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Der 1. Kontakt

Österreich leistet sich eines der teuersten Gesundheitssysteme Europas – und doch wird es für viele Patienten immer schwieriger, zur richtigen Zeit die richtige Versorgung zu bekommen.

Lange Wartezeiten, überfüllte Ambulanzen, schwer erreichbare Facharzttermine und steigende private Zuzahlungen prägen zunehmend den Patienten-Alltag. Hinter diesen Symptomen steht ein strukturelles Problem, das seit Jahren bekannt ist, aber politisch kaum gelöst wird: die Fragmentierung der Versorgung. Hier setzt eine gemeinsame Initiative der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) und der Österreichischen Gesellschaft für Innere Medizin (ÖGIM) an. Unter dem provokanten Titel „Lassen sich Patienten steuern?“ formulieren die beiden Fachgesellschaften eine klare Diagnose – und ebenso klare therapeutische Konsequenzen für das System.

Viel Freiheit, wenig Orientierung

Im österreichischen Gesundheitssystem können Patienten und Patientinnen nahezu jede Versorgungsebene direkt ansteuern: Hausarzt, Facharzt, Ambulanz, Notaufnahme oder telefonische Dienste. Was als Ausdruck von Wahlfreiheit gilt, entpuppt sich in der Praxis häufig als Überforderung. Denn medizinische Beschwerden lassen sich selten eindeutig einem Fachgebiet zuordnen. „Allein Brustschmerz kann seine Ursache in sechs bis sieben verschiedenen Fachgebieten haben“, halten ÖGAM und ÖGIM fest.

Die Folge: unnötige Wege, Doppeluntersuchungen, Verzögerungen – oder schlicht falsche Versorgungsentscheidungen. Besonders problematisch ist, dass niemand im System dafür verantwortlich ist, die einzelnen medizinischen Puzzleteile zusammenzufügen. Oder, wie es die ÖGAM drastisch formuliert: „Es gibt niemanden, der – verbindlich! – die einzelnen Teile miteinander verbindet und gemeinsam mit dem Patienten/der Patientin ein individuelles Gesamtkonzept herstellt.“

Der erste Kontakt entscheidet

Ein zentrales Argument der Fachgesellschaften betrifft den sogenannten „First Point of Contact“, also den ersten Eintritt ins Gesundheitssystem. Internationale Studien zeigen eindeutig: Der Ort dieses Erstkontakts beeinflusst maßgeblich Versorgungsqualität, Ressourcenverbrauch sowie Patienten- und Patientinnensicherheit.

In kontinuierlichen hausärztlichen Strukturen stehen Zeit, Kontextwissen und Beziehung im Vordergrund. Symptome werden nicht isoliert betrachtet, sondern im Zusammenhang mit Lebensumständen, Vorerkrankungen und psychosozialen Faktoren eingeordnet. Unsicherheit darf bestehen – und kann gemeinsam ausgehalten werden. Instrumente wie „Watchful Waiting“ oder „Test of Time“ sind hier keine Unterversorgung, sondern Ausdruck professioneller Zurückhaltung.

Ganz anders in ereignisgetriebenen Settings wie Callcentern, Notaufnahmen oder fachärztlichen Erstkontakten. Dort fehlt meist die langfristige Beziehung, der Blick auf das Ganze – und damit die Möglichkeit, diagnostische Prozesse sinnvoll zu begrenzen. Die Konsequenz ist häufig defensive Medizin. Oder, wie es in der Analyse der ÖGAM heißt: „Erstkontakt außerhalb der kontinuierlichen Versorgung führt zu geringerer Treffsicherheit und einem erhöhten Verbrauch von Ressourcen – finanzieller wie personeller Art.“

Fragmentierung schadet

Die Auswirkungen dieser Struktur sind messbar. Fragmentierte Versorgung führt zu mehr vermeidbaren Krankenhausaufenthalten, mehr Überdiagnostik, mehr Kosten – und versursachen nicht selten Schaden für Patienten und Patientinnen. Dr. Stephanie Poggenburg, Vizepräsidentin der ÖGAM: „Fragmentierung und mangelnde Koordination führen nachweislich dazu, dass Patienten und Patientinnen schlechter versorgt werden.“

Besonders betroffen sind Menschen mit chronischen, komplexen oder mehrfachen Erkrankungen. Sie brauchen Kontinuität, Ansprechpartner und eine koordinierende Instanz, die nicht nach einzelnen Organen, sondern nach dem Menschen fragt. Oder, wie es Dr. Poggenburg ausdrückt: „Beim Hausarzt werden Patienten und Patientinnen behandelt – nicht nur Krankheiten.“

Steuerung heißt nicht Sperre

Ein häufiges Missverständnis wird von ÖGAM und ÖGIM ausdrücklich benannt: Patienten- und Patientinnenführung bedeutet nicht, Zugänge zu versperren oder Leistungen vorzuenthalten. Im Gegenteil. Es geht darum, vorhandene Ressourcen sinnvoll einzusetzen und dort verfügbar zu machen, wo sie tatsächlich gebraucht werden.

Die hausärztliche Primärversorgung soll dabei die Rolle des medizinischen Lotsen übernehmen: Dringlichkeit einschätzen, selbst behandeln oder gezielt weiterleiten – und nach spezialisierten oder stationären Kontakten die weitere Versorgung wieder koordinieren. Dr. Susanne Rabady, Lektorin an der Karl-Landsteiner-Privatuniversität für Gesundheitswissenschaften, formuliert das Ziel so: „Patienten- und Patientinnenführung durch die hausärztliche Primärversorgung reduziert die Terminnot im spezialisierten Bereich und kann Zugänge eröffnen – dort, wo sie gebraucht werden.“

Kooperation statt Konkurrenz

Bemerkenswert ist, dass diese Forderungen nicht von einer einzelnen Berufsgruppe erhoben werden. Die Zusammenarbeit der Fachgesellschaften von Allgemeinmedizin und Internistik setzt bewusst ein Signal gegen sektorales Denken. Gemeinsam entwickelte Behandlungspfade sollen klare Verantwortlichkeiten schaffen und Schnittstellen zwischen Allgemeinmedizin und Innerer Medizin verbindlich regeln.

Auf eine Formel bringt ÖGAM-Präsident Dr. Peter Kowatsch diesen Anspruch: „Erst wenn Hausärzte und Spezialisten Patientenwege gemeinsam gut koordinieren, entsteht die Versorgungsqualität, die unsere Patientinnen und Patienten erwarten dürfen.“

Die zentrale Botschaft ist unmissverständlich: „Die hausärztliche Primärversorgung kann und muss Rückgrat dieses Prozesses sein.“ Die Frage sei daher weniger, ob sich Patienten und Patientinnen steuern lassen. Die eigentliche Frage laute: Ob sich das System endlich steuern lassen will.

Titel
Der 1. Kontakt
Publikationsdatum
06.03.2026

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