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„Meine Tür ist immer offen“

Die Hauptstadt setzt auf diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen, um die pflegerische Versorgung in Schulen zu verbessern. Die „Ärzte Woche“ sprach mit zwei Verantwortlichen über das Vorhaben, die Reaktionen von Schüler:innen, Lehrer:innen und Ärzt:innen – und wie sie die anfängliche Skepsis zerstreuten.

Weil Gesundheit und Lernerfolg Hand in Hand gehen, riefen im Jahr 2022 der damalige Vizebürgermeister Christoph Wiederkehr und Stadtrat Peter Hacker die School Nurses ins Leben (Mitte: Yvonne Haubenreißer). 


In den rund 450 Wiener Schulen werden im laufenden Schuljahr 264.000 Kinder und Jugendliche unterrichtet und betreut. Für die medizinische Versorgung stehen nicht nur Schulärztinnen und -ärzte zur Verfügung, sondern seit 2022 auch speziell geschulte Pflegekräfte, auch School Nurses genannt. „Das Ziel ist die bestmögliche Betreuung der Schülerinnen und Schüler durch multiprofessionelle Zusammenarbeit“, sagt Mag. Karin Klenk, die Verantwortliche in der Wiener Magistratsabteilung 15, Gesundheitsdienst, im Gespräch mit der Ärzte Woche .

Das Pilotprojekt mit den ersten vier School Nurses startete 2022 an zunächst vier Schulstandorten mit insgesamt 1.600 Kindern. Die anhand von Kriterien wie Schülerzahl oder vorhandenen chronischen Erkrankungen ausgewählten Einrichtungen umfassten eine Volksschule, zwei Neue Mittelschulen, einen Bildungscampus mit Volksschule und Kindergarten sowie ein sonderpädagogisches Zentrum.

Die School Nurses führten, ergänzend zu den vorhandenen Schulärztinnen und -ärzten, die Akutversorgung durch, begleiteten chronisch kranke Kinder und setzten – gemäß den Projektvorgaben – Präventionsmaßnahmen. Alle Aktivitäten wurden mit einem eigens entwickelten Dokumentations-Tool aufgezeichnet. Nach Ablauf der Pilotphase 2024 evaluierte das Zentrum für Public Health der MedUni Wien unter Leitung von Prof. Dr. Hans-Peter Hutter das Projekt, das daraufhin im Herbst 2025 erweitert wurde.

Internationale Vorbilder

„In anderen europäischen Ländern sind School Nurses längst Usus“, sagt Klenk. „Wir haben im Rahmen der Vorbereitung verschiedene Modelle aus Finnland, Polen, Großbritannien, Dänemark oder Deutschland analysiert und die Erkenntnisse in die Planung einbezogen.“ Während School Nurses anderswo dem Bildungssystem zugeordnet seien, wurden sie in Wien bewusst im Gesundheitssystem verankert: „Das ermöglicht ihnen, unabhängig von Pädagogen und Direktoren zu arbeiten und echte Vertrauenspersonen zu sein.“

Eine der ersten School Nurses war Franziska Rumpf, MSc. Nach Jahren im Spital stieß die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin mit Spezialisierung auf Kinder 2022 zum Projekt und betreute in Vollzeit zwei Schulstandorte: die Neue Mittelschule Bendagasse und das Sonderpädagogische Zentrum Kanitzgasse. „In der Mittelschule war die Schulärztin damals einmal pro Woche für wenige Stunden präsent, im sonderpädagogischen Zentrum nur alle zwei bis drei Wochen, weil sie insgesamt 12 Standorte betreute“, schildert Rumpf die Ausgangslage.

Als School Nurse versorgte die erfahrene Pflegerin und Psychotherapeutin kleinere Verletzungen, schätzte Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen ein und entschied über das weitere Vorgehen. Zudem betreute sie Kinder mit chronischen Erkrankungen: „Vor allem waren das Asthma, Epilepsie und neurologische Erkrankungen, aber auch Adipositas und Diabetes, woran immer mehr junge Menschen leiden.“ Immer wieder wurde Rumpf auch bei psychosozialen Problemen hinzugezogen – von Schulangst über Mobbing bis zu Gewaltausbrüchen: „Multiprofessionelle Zusammenarbeit ist besonders in diesem Bereich essenziell. Ich habe deshalb nicht nur mit den Schulärzten, sondern auch mit Pädagogen, Psychologen, Sozialarbeitern oder Jugendchoaches kooperiert.“

