder eines Selbsthilfebuches, sondern etwas ganz anderes zu machen, etwas, das jeden anspricht, der sich für psychische Störungen interessiert. Es ist für alle, die immer schon einmal wissen wollten, was man unter einer Schizophrenie versteht oder was eine Borderline-Persönlichkeit ausmacht, aber keine Lust haben, sich die Informationen über die im Allgemeinen recht trocken geschriebene Fachliteratur zu holen. In meinem Buch vermittelt sich dieses Wissen wie nebenbei.  Es geht mir auch darum, den Arzt, in diesem Fall den Psychiater in seiner vermeintlichen Allwissenheit und Unantastbarkeit als Gleicher unter Gleichen zu entlarven, ihn von seinem Sockel zu stoßen und eine Medizin auf Augenhöhe zu propagieren.

Mein Hauptziel ist jedoch, psychisch Kranke zu entstigmatisieren und sie aus dem gefühlten Abseits ein Stückweit zurück in die Mitte unserer Gesellschaft zu holen. Denn: Wir alle können jederzeit psychisch erkranken, an einer Depression, an einer bipolaren Störung, an Schizophrenie. Die Wahrscheinlichkeit, eine psychische Erkrankung zu entwickeln, liegt im Laufe des Lebens bei über 40 Prozent. Das ist eine enorm hohe Zahl. Unter uns Ärzten kursiert der Witz: Der Unterschied zwischen den Patienten und uns Ärzten ist: Wir haben den Schlüssel.


Sie prangern Missstände in der Psychiatrie mit teils sehr bissigem, mit schwarzem Humor an, wenn Sie etwa Fachsimpeleien aufs Korn nehmen. Wie reagieren die Kollegen auf diese Kritik?

Petermann: Ich glaube, in der Medizin wird grundsätzlich zu wenig mit den Patienten gesprochen, zu wenig erklärt und das auch nicht in einer Sprache, die der Patient versteht. Ich bin der Meinung, dass es für den Heilungsprozess wichtig ist, den Patienten mit ins Boot zu holen und eine gemeinsame Entscheidung über die Therapie zu finden, seine Wünsche zu berücksichtigen. Dafür braucht man natürlich Zeit.

Ich glaube, es ist nach wie vor nicht Konsens, so zu verfahren. Mit meinen satirischen Texten versuche ich diesen Missstand aufzuzeigen und gleichzeitig psychische Störungen gewissermaßen „salonfähig“ zu machen.


Sie haben im Vorfeld der Veröffentlichung negative Reaktionen erwartet, sind diese eingetreten?

Petermann : Ja, es ist das passiert, was ich erwartet habe, nämlich dass es zwei Lager gibt: Die einen, die das Buch als neue Herangehensweise an psychische Erkrankungen  schätzen, und die anderen, die sich angegriffen fühlen oder den Humor nicht verstehen oder nicht verstehen wollen. Dabei handelt es sich jedoch meines Wissens niemals um Betroffene. Das völlig Ungewohnte an der ganzen Sache ist, dass man im Kontext psychischer Störungen überhaupt lacht. Der ganze „Psychiatrie-Betrieb“ ist in der Regel eine recht humorlose Angelegenheit und dass jemand mit Humor und Satire da rangeht wird oftmals nicht verstanden.


Ist es Ihnen eigentlich unangenehm, wenn Sie als Medizinkabarettist angekündigt werden, wenn Sie auf Ihre Rolle als Humorist reduziert werden?

Petermann: Ganz im Gegenteil. Ich empfände das nicht als Reduktion, erlebe es aber auch gar nicht so.  Nur einmal wurde ich bislang als Medizinkabarettist angekündigt, und zwar von einem Veranstalter in Bad Herrenalb, wo ich 2018 für eine Seelsorgertagung auftrat. Zunächst war ich überrascht darüber. Freunde meinten dann aber, dass dies doch genau auf mich passen könnte. Mittlerweile habe ich in Berlin eine Schauspielausbildung absolviert, wo ich dieser Frage weiter nachgegangen bin. Ich lasse es offen. Vielleicht passe ich in keine Schublade.


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