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Open Access 17.10.2022 | Praxis und Beruf

Was wäre wenn ...

verfasst von: Josef Broukal

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Fiele das Internet hierzulande aus, kämen auf die Spitäler, Ordinationen und Apotheken Probleme zu. Werden sie diese meistern? Die Antwort ist ein vorsichtiges „Ja“. Aber einfach wird die Sache nicht.

Im Herbst 2019, als von COVID-19 noch keine Rede war, fasste man am Institut für Technikfolgenabschätzung (ITA) der Akademie der Wissenschaften einen Entschluss: Man wollte herausfinden, wie widerstandsfähig das Internet in Österreich ist. Wenn große Netzknoten ausfielen, gäbe es dann noch Strom oder Bargeld? Oder Lebensmittel? Oder Medikamente und ärztliche Versorgung in Ordinationen und Spitälern? Oder wären wir nach ein paar Tagen ohne Netz im Chaos pur?

Das Landwirtschaftsministerium war als Geldgeber rasch gefunden. So entstand das Projekt „ISIDOR“– benannt nach dem Hl. Isidor von Sevilla, dem katholischen Schutzpatron des Internets. Ein Projekt, in dem in vielen Gesprächsrunden einer großen Frage nachgegangen wurde: „Was ist, wenn in Österreich das Internet ausfällt?“ Die große Antwort: Ein Ausfall des Internets würde einen massiven Einschnitt im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben Österreichs darstellen. Bei einem Ausfall wären unterschiedliche Sektoren auch unterschiedlich stark betroffen. So würde zum Beispiel die Strom- und Wasserversorgung mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter zuverlässig funktionieren. Transportwesen, der Finanzsektor oder Sicherheitstechnik könnten aber nur unter starken Einschränkungen weiter funktionieren –, wenn überhaupt.

Ausführlich besprochen wurden Internetausfälle im Gesundheitswesen. In der dafür gebildeten Arbeitsgruppe waren vertreten:

  • Apothekerkammer
  • Oberösterreichische Gesundheitsholding
  • Niederösterreichische Landesgesundheitsagentur
  • Wiener Gesundheitsverbund
  • Rotes Kreuz
  • Verband der Arzneimittel-Vollgroßhändler

Jaro Krieger-Lamina vom ITA führte das Interview mit den Vertretern des Wiener Gesundheitsverbundes. Er fasst zusammen: „Grundsätzlich muss man sagen, dass beispielsweise der Wiener Gesundheitsverbund vermutlich relativ gut aufgestellt ist. Die einzelnen Kliniken sind über ein ausfallsicheres Zweitnetz mit der zentralen IT der Stadt Wien verbunden. Dieses Netz ist unabhängig vom Internet.“ Die doppelte Sicherheit sei wichtig, weil in diesem System auch die Daten der Patienten abgebildet werden. Ohne IT würde der Spitalsbetrieb zusammenbrechen, aber durch das zweite Netz sei der Betrieb gewährleistet – „glaube ich“, fügt Krieger-Lamina vorsichtig hinzu. Erika Baumgartl vom Gesundheitsverbund bestätigt: „Einige Prozesse sind vom Funktionieren des Internets abhängig. Weil wir das Netzwerk der Stadt nutzen, sind die Abhängigkeiten nach außen auf ein Minimum reduziert.“

Falls alle Stricke reißen, kann der Gesundheitsverbund auf die Funknetze der kritischen Infrastruktur zurückgreifen – dann allerdings nur mit Sprache. Schwierig werden könnte es bei der logistischen Versorgung der Kliniken mit Medikamenten und anderem Material, meint Jaro Krieger-Lamina: „Die Wiener Spitäler werden bis zu drei Mal am Tag beliefert – und das auch mit den Materialien, die für die Akutversorgung nötig sind.“ Es dürfte in den einzelnen Häusern keine großen Lagerbestände geben. Krieger-Lamina: „Wenn das Internet ausfällt, dürfte das Bestellwesen stark verlangsamt werden –, wenn es dann überhaupt noch funktioniert.“ Es müsste dann alles über Telefon gemacht werden, falls das noch funktioniert. Aber: „Keiner kennt die Bestellnummern. Keiner weiß, wo die Kataloge sind. Am anderen Ende ist man vermutlich auch überfordert, weil viele anrufen und eine Bestellung aufgeben wollen. Viele Lagerverwaltungs-Systeme funktionieren nur mit Internet-Anbindung. Es wird möglich sein, die Spitäler aus Zwischenlagern zu versorgen. Aber wenn die einmal leer sind, ist es schwierig bis unwahrscheinlich, dass sie zeitgerecht wieder aufgefüllt werden können.“

Rettungsdienste gefordert

Die Rettungsdienste verließen sich in der Kommunikation mit den Spitälern aufs Internet und den Mobilfunk, sagt Krieger-Lamina. Wenn die nicht mehr gingen, müssten die Sanitäter wieder Zettel schreiben und in den Aufnahmestellen übergeben. Das würde länger dauern und vermutlich viele Mitarbeiterinnen stressen. Sie seien das nicht gewohnt – und es werde zu wenig trainiert.

