Zum Inhalt

Die Gesundheit in die eigene Hand nehmen?

Das Gesundheitssystem zählt zu den besten weltweit, doch steigende Kosten, der demografische Wandel und volle Arztpraxen belasten es. Warum Prävention und Eigenverantwortung nicht nur Modewörter sind.

Auf der „Kleinen Zeitung Business Stage“ (3. März 2026) dreht sich alles um die Zukunft des Gesundheitssystems. Ein zentraler Punkt ist der demografische Wandel: Die Bevölkerung altert, der Bedarf an medizinischer Versorgung steigt. Gleichzeitig zahlen künftig weniger Menschen ein. Schon heute gehen alte Menschen häufiger zum Arzt, während die Zahl der Beitragszahler langfristig sinkt. Der finanzielle Druck auf das solidarisch finanzierte System wächst.

Künftig soll die Eigenverantwortung der Bevölkerung eine wichtige Rolle spielen. Viele alltägliche Beschwerden – etwa Erkältungen, kleine Hautprobleme oder Verdauungsbeschwerden – lassen sich oft selbst behandeln, etwa mit rezeptfreien Medikamenten und Beratung in Apotheken. Experten betonen, dass jeder Euro für Selbstmedikation dem Gesundheitssystem mehrere Euro spart. Im internationalen Vergleich nutzt Österreich dieses Potenzial bislang wenig. Während in Deutschland rund die Hälfte der Menschen leichte Beschwerden selbst behandelt, liegt der Anteil hierzulande deutlich darunter. Förderung von Gesundheitskompetenz könnte hier ansetzen. Programme für mehr Alltagsbewegung, Gesundheitsbildung in Schulen und niederschwellige Angebote sollen dazu beitragen, dass Menschen früher und bewusster auf ihre Gesundheit achten. Auch der Ausbau von Primärversorgungszentren wird diskutiert.

Einigkeit herrscht darüber, dass Gesundheit nicht nur im Gesundheitssystem entsteht. Sie wird auch durch Lebensbedingungen geprägt – durch Arbeit, Bildung, soziale Situation und das Umfeld, in dem Menschen leben. Deshalb braucht es neben medizinischer Versorgung auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen, die gesunde Entscheidungen erleichtern.

Martin Krenek-Burger

Die Apotheke spielt bei Self Care eine zentrale Rolle

Mag. Susanne Eibegger, IGEPHA-Präsidentin


„Wir vertreten Unternehmen, die rezeptfreie Arzneimittel und Gesundheitsprodukte für die Selbstmedikation in Österreich anbieten. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, das Wissen unserer Mitglieder in den Dialog mit Politik, Behörden und Akteuren des Gesundheitssystems einzubringen. Unser Ziel ist es, gemeinsam Lösungen zu entwickeln, die sowohl den Menschen als auch dem Gesundheitssystem helfen.

Self Care bedeutet, dass Menschen selbst aktiv werden, um gesund zu bleiben oder kleinere Beschwerden zu behandeln. Es umfasst vor allem Prävention und die Behandlung leichter Gesundheitsprobleme mit rezeptfreien Arzneimitteln oder Gesundheitsprodukten. Dazu gehören Erkältungen, Verdauungsprobleme, kleinere Hautprobleme oder Fußpilz. Viele Menschen nutzen dafür ihre Hausapotheke oder lassen sich in der Apotheke beraten.

Die Apotheke spielt eine zentrale Rolle. Dort arbeiten hoch qualifizierte Pharmazeutinnen und Pharmazeuten, die Menschen unterstützen, das passende Produkt zu finden. Selbstmedikation bedeutet also nicht, auf professionelle Beratung zu verzichten, sondern informierte Entscheidungen zu treffen und bei leichten Beschwerden selbst aktiv zu werden.

Solche Beschwerden betreffen praktisch jeden. Rund 94 Prozent der Österreicherinnen und Österreicher haben mindestens einmal im Jahr Probleme wie Schnupfen oder Halsschmerzen. Viele wissen aus Erfahrung, was zu tun ist. Insgesamt entscheiden sich Menschen in Österreich mehr als 28 Millionen Mal pro Jahr dafür, bei kleineren Beschwerden selbst aktiv zu werden.

