Ärztenetz statt Einzelpraxis
- 17.03.2026
- Primärversorgung
- Zeitungsartikel
Im Oktober 2025 ging es Schlag auf Schlag: Alle paar Tage wurde ein neues Primärversorgungszentrum eröffnet. Die Zahl von 100 PVZ ist schon wieder Geschichte. Weit weniger Aufsehen gibt es um die ländliche Version - das Primärversorgungsnetzwerk. Schade.
Markus Kern
Der Zusammenschluss von Kassenplanstellen in verschiedenen Gemeinden bringt Vorteile – für die beteiligten Ärztinnen und Ärzte und ihre Kundschaft. Wir haben uns das Primärversorgungsnetzwerk Melker Alpenvorland näher angesehen.
Dr. Markus Kern erwartet mich am Bahnhof Loosdorf bei Melk. Nach einer zehnminütigen Autofahrt sind wir am Mittelpunkt des PVN in der Gemeinde Kilb im niederösterreichischen Alpenvorland. Die „Gruppenpraxis Kern“ in Hürm ist eine von fünf Ordinationen, die sich mit vertiefter Zusammenarbeit dazu entschlossen haben, das anzubieten, was in den PVZ in den Städten selbstverständlich ist:
- Öffnungszeiten von 7 Uhr bis 19 Uhr
- Allgemeinmedizinische ärztliche Leistungen
- Kleinchirurgische Eingriffe
- Diätologie
- Ergotherapie
- Hebamme
- Physiotherapie
- Psychotherapie
- Wundmanagement
- Sozialarbeit
- Case- und Care Management
Nur, dass all das nicht an einem Ort stattfindet. Sondern in fünf Gemeinden in geografischer Nähe: Bischofstetten, Hürm, Kilb, Kirnberg und Texingtal. Ca. 10000 Menschen leben in dieser Region.
Wie kam es dazu?
Seinen Betrieb aufgenommen hat das Gesundheitsnetzwerk Melker Alpenvorland am 1. September 2020 - als erstes seiner Art in Niederösterreich und nach wie vor größtes in Österreich. Was war der Grund dafür, frage ich Dr. Markus Kern. Antwort: „In der Stadt Mank gab es lange Zeit keine Bewerber für die freie Kassenplanstelle für Allgemeinmedizin. Vermutlich auch aus dem Grund, dass dort der Betrieb einer ärztlichen Hausapotheke nicht möglich war. Zunächst dachten wir daran, in Mank gemeinsam ein PVZ zu gründen. Aber keiner der fünf Gründer (vier Ärzte, eine Ärztin) wollte die angestammte Ordination aufgeben und sich räumlich von seinen Patienten entfernen. Also haben wir uns dafür entschieden, dass wir ein Gesundheitsnetzwerk machen. Von den zehn Allgemeinmedizinern im Gesundheitssprengel haben sich dann wir fünf zusammengefunden.“
Interessant: Die Gründer rechneten damit, dass gerade junge Kolleginnen und Kollegen das Netzwerk-Modell attraktiv finden würden. Weit gefehlt: „Gerade die Neuen wollten nicht. Sie waren skeptisch und haben gesagt, jetzt schauen wir uns einmal das Einzelkämpfer-Dasein mit Kassenvertrag an. Vielleicht steigen wir später ins Netzwerk ein.“ Was bis heute niemand getan hat …
Wie läuft das Netzwerk?
Für die Menschen in der Region ist von Montag bis Freitag zwischen 7:00 Uhr und 19:00 Uhr mindestens eine Ordination erreichbar. Der gemeinsam erstellte Öffnungsplan bietet am Vormittag im Allgemeinen mindestens zwei offene Standorte, am Nachmittag und frühen Abend mindestens einen Standort. In der Mittagszeit - von 12 Uhr bis 14 Uhr - steht ein telefonischer Bereitschaftsdienst zur Verfügung.
An den im Sprengel lückenlos besetzten Wochenenden und Feiertagen steht von 8 bis 14 Uhr eine Ordination zur Verfügung. Zusätzlich zu den Präsenzzeiten in den Ordinationen absolvieren Ärzte und Ärztin Hausbesuche bei immobilen Patienten. Eine gemeinsame Telefonanlage sorgt dafür, dass in der Mittagszeit und an den Wochenenden Patienten automatisch zur diensthabenden Ordination geleitet werden. Außerhalb der Öffnungszeiten verweist der Anrufbeantworter auf die telefonische Gesundheitsberatung 1450, bzw. in Notfällen auf 141 und 144.
Was aber passiert, wenn ein Patient zum ersten Mal eine andere Netzwerk-Ordination als die des Hausarztes aufsucht? Markus Kern: „Obwohl jede Einzelpraxis nach wie vor ihre eigene Software – aber alle vom selben Anbieter – hat, können wir durch eine für uns entwickelte Speziallösung auf gemeinsame Patientendaten zugreifen, indem wir jeweils am Ende eines Arbeitstages per DSGVO-konformem Internetaustausch alle an diesem Tag aufgezeichneten Informationen an alle Netzwerk-Teilnehmer übertragen: Diagnosen, Medikation usw.“ Das hat am Anfang nicht immer funktioniert, aber mittlerweile sei dieses System allen in Fleisch und Blut übergegangen.
Der Lohn der Mühe
Die Krankenkassen galten die Mehrleistungen und das breite Angebot am Anfang mit 80.000 Euro pro ärztlicher Kassenstelle und Jahr ab (inzwischen an die Geldentwertung angepasst) - als „kontaktunabhängige Grundvergütung zur Abgeltung spezifischer Personal- und Sachmehrkosten“. Davon, jede kleine Einzelleistung für einen Patienten separat abrechnen zu müssen, haben die Kassen die Primärversorgungseinheiten befreit. Sie erhalten eine nach Altersgruppen gegliederte Kopfpauschale je Patient und Quartal.
Die nicht ärztlichen Berufsgruppen im Netzwerk rechnen nach geleisteten Arbeitsstunden mit detaillierter Leistungsdokumentation ab. Zusätzlich honoriert werden Leistungen im Bereitschaftsdienst.
Beim Start im Jahr 2020 erhielt das Netzwerk eine Anschubfinanzierung von 50.000 Euro. Mit ihr sollte die Umstellung von Einzelordinationen auf eine Primärversorgungseinrichtung finanziert werden.