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„Hausärzte wissen über Patienten mehr als Callcenter und PVE“

Weil Hausärzte Patienten lange kennen, können sie Symptome auch besser einschätzen als Callcenter und PVE mit ihrer wechselnden ärztlichen Betreuung. Der Hausarzt als Gatekeeper ins Gesundheitswesen spart Patienten und dem System Zeit, Geld und Unsicherheit.

Dr. Susanne Rabady


Sie sagen, die kontinuierliche hausärztliche Versorgung müsse die zentrale Ersteintrittsstelle sein –, während die Gesundheitspolitik Primärversorgungszentren pusht, in denen man von verschiedenen Ärzten behandelt wird. Warum legen Sie so viel Gewicht auf diesen Punkt?

Susanne Rabady: Wenn ich sage, wir müssen die Ersteintrittsstelle in der kontinuierlichen Primärversorgung durch einen Hausarzt verankern, dann spreche ich aus der täglichen Praxis heraus –, aber auch auf Basis guter wissenschaftlicher Belege. Hausärzte sehen Patientinnen und Patienten nicht isoliert, sondern über Jahre hinweg, erkennen Veränderungen sofort und schließen Gefährliches früh aus. Sie schauen hin, hören zu, stellen offene Fragen. Ich brauche da oft keinen Algorithmus, weil mir Körpersprache, Auftreten und Vorgeschichte bereits entscheidende Hinweise liefern. Dieses Zusammenspiel aus Beziehung, Erfahrung und klinischer Intuition ermöglicht rasches, sicheres Handeln – inklusive Vorbereitung der Rettungskette, wenn es notwendig wird.


Sie verwenden den Begriff des „induktiven Streifens“. Was passiert dabei konkret in der hausärztlichen Entscheidungsfindung?

Rabady: Die Anamnese beginnt bewusst nicht mit einer Hypothese – Symptome sind praktisch immer mehrdeutig und beim Erstkontakt undifferenziert. Hausärzte hören zu, sammeln Hinweise, lassen Muster entstehen – und reagieren besonders dann, wenn etwas nicht zusammenpasst. Dieses sogenannte „Pattern Failure“ ist zentral: In dem Moment, wo das Hirn einem sagt, da stimmt was nicht, muss man stehen bleiben. Hausärzte und Hausärztinnen arbeiten mit Kontextwissen, erinnern sich an frühere Kontakte, an familiäre und soziale Faktoren. Das geschieht rasch und parallel, nicht schematisch. Das kann man nicht dokumentieren wie einen Score, aber genau das verhindert Fehlzuordnungen.


Sie sagen, alternative Zugänge wie Callcenter, Notaufnahmen oder der direkte Gang zum Spezialisten führen häufig zu Überdiagnostik? Warum ist das so?

Rabady: Diese Systeme müssen auf Sicherheit spielen. Ohne Beziehung, ohne Vorwissen und ohne Möglichkeit zum Abwarten bleibt nur das wörtliche Abarbeiten von Symptomen. Beim Callcenter geht es nicht um Verstehen, sondern um Dringlichkeitsbeurteilung. In Akuteinrichtungen dominierten Algorithmen, Zeitdruck und breit verfügbare Diagnostik.

Das ist die Eintrittspforte in Medical Overuse. Der Spezialist wird oft von einer fachgebietsbezogenen Grundannahme ausgehen – mit diagnostischen Kaskaden als logische Folge. Die hausärztliche Medizin hingegen kann Zeit nutzen, beobachten, auf Probe behandeln und vertrauensvoll kommunizieren. Und genau deshalb gehört sie ins Zentrum der Versorgungssteuerung.

Titel
„Hausärzte wissen über Patienten mehr als Callcenter und PVE“
Schlagwort
Primärversorgung
Publikationsdatum
06.03.2026
Bildnachweise
Bild/© Klaus Ranger Fotografie