Trotzdem sehe ich hier noch großes Potenzial. Selbstmedikation hilft nicht nur den Menschen, schneller Lösungen für alltägliche Gesundheitsprobleme zu finden, sie kann auch das Gesundheitssystem deutlich entlasten. Jeder Euro, der in ein rezeptfreies Gesundheitsprodukt investiert wird, spart dem System etwa fünf Euro an Kosten.

Im internationalen Vergleich nutzen wir dieses Potenzial in Österreich aber noch zu wenig. In Deutschland behandeln rund 47 bis 50 Prozent der Menschen leichte Beschwerden mit rezeptfreien Produkten. In Österreich liegt dieser Anteil nur bei etwa 21 Prozent. Das zeigt, dass viele Menschen weiterhin direkt zum Arzt gehen, obwohl sie sich bei kleinen Problemen oft selbst helfen könnten.

Deshalb bin ich überzeugt, dass wir eine nationale Strategie für Self Care brauchen. Wenn wir die Gesundheitskompetenz stärken und Menschen ermutigen, mehr Verantwortung für ihre eigene Gesundheit zu übernehmen, können wir sowohl die Bevölkerung stärken als auch unser Gesundheitssystem nachhaltig entlasten.“

Mag. Susanne Eibegger, IGEPHA-Präsidentin

Selbstmedikation? Wenn man sie sich leisten kann...

Korinna Schumann, Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Pflege und Konsumentenschutz (SPÖ)


„Ich möchte betonen, dass wir in Österreich ein wirklich sehr gutes, öffentliches und solidarisches Gesundheitssystem haben. Unser ASVG garantiert seit 70 Jahren, dass alle die beste Versorgung erhalten – unabhängig von Alter oder Wohnort. Natürlich gibt es Bereiche, die in Schieflage geraten sind und reformiert werden müssen. Besonders wichtig ist mir, dass die Menschen auf sich selbst schauen und Vorsorge betreiben.

Wir haben den Gesundheitsreformfonds¹ ins Leben gerufen, der in enger Abstimmung mit der Sozialversicherung jährlich 500 Millionen Euro für fünf Jahre investiert. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Ausbau der Primärversorgungseinheiten, der PVE. Wir haben hierzulande bereits 100 PVE eröffnet und wollen auf 300 Einrichtungen kommen, was besonders für die Versorgung im ländlichen Raum wichtig ist. Dieses Modell funktioniert gut, die Ärztinnen und Ärzte wünschen es sich, und die Öffnungszeiten sind optimal.

Ein weiterer Fokus liegt auf der Vorsorge in verschiedenen Altersgruppen: Bei Kindern im schulischen Bereich, bei Erwachsenen durch intensive Vorsorgeuntersuchungen, und bei älteren Menschen in der geriatrischen Versorgung. Dort schaffen wir Pflege- und Therapiepraxen, in denen nicht ärztliche Berufe zusammenarbeiten – vom Arzt verordnet, etwa Mundmanagement, Physiotherapie, Ergotherapie oder Sozialberatung –, um Ärzte und Spitäler zu entlasten und eine direktere Versorgung zu ermöglichen. Ich finde es wichtig, dass jeder auf sich selbst achtet und sich bewegt. Dabei geht es nicht um extreme Sportarten, sondern um regelmäßige Bewegung, die man gemeinsam in einer positiven Gemeinschaft erleben kann. Auch die psychische Gesundheit ist zentral; der Mensch muss als Ganzes betrachtet werden, und in der Versorgung gibt es hier noch viel zu tun. Die Arbeitswelt ist ebenfalls ein wichtiger Faktor. Ich sehe die Apotheker als einen entscheidenden Punkt in der Gesundheitsversorgung. Zur Frage der Selbstmedikation sage ich: Wenn man sie sich leisten kann, ja.“

Korinna Schumann, Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Pflege und Konsumentenschutz (SPÖ)

Weitere Informationen:

www.sozialministerium.gv.at/Themen/Soziales/Sozialversicherung/Krankenversicherung/Einrichtung-von-Gesundheitsreformfonds.html

Der finanzielle Druck auf das System wächst

Mag. Peter McDonald, Vorsitzender im Dachverband der Österreichischen Sozialversicherungen


„Ich freue mich grundsätzlich über jede e-Card-Steckung, denn dahinter steht immer ein Mensch mit einem Anliegen, dem wir als Sozialversicherung helfen wollen. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch die Frage stellen, ob jede einzelne dieser Arztkontakte tatsächlich notwendig ist. Genau deshalb halte ich es für wichtig, dass wir stärker über Eigenverantwortung im Gesundheitssystem sprechen – ein Thema, das in Österreich meiner Meinung nach noch viel zu wenig Gewicht hat.

