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07.06.2021 | Prävention und Gesundheitsförderung

Eine Kur für Kerngesunde

Autor:
Alexandra Keller

Sie stehen voll im Berufsleben, sind fit und wollen, dass es so bleibt? Dann gehen Sie doch in den Krankenstand! Denn nun gibt es eine Kur für all jene, die an einer Optimierung ihres Lebensstils interessiert sind.

Im Herbst 2021 öffnet mit dem neuen Gesundheitszentrum der BVAEB (Anm.: Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter, Eisenbahnen und Bergbau) ein Resilienz-Pionier seine Tore. Stationäre Gesundheitsförderung – drei Wochen lang, aufgeteilt auf zwei Basiswochen und eine Folgewoche auf Kosten der Sozialversicherung – das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Dass sich dieses Angebot an gesunde Menschen richtet, ist neu für Österreich. Plus: „Unser Konzept ist wissenschaftlich gut abgesichert.“ Das sagt Prof. Dr. Thomas Dorner, Ärztlicher Leiter des Hauses. „Zu sehen, wie es wächst, ist spannend, richtig cool.“

Die emotionale Aussage erstaunt nur im ersten Moment. Dorner ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Public Health (ÖGPH), Professor am Zentrum für Public Health der Medizinischen Universität Wien – und Chef eines in Fertigstellung begriffenen Gesundheitszentrums „Wir sind in einem Containerdorf und können die Baustelle beobachten. Anfang Mai kam das Gerüst weg, die Fassade ist fertig. Das macht schon was her“, sagt er.

Das 120-Betten-Haus, von dem der Public Health-Experte spricht, bekommt gerade seinen letzten Schliff – in der niederösterreichischen Gemeinde Sitzenberg-Reidling nahe Zwentendorf an der Donau. Im Herbst 2021 wird das Gesundheitszentrum eröffnet. Die Versicherungsanstalt setzt damit nicht nur ein architektonisches Zeichen.

„Mit dem Gesundheitszentrum in Sitzenberg leistet die BVAEB einen wesentlichen Beitrag zu einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung in Österreich“, weckte BVAEB-Generaldirektor Dr. Gerhard Vogel schon bei einer Veranstaltung im vergangenen April hohe Erwartungen. Es ist die zehnte eigene Einrichtung, die sich aber von den anderen BVAEB-Häusern genauso unterscheidet wie von den Einrichtungen anderer heimischer Versicherungsanstalten. „Unser Schwerpunkt liegt auf stationärer Gesundheitsförderung für Personen im erwerbsfähigen Alter. Es geht wirklich um Prävention, wirklich um Gesundheitsförderung. Wir sprechen mit unserem Angebot dezidiert gesunde Menschen an oder Menschen, die Risikofaktoren für die Entwicklung von Krankheiten haben. Es können auch Menschen kommen, die schon Krankheiten haben, sich gut auskennen im Selbstmanagement mit der Krankheit und von der Gesundheitsförderung profitieren wollen. Aber bei uns steht nicht die Krankheit im Mittelpunkt, sondern die Optimierung des individuellen Gesundheitsverhaltens und des Lebensstils“, zieht Dorner eine Grenze zu den stationären Aufenthalten in traditionellen Kur- oder Rehabilitationseinrichtungen. Mit diesen teilt das neue Zentrum lediglich das Antragsformular. „Weil die Menschen, die wir ansprechen, gesund sind und etwas für ihre Gesundheit tun, ist es ein bissl ein Wermutstropfen, dass sie dafür in den Krankenstand gehen. Auf der anderen Seite ist es großartig, weil die Sozialversicherung damit ihre Verantwortung in der Gesundheitsförderung und Prävention wahrnimmt“, sagt Dorner.

Es ist kein kleiner Schritt, den er da beschreibt, selbst wenn Takt und Richtung längst vorgegeben wurden. Der Abschied von der Krankheit als Deutungshoheit für Gesundheit fand schon vor 75 Jahren statt. Aus dem Jahr 1946 stammt die berühmte Gesundheitsdefinition der Weltgesundheitsorganisation WHO, laut der Gesundheit als „Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“ und nicht allein durch „das Fehlen von Krankheit und Gebrechen“ definiert wird.

