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Ärzte Woche

29.11.2021

Poppiger Beton

verfasst von: Katja Uccusic-Indra

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Die in Wien lebende Maruša Sagadin ist ein Rising Star in der Bildhauerszene. Die Werke der gebürtigen Slowenin werden auf der ganzen Welt gezeigt – und benutzt. Das ist übrigens ganz im Sinne der Erfinderin, die in Graz Architektur studiert hat.

Im geräumigen Atelier der Bildhauerin Maruša Sagadin im 15. Bezirk herrscht eine penible Ordnung. Die drei Zimmer – Arbeitsraum, Büro und Werkstatt – sind hell und freundlich, obwohl sie im Erdgeschoß liegen. Die Fenster zur Straßenseite sind mit weißem Packpapier abgeklebt. Im Innenhof, der vor allem im Sommer genutzt wird, wächst ein Kirschbaum in einem Blumenbeet.

Es ist Ende November, aber trotzdem ist es warm im Atelier. „Die Räume wurden immer genutzt, zuletzt als Gebetsraum eines muslimischen Vereins. Das Bodenwaschbecken im Bad diente zum Füßewaschen“, sagt Sagadin bei Tee und gesunden Snacks. Gereicht werden Mandeln und Dörrzwetschgen. Es gibt sogar eine Fußbodenheizung.

Eigentlich hat die Künstlerin ein Loft mit Industriecharakter gesucht, doch ihr Partner Hannes Heel hat sie überzeugt, hier einzuziehen, weil die Bausubstanz so gut war. Das kann die gebürtige Slowenin selbst beurteilen, hat sie doch vor ihrem Kunststudium an der Wiener Akademie bei Monica Bonvicini in Graz Architektur studiert. Vor drei Jahren, zwei Wochen vor der Geburt ihrer Tochter, ist sie eingezogen.

Sagadin ist beschäftigt, sie hat gerade einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb zur Gestaltung eines Innenbereichs für ein Pflegezentrum in Korneuburg gewonnen. Für solche großen Projekte baut sie selbst Modelle und wird in Statik-Fragen von Architektin Monika Trimmel beraten – auch bei der Gestaltung eines Denkmals in Göpfritz an der Wild, für das sie eine Art Stiege aus rotem und orangem Beton entworfen hat, auf welcher die für ihre Formensprache typische „Cap“, ein Stiefel und ein Wasserschlauch in Form einer Schnecke zu sehen sind.

Girls & Boys!

Eine von Sagadins bekanntesten Arbeiten ist die Skulptur „B-Girls, Go!“, die aus einer überdimensionalen rosa Baseballkappe aus Metall mit einer lila Holz-Plattform darunter besteht. Man kann unter ihr Schutz suchen oder sie als Bühne benutzen, wie es die Wiener Rapperin Dacid Go8lin tat. Die „Cap“ war ein Jahr in Favoriten ausgestellt, jetzt hat sie einen würdigen Platz im Skulpturengarten des Belvedere 21 gefunden.

Mit „B-Boys“ sind Breakdancer im Stadtraum gemeint: Sagadins Kopfbedeckung steht für die mangelnde Repräsentation von Frauen in der Street Culture. „Ich möchte junge Frauen ermutigen, im öffentlichen Raum präsent zu sein“, so die Bildhauerin, die ihre Kunst auch als feministisch bezeichnet. Das Motiv der Kappe zieht sich durch ihre Arbeiten. Bereits vor einigen Jahren formte sie eine kleinere Version aus grünem Pappmaché.

Im Shop des Belvederes kann man demnächst eine tragbare Version der rosa Mütze, gefertigt von der traditionsreichen Wiener Hutmanufaktur Mühlbauer, erstehen.

Beton zählt zu den Lieblingsmaterialien der Künstlerin. Sie zeigt auf ein dreidimensionales Bild an der Wand des Atelierraumes, auf dem ein oranger und ein rosa Turnschuh in Beton eingegossen sind. „Bei diesem Werk habe ich den Beton rundherum gelb eingefärbt“, erklärt die 43-Jährige. Dazu wurden die Converse gescannt und eine Negativ-Form mit dem 3 D-Drucker gedruckt. Daneben hängt eine Arbeit, die aus einer türkisen Styroporplatte besteht, in die eine zarte geometrische Form aus Beton eingearbeitet ist. Ein Eichenholzrahmen gibt dem Ganzen einen perfekten Umriss.