Unser Gesundheitssystem ist historisch gewachsen und stark staatlich organisiert. Gerade durch die Pandemie ist die Nachfrage nach Leistungen noch einmal deutlich gestiegen, was sowohl finanziell als auch personell zusätzlichen Druck erzeugt hat. Dabei darf man aber eines nicht vergessen: Wir haben in Österreich ein sehr gutes, solidarisches Gesundheitssystem. Solidarität funktioniert jedoch nur dann dauerhaft, wenn auch jeder Einzelne Verantwortung übernimmt. Wenn jeder nur möglichst viel aus dem System herausnehmen möchte, kann das langfristig nicht funktionieren.

Mir ist wichtig zu betonen, dass wir unser Gesundheitssystem nicht schlechtreden sollten. Im Gegenteil: Studien der OECD zeigen, dass es in Österreich praktisch keine sogenannten ,Unmet Needs’ gibt –, also kaum Fälle, in denen Menschen notwendige medizinische Versorgung nicht erhalten. Das ist international keineswegs selbstverständlich. Auch strukturell hat sich in den letzten Jahren viel getan, etwa durch den Ausbau von Primärversorgungszentren, in denen verschiedene Gesundheitsberufe gemeinsam arbeiten und dadurch effizienter versorgen können.

Außerdem investieren wir massiv in das System. In den vergangenen sechs Jahren sind die Gesundheitsausgaben von rund 14 auf etwa 22 Milliarden Euro gestiegen – ein Plus von rund 50 Prozent. Gleichzeitig ist es gelungen, die stark steigende Zahl älterer Menschen im System zu versorgen, ohne die Beitragssätze zu erhöhen. Auch das ist eine beachtliche Leistung. Trotzdem stehen wir vor großen Herausforderungen. Die Bevölkerung wird älter, und ältere Menschen benötigen deutlich häufiger medizinische Betreuung. In den nächsten 25 Jahren wird die Zahl der über 65-Jährigen von rund 1,8 auf etwa 2,7 Millionen steigen. Diese Menschen gehen im Durchschnitt etwa jede zweite Woche zum Arzt. Gleichzeitig rechnen wir damit, dass es künftig rund 300.000 weniger Beitragszahler geben wird.

Damit wächst der finanzielle Druck auf das System. Wir konnten die ursprünglich erwarteten Defizite zwar reduzieren – unter anderem dank Unterstützung der Bundesregierung –, aber die langfristige Entwicklung bleibt anspruchsvoll.“

Mag. Peter McDonald, Vorsitzender im Dachverband der Österreichischen Sozialversicherungen

Titel
Die Gesundheit in die eigene Hand nehmen?
Publikationsdatum
09.03.2026

www.gesundheitswirtschaft.at (Link öffnet in neuem Fenster)

Mit den beiden Medien ÖKZ und QUALITAS unterstützt Gesundheitswirtschaft.at das Gesundheitssystem durch kritische Analysen und Information, schafft Interesse für notwendige Veränderungen und fördert Initiative. Die ÖKZ ist seit 1960 das bekannteste Printmedium für Führungskräfte und Entscheidungsträger im österreichischen Gesundheitssystem. Die QUALITAS verbindet seit 2002 die deutschsprachigen Experten und Praktiker im Thema Qualität in Gesundheitseinrichtungen.

zur Seite Link öffnet in neuem Fenster

www.pains.at (Link öffnet in neuem Fenster)

P.A.I.N.S. bietet vielfältige und aktuelle Inhalte in den Bereichen Palliativmedizin, Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerzmedizin. Die Informationsplattform legt einen besonderen Schwerpunkt auf hochwertige Fortbildung und bietet Updates und ausgewählte Highlight-Beiträge aus Schmerznachrichten und Anästhesie Nachrichten.

zur Seite Link öffnet in neuem Fenster
Bildnachweise
Sportelnder Mann/© Daniel Ingold / Westend61 / picture alliance, 11345046/© Bayer/APA-Fotoservice/Rudolph, 11345089/© David Bohmann, 11345072/© Enzo Holey, gesundheitswirtschaft, pains logo