Ein Fall für die Notaufnahme?
- 28.10.2025
- Primärversorgung
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Warum so viele Menschen als erste Anlaufstelle die Spitalambulanz aufsuchen und was eine Studie der Charité dazu verrät.
Immer mehr Patienten und Patientinnen suchen auch bei leichten Beschwerden eine Spitalsambulanz auf. Die Motive sind vielfältig und nur teilweise erforscht.
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Tag für Tag stoßen Österreichs Spitalsambulanzen an ihre Grenzen. Überlastet durch akute, aber oft nicht wirklich dringliche Fälle sitzen Patientinnen und Patienten stundenlang in den Wartezonen. Was eigentlich für echte Notfälle gedacht ist, wird zunehmend zur Anlaufstelle für Beschwerden, die auch ein Hausarzt behandeln könnte. Doch warum meiden so viele Menschen den niedergelassenen Bereich – und suchen stattdessen direkt die Spitalambulanz auf?
Angst und Unwissen
Ein wesentlicher Grund liegt in der Erreichbarkeit. Zahlreiche Hausärztinnen und Hausärzte stehen ihren Patientinnen und Patienten nur an Werktagen zur Verfügung, wobei Abendsprechstunden meist auf bestimmte Tage beschränkt sind. Wer also zu späterer Tageszeit oder am Wochenende erkrankt, steht oft ohne reguläre Anlaufstelle da. Zwar existieren mit der Gesundheitsberatung 1450 und den ärztlichen Bereitschaftsdiensten Alternativen, doch vielen Menschen sind sie unbekannt – und manche setzen schlicht größeres Vertrauen in das Krankenhaus. „Wer sich krank fühlt, sucht Hilfe – und das sofort. Viele sind überzeugt, dass man sie im Krankenhaus auf jeden Fall bekommt.“
Viele Patientinnen und Patienten schätzen zudem die besseren diagnostischen Möglichkeiten und Kompetenzen. Röntgen, Labor, Fachärzte – alles ist unter einem Dach. Dieses Sicherheitsgefühl führt dazu, dass selbst bei leichteren Beschwerden lieber der Weg in die Ambulanz gewählt wird. „Man will nichts übersehen, man will eine gründliche Untersuchung. Doch genau diese Haltung überlastet das System. Laut Schätzungen des Gesundheitsministeriums könnten bis zu 40 Prozent der Ambulanzbesuche auch im niedergelassenen Bereich behandelt werden.
Beängstigende Symptome
Wie stark subjektive Wahrnehmung die Entscheidung beeinflusst, zeigt auch eine aktuelle Untersuchung der Charité – Universitätsmedizin Berlin. Das Team um Felix Holzinger befragte zwischen Juni 2021 und Januar 2024 358 Patientinnen und Patienten in drei Berliner Notaufnahmen im Rahmen der EMAPREPARE-Studie.
Alle Fälle wurden post hoc als nicht dringlich eingestuft (Kategorie 3 bis 5 des Manchester Triage-system , MTS) und konnten ambulant behandelt werden. Dabei entsprach die Mehrzahl (rund 72 Prozent) der MTS-Kategorie 3, in 28 Prozent handelte es sich um die Kategorie 4.
Gut ein Drittel der Teilnehmenden hatte den Rettungsdienst selbstständig kontaktiert, etwa gleich häufig hatten Familienmitglieder oder Kollegen den Notruf abgesetzt, in 22 Prozent waren es zufällig Anwesende. Die Forscher stellten fest, dass ein Großteil der Betroffenen den Rettungsdienst aufgrund beängstigender Symptome verständigt hatte. Rund zwei Drittel der Befragten gaben an, sie hätten ihre Beschwerden als schwerwiegend oder potenziell lebensgefährlich empfunden. Nur ein kleiner Teil – etwa sieben Prozent – wusste nicht über Alternativen wie den hausärztlichen Bereitschaftsdienst Bescheid. Mehr als die Hälfte erklärte, sie hätten so rasch wie möglich einen Arzt aufsuchen wollen, während nur knapp 16 Prozent meinten, eine Behandlung könne auch bis zum nächsten Tag warten. Nach professioneller Einschätzung handelte es sich jedoch bei fast drei Viertel der Fälle um Situationen, die ohne Gefahr auch in einer Praxis hätten behandelt werden können.
Umleitung wenig akzeptiert
Interessant ist, dass viele Menschen grundsätzlich offen für eine Entlastung der Notaufnahmen sind. In der Theorie fanden 56 Prozent der Befragten, leichtere Fälle sollten in Hausarztpraxen behandelt werden. Doch wenn es um die eigene Person ging, sank die Zustimmung drastisch: Nur 15 Prozent hielten ihre eigene Situation für einen Fall für den Hausarzt. Begründet wurde dies häufig mit dem Gefühl, dass in niedergelassenen Praxen nicht die gleichen diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten zur Verfügung stünden wie im Krankenhaus.
Auch unter den Rettungskräften herrschte Skepsis. Sie hielten im Schnitt rund ein Drittel der Fälle für tatsächlich geeignet, in die allgemeinärztliche Versorgung umgeleitet zu werden. Letztlich hätten laut der Untersuchung sowohl Patienten als auch das Rettungspersonal nur in einem Viertel der Fälle einer Weiterleitung an eine Praxis zugestimmt – obwohl laut nach Auswertung von Krankenakten drei Viertel dieser Fälle keine medizinischen Gründe aufwiesen, die gegen eine primärärztliche Versorgung gesprochen hätten.
Lösungsansätze
Das Problem ist längst bekannt. Bereits 2018 forderte der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in Deutschland eine „bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“. Konkret schlug das Gremium vor, weniger dringliche Notfälle gezielt an ambulante Gesundheitsdienstleister – etwa Hausarztpraxen – weiterzuleiten. Die EMAPREPARE-Daten zeigen jedoch, wie schwierig dies in der Praxis bleibt: Trotz objektiv leichter Krankheitsbilder bestehen psychologische, organisatorische und strukturelle Hürden. Auch in Österreich zeigt sich ein ähnliches Bild. Der Mangel an Hausärztinnen und Hausärzten, besonders im ländlichen Raum, erschwert den Zugang zu wohnortnaher Versorgung. Manche Kassenärzte nehmen keine neuen Patienten und Patientinnen mehr auf. So wird das Krankenhaus zur vermeintlich „einfachsten Lösung“. Die Österreichische Gesundheitskasse reagiert darauf unter anderem mit dem Ausbau sogenannter Primärversorgungseinheiten – Gruppenpraxen mit längeren Öffnungszeiten und multiprofessionellen Teams. Im niedergelassenen Bereich sind vor allem folgende Aspekte entscheidend: eine gute Erreichbarkeit und lange Öffnungszeiten – auch in den Tagesrandzeiten –, ein hohes Maß an Behandlungskompetenz, eine moderne technische Ausstattung sowie ein multiprofessionelles Team. Ebenso großen Wert legen Patienten auf kurze Wartezeiten für Behandlungstermine und darauf, dass im Verlauf der Behandlung gegebenenfalls notwendige zusätzliche Diagnostik kurzfristig und ohne einen Wechsel der Anbieterinnen durchgeführt werden können.
Laut Felix Holzinger könnten in Zukunft Telemedizin, digitale Ersteinschätzungs-Tools oder sogar medizinische Taxis helfen, unnötige Rettungsdiensteinsätze zu vermeiden. Zentral bleibe jedoch die Aufklärung der Bevölkerung – über bestehende Alternativen wie Notfall-Hotlines, Bereitschaftsdienste und allgemeinärztliche Praxen.