Spannend bei Sagadins Arbeiten ist der Materialmix. Holz kommt sowohl im Innen- als auch im Außenbereich zum Einsatz. Die Bildhauerin zeigt auf ein langes Stück unbehandelte Fichte, das in der Werkstatt liegt und bald zu einem Kunstwerk wird.

„Bevor ich es mit Lack überziehe, wird es noch von einem Tischler zugeschnitten und geglättet“, berichtet sie. Partner Hannes Heel hilft beim Entwerfen und Herstellen der Werke, die perfekt geordnet in selbst gebauten Transportkisten in einem zum Atelier gehörenden Raum lagern.

A Happy Hippie

So ein Materialmix ist auch die Herz-Bar, die Sagadin 2018 für die Wiener Secession entworfen hat. Bestehend aus Holz- und Betonteilen, bot sie heuer im September den idealen Rahmen, um die neue Monografie der Künstlerin „A Happy Hippie“ zu präsentieren. Die Arbeit ist eine würdige Nachfolgerin von Adolf Krischanitz‘ Bar, die zuvor in diesem Raum war – und wirkt wie ein Best of Sagadins mit ihren organischen Formen und harmonischen Farbtönen: Einen Teil der Bar bildet ein hellblaues Herz auf einer lila Tischplatte, das in eine Betonsäule eingegliedert ist, darunter hängt ein weißer Kübel. Der zweite Teil besteht aus einem Arm aus Eichenholz, umgeben von einem Turm aus gelben Formen, die an blonde Perücken erinnern. Auch der Raum ist miteinbezogen: Auf einer Seite Sichtbeton, die andere Wand ist mit gelb, rosa, blau und rot bemalten Postern beklebt.

Doris in „Space“

Ihre Ausbildung als Architektin spielt immer wieder in ihre Arbeiten hinein. „Für mich ist der soziale Aspekt der Architektur wichtig: Wer baut, für wen und wo?“, sagt Maruša Sagadin.

Für ihr Objekt „Doris“ kippte sie eine dorische Säule, um diese als Sitzbank benutzbar zu machen. Was auch passierte: Als die Skulptur vor fünf Jahren vor dem Kunstzentrum Space in London ausgestellt war, wurde sie von Leuten, die auf den Bus warteten, genutzt.

In Graz wurde sie 2018 als Tribüne für eine Sound-Performance der Künstlerin Juliana Lindenhofer, die auch ein von Sagadin entworfenes Paar Schuhe trug, verwendet. Die sechs Meter lange Skulptur ist lila lackiert, auf ihr befinden sich ein großer blauer Beton-Lippenstift, zwei Schuhe aus demselben Material und eine überdimensionale Halskette, deren Anhänger wie ein doppeltes P aussieht. Schaut man genau, kann man das Wort „Iconic“, geschrieben im Street-Art-Stil, in der Sitzfläche erkennen – und darauf Platz nehmen.

Ljubljana – L.A. – Ljubljana

2010 war sie als MAK-Schindler-Stipendiatin in Los Angeles. Das begehrte Stipendium ermöglicht aufstrebenden jungen Künstlern einen Aufenthalt in den Mackey-Apartments des bekannten austro-amerikanischen Architekten Rudolph M. Schindler in der kalifornischen Metropole. „Die Verbindung von Kunst und Architektur wird dort stark gefördert“, erklärt Sagadin.

Nach erfolgreichen Ausstellungen in London, New York, Vilnius, Tallin, Hamburg und Mexiko City bereitet die Bildhauerin gerade eine große Einzelausstellung in ihrer Geburtsstadt Ljubljana vor, die dort ab März 2022 in der Cukrarna Gallery zu sehen sein wird. Maruša Sagadins Wiener Galeristin Christine König zeigte gerade einige ihrer Werke auf der Art Cologne in Köln. Neben zahlreichen heimischen und internationalen Sammlungen hängen ihre poppigen Arbeiten auch im Bundeskanzleramt.


Metadaten
Titel
Poppiger Beton
Publikationsdatum
29.11.2021
Zeitung
Ärzte Woche
Ausgabe 48/2021