Schwerpunkt auf Prävention

Großen Raum im Projekt nehmen Gesundheitsbildung und Prävention ein. Dazu gehören die niederschwellige Beratung von Schülerinnen und Schülern, Klassenworkshops über Körper, Gefühle oder chronische Erkrankungen sowie Schulungen von Pädagogen und Eltern. „Die Arbeit in der Schule erfordert Flexibilität, Kreativität und Lernbereitschaft“, fasst Rumpf die Anforderungen zusammen. Der größte Unterschied und die größte Herausforderung im Vergleich zum Spital sei das selbstständige und alleinverantwortliche Arbeiten: „Wenn der Schularzt nicht erreichbar ist, gibt es keine weitere Fachkraft vor Ort. Spontane Rückfragen sind nicht möglich.“

Als School Nurse habe man dafür mehr Gestaltungsspielraum und erfahre große Wertschätzung, sagt Rumpf. „Auch wenn es kitschig klingt, habe ich nie so viel Dankbarkeit erlebt wie in der Schule.“ Als School Nurse könne man eine vertrauensvolle Beziehung zu Schülern, aber auch zu Pädagogen aufbauen, wenn man aktiv auf sie zugehe: „Meine Tür war immer offen.“ Manchmal seien es Schüler, die mit Fragen kämen, die sie weder Eltern noch Lehrern stellen wollten, manchmal die Pädagogen selbst. „Lehrkräfte sind oft hohem Stress ausgesetzt, viele haben Erschöpfungszustände, chronische Schmerzen oder suchen aus anderen Gründen das Gespräch.“

Anfänglich habe es seitens der Lehrer, Eltern und Schulärzte durchaus Skepsis gegeben, sagt Rumpf. „Lehrer befürchteten, dass ich mich in pädagogische Belange einmische, Ärzte sorgten sich, ersetzt zu werden.“ Doch diese Bedenken zerstreuten sich schnell – auch in den anderen Schulen. „Die Schulärzte haben den Mehrwert rasch erkannt, weil sie sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können“, bestätigt Klenk. „Impfaktionen oder Reihenuntersuchungen laufen z. B. deutlich effizienter ab, wenn die School Nurse vorbereitende Tätigkeiten übernimmt.“ Die Ärzte schätzten es auch, dass es mit der Nurse eine weitere Fachkraft gibt, die die Schule kenne und mit der sie sich beraten könnten.

Motiv: Springer Medizin (Generiert mit KI)

„Entlastung für Lehrer und Eltern“

Eine positive Bilanz zieht auch die MedUni Wien in ihrem Endbericht zum Projekt, der im September 2024 veröffentlicht wurde und auf rund 1.400 Befragungen von Kindern, Eltern und Pädagogen vor und nach der Pilotphase basiert.

Laut der Erhebung waren alle Beteiligten mit der Arbeit der School Nurses weitgehend zufrieden, die Schulgesundheit wurde als verbessert wahrgenommen. Mehr als drei Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen gaben an, Kontakt zur School Nurse gehabt zu haben, 95 Prozent davon würden wieder zu ihr gehen. Besonders hervorgehoben wurden Hilfsbereitschaft, Sozialkompetenz und Einfühlungsvermögen. „School Nurses sind eine große Entlastung für Pädagogen, weil erkrankte Kinder professionell betreut werden, und auch für Eltern, weil sie seltener wegen kleiner Beschwerden zur Schule kommen müssen“, fasst Klenk die Erfahrungen zusammen. „Ich schließe mich Prof. Hutters Einschätzung an, der von einer Win-win-win-Situation für alle Beteiligten gesprochen hat.“

Schrittweise Erweiterung

„Bis Sommer 2026 sollen insgesamt 40 neue School Nurses den Dienst antreten“, gibt Franziska Rumpf, die mittlerweile als Teamleiterin in der MA 15 die Ausbildung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verantwortet, einen Ausblick. Die Ausrollung des Projekts erfolge dabei schrittweise, um die Qualität zu sichern.

Sowohl Rumpf als auch Klenk erkennen im Beruf der School Nurse eine Möglichkeit, die Gesundheit von Kindern und das Gesundheitssystem zu stärken. „School Nursing bietet Pflegepersonen neue Perspektiven und hilft, sie im Gesundheitssystem zu halten“, führt Klenk aus. Darüber hinaus sei die Tätigkeit wegen familienfreundlicher, geregelter Arbeitszeiten ohne Nacht-, Wochenend- oder Feiertagsdienste attraktiv. „Als School Nurse kann man Prävention leben“, sagt Rumpf: „Ich habe noch nie so viel beraten und aufgeklärt wie in dieser Rolle –, die wirklich schön ist.“

Infos zum Projekt finden Sie online unter

www.wien.gv.at/gesundheit/school-nurses



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