Hausverstand trifft Evidenz

Diesem Meilenstein folgte ein Dominoeffekt, der 1986 zu der Ottawa-Charta führte. Gesundheitsförderung wurde darin ihren vielschichtigen Facetten entsprechend breit „aufgestellt“, und dieser Zugang fand sukzessive Einzug in die nationalen Politik-Pläne. Untermauert nicht nur durch den Hausverstand, der zum Verständnis der Prozesse durchaus Anwendung finden darf, sondern durch Evidenz. Durch einen wissenschaftlichen Unterbau also, geliefert von den Mitarbeitern der Disziplin „Public Health“.

Mit Public Health wird das gemeinsame Handeln für eine nachhaltige Verbesserung der Gesundheit der gesamten Bevölkerung bezeichnet, und der zunehmend die einzelnen Politikfelder durchdringende Begriff befeuerte die Weiterentwicklung. Mit den 2012 beschlossenen Rahmen-Gesundheitsrichtlinien, genannt „Gesundheitsziele Österreich“, folgte man den Empfehlungen der WHO zur Entwicklung von zukunftsweisenden Konzepten für eine gesunde Bevölkerung. Seither ist es erklärtes Ziel, im Sinne von „Health in all Policies“, die Gesundheit aller in Österreich lebenden Menschen zu verbessern – unabhängig von Bildungsstatus, Einkommen oder Lebensumständen.

Im türkis-grünen Regierungsprogramm aus dem Vorjahr heißt es: „Im Rahmen der Gesundheitsförderung bekennen wir uns unter anderem zu einer Stärkung der präventiven Maßnahmen durch eine österreichweite Präventionsstrategie, damit die persönliche Gesundheit verbessert wird. Neben finanziellen und sachlichen Anreizen für die Teilnahme an Präventionsprogrammen soll die Prävention auch in Schulen und Betrieben gestärkt werden. Durch ein Anreizsystem von Präventionsprogrammen sollen allen Österreichern mehr gesunde Jahre ermöglicht werden.“

„Mehr gesunde Jahre ermöglichen“ ist ein Schlüsselsatz Wie sehr sich Gesundheitsförderung und Prävention in Zahlen niederschlägt, zeigt die Mitte November 2020 veröffentlichte Erhebung der Gesundheit Österreich GmbH. Demnach sind die Ausgaben der öffentlichen Hand für Gesundheitsförderung und Prävention zwischen den Jahren 2012 und 2016 um 428,6 Millionen Euro gestiegen, was einen Zuwachs von 21,3 Prozent bedeutet. Die öffentlichen Gesundheitsausgaben in Österreich sind im Vergleichszeitraum um 12,6 Prozent gewachsen. Allein im Jahr 2016 gaben Bund, Länder, Städte, Gemeinden und Sozialversicherung insgesamt 2.441,3 Millionen Euro für Gesundheitsförderung und Prävention aus, was 8,9 Prozent der gesamten öffentlichen Gesundheitsausgaben bedeutet oder gut 280 Euro pro Kopf.

Direkt proportional zu Gesundheitsförderung und Prävention ist auch der Stellenwert der Sozial- und Präventivmedizin gestiegen. Die Biografie Thomas Dorners – er ist Jahrgang 1975 – erzählt davon. „Ich habe gleichzeitig das Studium der Medizin und der Psychologie begonnen – nicht so sehr mit der Vorstellung, Menschen heilen zu wollen, sondern weil mich die Menschen interessiert haben“, sagt er.

Im dritten Studienabschnitt entdeckte Dorner sein Interesse an Public Health: „Da ist es darum gegangen, was den Menschen weiterbringt und wie man ihn unterstützen kann, um persönliche Ziele zu erreichen, oder welche Maßnahmen in der Gesellschaft gesetzt werden können, um die Gesundheit der Menschen optimal zu steigern. Das habe ich großartig gefunden.“

Ein Haus wie ein Maßanzug

Dorner weiter: „Vor zwei Jahren wurde ich von der BVAEB kontaktiert. Sie suchten einen Ärztlichen Leiter für das Gesundheitszentrum. Erst sagte ich, das interessiert mich nicht. Je mehr sie mir aber von dem Konzept erzählt haben, umso mehr hatte ich das Gefühl, dass sie ein Haus bauen, das auf mich zugeschnitten ist.“