Für die Österreichische Apothekerkammer nahm IT-Chef Dr. Johann Kerschbaum an ISIDOR teil. Er fasst im Gespräch mit der „Ärztewoche“ zusammen: Die Apotheken kommunizieren in erster Linie mit dem pharmazeutischen Großhandel und mit E-Rezept-System. Für den Fall eines Internetausfalls gibt es Alternativ-Pläne – z. B. Kommunikation per Papier. Die Ärzte haben im Falle eines Internetausfalls die Möglichkeit, vorgedruckte Blanko-e-Rezepte analog zu den bisherigen Rezeptformularen zu verwenden. Betroffen von einem Komplett-Ausfall des Internets wäre vermutlich auch die Kassensoftware für die Bankomat-Zahlungen. Die Kunden müssten also bar zahlen (sofern sie aus dem nächsten Bankomaten noch Geld herausbekommen). Aber, so Kerschbaum, er rechne damit, dass Apotheken bei wichtigen Medikamenten eine Lösung finden, bei der die Patientensicherheit voll gewährleistet bleibt.

Wie steht es mit dem Nachschub an Medikamenten durch den Großhandel? Kerschbaum: „Wenn das Internet ausfällt, werden die Apotheken telefonisch oder auf Papier bestellen können.“ Die Apotheken würden mehrmals täglich beliefert, man könne den Fahrern die Bestellungen mitgeben. Fazit: Die Medikamentenversorgung wäre auch im schlimmsten Fall eines Internet-Blackouts gesichert. Kerschbaum: „Es wäre unangenehm und wird immer unangenehmer, weil die Apotheken von immer mehr technischen Systemen abhängig sind – E-Rezept, ELGA, Kassen-Software, Bankomat-Zahlung usw. Aber die Medikamenten-Versorgung würde nicht zusammenbrechen.“ Das Projekt ISIDOR war für die Apothekerkammer wichtig. Kerschbaum: „Das Thema Internetausfall steht schon länger auf der Agenda, es ist in der Prioritätenliste zuletzt deutlich nach oben gewandert.“ Bleibt am Schluss noch eine große Frage: Wie wahrscheinlich ist es, dass „das Internet“ ausfällt? Wir haben alle gelernt, dass das Internet so gebaut ist, dass es gerade nicht so leicht ausfallen kann. Man vergleicht es gerne mit einem Spinnennetz. Da laufen so viele Fäden kreuz und quer, dass man viele Fäden wegnehmen kann, ohne das Netz zu zerstören. Also zu sehr gefürchtet? „Jein“, meint Christian Panigl vom Informatikzentrum der Universität Wien. Von dort nahm das Internet in Österreich vor Jahrzehnten seinen Anfang.

Zu sehr gefürchtet?

Panigl sagt: „Das Internet ist in den letzten Jahren in Österreich sicherer geworden. Es gibt immer mehr Knotenpunkte, ein Ausfall des gesamten Internets ist unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Der Schutz vor Angriffen von außen wird zwar immer besser, aber auch die Angreifer lernen!“ Signifikante Auswirkungen hätte ein gelungener Angriff auf das Netz eines der großen Provider. Und dort im Speziellen auf die Programme, die das Funktionieren des Netzes sicherstellen.

Allerdings werden gerade in diesem kritischen Bereich die Schutzmaßnahmen laufend verbessert – auch, weil immer klarer wird, was passieren könnte. Das Internet in Österreich ist divers genug, dass es nicht alle auf einmal trifft, meint Panigl. Es werde dann Auswege geben. Bei Netzausfällen in der Vergangenheit – etwa, weil ein Provider vom Markt genommen wurde – hat sich die Branche wechselseitig sehr rasch geholfen. Das größte Problem auch für die Internetversorgung wären sicher großflächige Stromausfälle. „Es hilft nichts, dass in den großen Datencentern Notstrom-Diesel vorhanden sind, wenn rundherum alles finster wird.“ Gerade bei der Versorgung mit elektrischer Energie kam ISIDOR zu einem beruhigenden Ergebnis: Was da an Kommunikation nötig ist, läuft auf eigenen Netzen, nicht übers Internet.

Netzwerk der Menschen nötig

Eines ist für die Verantwortlichen von ISIDOR klar: Im Ernstfall käme es auf die Menschen an. Käme es darauf an, dass man einander kenne. Käme es darauf an, dass geprobt und geübt wird, wie man ohne Internet zurande kommt. Wie im Netz stattfindende Prozesse auf Papier und in mündlicher Kommunikation weiterlaufen können. Leider werde immer weniger Zeit und Geld in diese Dinge gesteckt. Hier sei ein Umdenken nötig. Und ein zweiter Punkt: Man müsse größere Zwischenlager bilden. Das gelte für Spitalsmaterial genauso wie für Lebensmittel. „Just in time“ werde ohne Internet nicht möglich sein. Zum Abschluss eine Frage: Wie lautet schnell „Murphy‘s Gesetz“? Richtig: „Alles, was passieren kann, wird auch passieren, und zwar im schlechtestmöglichen Augenblick.“

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Metadaten
Titel
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Publikationsdatum
17.10.2022

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