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Gedanken am Ende meiner beruflichen Laufbahn

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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
Werte Kolleg:innen,
die globale SARS-CoV-2-Krise hat für eine breite Öffentlichkeit das Fach Anästhesie und Intensivmedizin als Rückgrat der Spitalsversorgung auf ganz besondere Weise sichtbar gemacht. Für viele Menschen wurde besser verständlich, was die moderne Intensivmedizin leistet, und dass sie nicht auf Gerätemedizin reduzierbar ist, sondern der menschliche Faktor ebenfalls eine zentrale Rolle spielt.
Leider haben die extrem hohen Belastungen während der Pandemie zu einer deutlichen Frustration, vor allem des Pflegepersonals, geführt und dies zu einem Zeitpunkt, an dem der Mangel an qualifizierten Pflegekräften bereits in allen Bereichen der Medizin spürbar war. In Österreich sind zurzeit rund 127.000 Pflege- und Betreuungspersonen (100.600 Vollzeitäquivalente) im akutstationären Bereich und im Langzeitbereich beschäftigt: rund 67.000 davon im Krankenhaus, etwa 60.000 im Langzeitbereich. Der zukünftige Bedarf bis zum Jahr 2030 liegt, laut Angaben des Bundesministeriums für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz bei rund 76.000 zusätzlich benötigten Personen. Für Pflegefachkräfte entspricht dies einem jährlichen Bedarf von 3900 bis 6700 zusätzlichen Vollzeitstellen. Persönlich kann ich mir nicht vorstellen, dass wir, unter Beibehaltung der derzeitigen strengen gesetzlichen und berufspolitischen Vorgaben, den erforderlichen Nachwuchs auch nur ansatzweise für die Zukunft rekrutieren können.
Aber auch beim ärztlichen Nachwuchs haben wir Probleme: Die Ausbildungsordnung für Mediziner:innen wurde in Österreich komplett geändert und für die neu eingeführte neunmonatige Basisausbildung, die die Grundlage für den Einstieg in jedes Spezialfach darstellt, wurden in den Krankenhäusern zu wenig Stellen geschaffen. Hinzu kommt, dass laut Österreichischer Ärztekammer 4 von 10 Medizinabsolvent:innen nach dem Studium ins Ausland abwandern. In der Ausbildung selbst verhindert das geltende, in Österreich leider sehr strikt ausgelegte Arbeitszeitgesetz (AZG), dass besonders engagierte Mitarbeiter:innen in Ausbildung, auch außerhalb der Kernarbeitszeit, oder nach einem Nachtdienst, komplexe medizinische Tätigkeiten unter Aufsicht durchführen können, um ausreichend klinische Expertise zu erlangen.

Lücken in der Behandlungskontinuität

In vielen medizinischen Bereichen sind bereits gravierende Lücken in der Behandlungskontinuität spürbar. Die Folgen dieser Entwicklungen sind ebenfalls sichtbar: So benötigen zum Beispiel Fachärzt:innen in chirurgischen Fächern während ihrer Bereitschaftsdienste im zunehmenden Ausmaß erfahrene „abrufbare Kolleg:innen“ im Hintergrund, um bei komplexen Notfällen (etwa in der Nacht) eine adäquate Versorgung gewährleisten zu können. Oder chirurgische Eingriffe werden verzögert bzw. stufenweise durchgeführt, obwohl eine Primärversorgung bei entsprechender klinischer Expertise durchaus möglich ist. Auch das Komplikationsmanagement wird komplizierter, da die Behandlung nur mehr selten von den primär dafür Verantwortlichen durchgeführt wird. Im intensivmedizinischen Bereich fehlt es zunehmend an klinischer Berufserfahrung, um zum Beispiel Therapiezieländerungen im Sinne von DNE („Do Not Escalate“) und CTC („Comfort Terminal Care“) bei Patient:innen ohne realistische Überlebenschancen frühzeitig zu argumentieren und gemeinsam im Team und unter Einbeziehung der nächsten Angehörigen festzulegen.
Der derzeitige „Spezialisierungswahn“ führt zu massiven Einschränkungen in der Behandlungskompetenz
Dieser Mangel an universell gut ausgebildeten Kolleg:innen ist wahrscheinlich auch die Ursache dafür, dass sich für bestimmte Primariate immer weniger geeignete Kandidat:innen finden. Der derzeitige „Spezialisierungswahn“ führt zu massiven Einschränkungen in der Behandlungskompetenz, speziell außerhalb der Kernarbeitszeiten. Letzteres stellt ein großes Hindernis bei Bewerbungen für medizinische Führungspositionen dar. Gerade im medizinischen Führungsbereich benötigen wir begeisterte Mediziner:innen mit breitem medizinischem Spektrum und entsprechender klinischer Erfahrung. Was die Medizin nicht benötigt, sind Manager:innen, die ihre Tage zwangsweise in Büros und Sitzungen mit Verwaltungspersonal verbringen. Diese Fehlentwicklung wurde von der Politik und vor allem von den Krankenhausverwaltungen in Österreich in den letzten 20 Jahren massiv gefördert.
Wir benötigen ein neues, am gesamtgesellschaftlichen Wohle orientiertes Denken
Die Österreichische Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI) arbeitet zur Lösung der wichtigsten Probleme eng mit den zuständigen Ministerien zusammen. Dabei erweisen sich die Mitarbeiter:innen der Ministerien meist als sehr kooperativ und verständnisvoll – die Umsetzung von Lösungsvorschlägen scheitert häufig an den dafür zuständigen Politiker:innen selbst, an Berufsverbänden und Kammern, die nicht bereit sind, ihre Eigeninteressen hinter das Gemeinwohl zu stellen – und letztlich auch am ausgeprägten Föderalismus unserer neun Bundesländer mit separaten Landessanitätsgesetzen.
Ich denke, die Probleme, mit denen wir national, aber auch international zu kämpfen haben, sind zu komplex, um sie mittels politischer oder standespolitischer Ideologien zu lösen. Wir benötigen ein neues, am gesamtgesellschaftlichen Wohle orientiertes Denken – und vor allem Verantwortliche mit neuen, innovativen Ideen für alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens!
Ihr
Walter Hasibeder

Interessenkonflikt

W. Hasibeder gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.xs

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Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.
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Titel
Gedanken am Ende meiner beruflichen Laufbahn
Verfasst von
Prim. Univ.-Prof. Dr. Walter Hasibeder
Publikationsdatum
08.01.2026
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Anästhesie Nachrichten
Print ISSN: 2617-2127
Elektronische ISSN: 2731-3972
DOI
https://doi.org/10.1007/s44179-025-00333-y
Bildnachweise
Bücher und Stethoskop/© Алена Ваторина / stock.adobe.com / Generated with AI