Dorner kann seine Begeisterung kaum zügeln. Warum sollte er auch? Wurde ihm bei der inhaltlichen Konzeption des Bauvorhabens doch freie Hand gelassen. Außerdem wird den Versicherten dort ein wissenschaftlich untermauerter und entsprechend begleiteter stationärer Aufenthalt ermöglicht, um Krankheiten zu vermeiden, das individuelle Gesundheitsverhalten zu verbessern und das Beste aus dem eigenen Gesundheitsressourcen-Pool heraus zu holen. „Der Auslöser dafür kann vom Versicherten selbst kommen, dem Arzt oder dem Arbeitgeber“, erklärt der Ärztliche Leiter.

Welche „Trigger“ bei den Teilnehmern ausschlaggebend sein werden, kann er noch nicht sagen, wohl aber, was sie in der Gesundheitseinrichtung erwartet: „Wir ermuntern die Menschen dazu, sich intensiv damit zu beschäftigen, wie mit Optimierung und Veränderung der individuellen Lebensziele dazu beigetragen werden kann, mehr Gesundheit zu erreichen. Wissenschaftlich gut abgesichert die Gesundheit zu erhöhen. Darum geht es hier.“

Das Bewusstsein der Teilnehmer wird schon vor dem „Antritt“ geschärft. Mit einem Fragebogen werden verschiedene Parameter erhoben, um dazu zu motivieren, sich Gedanken darüber zu machen, was beim Aufenthalt erreicht werden soll. Und um genügend Informationen zu bekommen, damit die Teilnehmer bezüglich der körperlichen Voraussetzungen und der persönlichen Ziele in möglichst homogene Gruppen eingeteilt werden können. „Wir bestellen 40 Personen gleichzeitig an einem Aufnahmetag und haben für sie zwei Tage Zeit für eine umfangreiche, individuelle Diagnostik“, erklärt Experte Dorner. Auf Basis dieser Diagnose werden zehnköpfige Gruppen gebildet, die verschiedene Curricula verfolgen, um letztlich Gesundheitsressourcen zu erschließen und sie zu aktivieren.

Bewegungsförderung, Ernährungsoptimierung, Stressbewältigung, Erhöhung der mentalen Gesundheit, Sozialkapitalerhöhung und Gesundheitskompetenzsteigerung sind die fünf Maßnahmenbereiche beziehungsweise Säulen jedes stationären Aufenthaltes, wobei die Trainings und Workshops des Kernmoduls um individuelle Wahlmodule ergänzt werden können.

Das Haus bietet Turnhalle, Motorikpark und Schwimmbecken. In Summe umfasst der Aufenthalt drei Wochen, wobei zwischen dem zweiwöchigen Basisaufenthalt und der Folgewoche drei Monate liegen. „Den Lebensstil zu ändern, geht nicht in einer Woche oder drei. Das ist ein Prozess, der sich über viele Monate hinzieht oder sogar über Jahre erstreckt“, so Dorner. In den drei Monaten zwischen den stationären Aufenthalten werden die Teilnehmer von Mitarbeitern des Hauses kontaktiert, begleitet und betreut. Und auch nach der Folgewoche ist es nicht vorbei. Dorner: „Am Ende der Folgewoche geht es darum, wie es weiter geht und wo sich die Teilnehmer weitere Unterstützung zur Umsetzung ihrer Ziele holen können. Das können Angebote innerhalb der BVAEB sein, der Sportverein oder der Kirchenchor.“

Im Karl-Landsteiner-Institut für Gesundheitsförderungsforschung werden der stationäre Aufenthalt wie auch die Grundlagen in der Gesundheitsförderung wissenschaftliche begleitet. „Wir möchten uns als das Zentrum für Gesundheitsförderungsforschung etablieren“, sagt Dorner. Seit 1. Mai 2021 können Anträge gestellt werden, im Herbst 2021 geht es los, und der Ärztliche Leiter sitzt auf Nadeln. Logisch.

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