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Polypharmazie im Alter

  • Open Access
  • 21.08.2025
  • Urologie im Alter
Erschienen in:

Zusammenfassung

Das zunehmende Lebensalter führt oft zu einer Multimorbidität, die eine Polypharmazie (definiert als die regelmässige Einnahme von 5 oder mehr Medikamenten im selben Individuum) begünstigt. Eine inadäquate Polypharmazie erhöht das Risiko für Nebenwirkungen, Verschreibungskaskaden, Krankenhausaufenthalte, erhöhte Gesundheitskosten und potenziell inadäquate Medikation (PIM). Bei Letzterer gelten besonders die anticholinergen Substanzen als problematisch, da sie das Risiko für Demenz, Delirium und Stürze steigern. Paradoxerweise kann die Polypharmazie auch zu einer Unterversorgung bei Betagten führen, z. B. bei Schmerz oder Depression. Wechselwirkungen zwischen Medikamenten sowie altersbedingte Veränderungen der Pharmakokinetik und -dynamik erfordern eine individuelle Dosisanpassung. Zur Vermeidung von PIM und Reduktion der Pillenlast kommen Arzneimittellisten und „deprescribing tools“ zum Einsatz.
Der Beitrag bietet eine Übersicht über die Epidemiologie, begünstigende Faktoren, Wechselwirkungen, Risiken und Strategien zum Umgang mit Polypharmazie.
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Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Definition und Epidemiologie

Durch den demografischen Wandel begegnen wir zunehmend älteren und multimorbiden Menschen im klinischen Alltag. Die Multimorbidität bezeichnet das gleichzeitige Vorliegen von 2 oder mehr chronischen Erkrankungen beim selben Individuum [1]. Inzwischen beträgt der Anteil multimorbider Hausarztpatienten 25,5 % in der Altersgruppe von 41–60 Jahre, 51,9 % in der Altersgruppe von 61–80 Jahre und 67,3 % bei den über 80-Jährigen [2]. Die konsequente leitliniengerechte Behandlung dieser Erkrankungen führt häufig zu einer Polypharmazie. Die genaue Definition von Polypharmazie unterscheidet sich je nach Literatur. Die am häufigsten verwendete Definition bezieht sich auf die dauerhafte Einnahme von 5 oder mehr Wirkstoffen im selben Individuum, inklusive rezeptfreier und pflanzlicher (sog. Over-The-Counter-, kurz OCT-Präparate) Präparate [35]. In der Schweiz sind 6 % der Bevölkerung von der Polypharmazie betroffen, bei den über 65-Jährigen liegt der Anteil bei 50,4 % und bei Menschen in Alters- und Pflegeheimen sogar bei 85,5 % [4]. In Deutschland liegt der Anteil der von Polypharmazie Betroffenen bei den über 65-Jährigen bei 42 % [5]. Weltweit ist die Prävalenz der Polypharmazie weiter steigend [6].

Begünstigende Faktoren der Polypharmazie

Diverse Faktoren begünstigen eine Polypharmazie:
  • Leitliniengerechte Therapie bei Multimorbidität: Verordnung von einem oder mehr Medikamenten pro Erkrankung [2]
  • Konsultation verschiedener Spezialisten: mehrere Medikamentenverordnungen, die teilweise nicht aufeinander abgestimmt sind
    Es besteht die Gefahr der Überversorgung, falls die Behandlungen nicht durch den Grundversorger koordiniert und der Informationsaustausch unter den beteiligten Fachärzten gewährleistet ist [2, 7].
  • Verordnungskaskaden: Nebenwirkungen eines Medikamentes werden als neue Symptome bzw. Diagnosen verkannt und führen zur Verordnung von weiteren Medikamenten, wie in Abb. 1 dargestellt [7, 8]
  • Fortführung zeitlich begrenzter Therapien nach Besserung des Zustandes: z. B. Analgetika nach Operationen oder Protonenpumpeninhibitoren [7]
  • Kurze Hospitalisierungsdauer: Wirkung und Nebenwirkungen neu eingesetzter Medikamente können nicht konklusiv beurteilt werden. Ohne ärztliche Nachkontrolle werden diese Therapien oft auch bei ungünstigem Nutzen-Risiko-Profil fortgesetzt. Teilweise werden auch Medikamentenempfehlungen aus dem stationären Setting zu wenig kritisch hinterfragt [7].
  • Fortschreiten von chronischen Erkrankungen: bedingt den Einsatz einer neuen medikamentösen Therapie, wobei die bestehende Behandlung häufig parallel fortgeführt wird (z. B. Wechsel von Inhalationstherapien bei chronisch-obstruktiven Lungenerkrankungen, [7])
  • Veränderung der Risikokonstellation: Gewisse Medikamente (z. B. Statine oder orale Antidiabetika) verlieren nach einer Gewichtsabnahme oder erfolgreichem Rauchstopp ihre Indikation, werden jedoch häufig weitergeführt [7].
  • Einsatz von OTC-Präparaten: Rezeptfreie Medikamente wie Analgetika, Laxanzien, Vitamine, Mineralstoffe und Ginkgopräparate werden bei älteren Menschen häufig verwendet. Auch diese Präparate können relevante Wechselwirkungen mit verordneten Medikamenten auslösen [8]. So erhöht z. B. die Kombination von Ginkgo und Thrombozytenaggregationshemmern das Blutungsrisiko durch eine verstärkte Hemmung der Plättchenaggregation [9].
Abb. 1
Verordnungskaskade, ein Teufelskreis. (Mod. nach [7, 8])
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Probleme der inadäquaten Polypharmazie

Wechselwirkungsmechanismen der inadäquaten Polypharmazie

Viele Nebenwirkungen von Medikamenten werden durch Drug-Drug- oder Drug-Disease-Interaktionen ausgelöst [3]. Bei den Drug-Drug-Interaktionen wird ein Wirkstoff über einen zweiten, simultan verabreichten Wirkstoff in seiner Absorption, Verteilung, seinem Metabolismus oder seiner Elimination beeinflusst. Die Absorption kann durch pH-Änderungen im Magen, Veränderung der Magenmotilität sowie Bildung unlöslicher Komplexe beeinflusst sein. Das metabolisierende Enzym eines Wirkstoffes kann durch einen zweiten direkt inhibiert oder induziert werden. Durch das Konkurrieren der Wirkstoffe um die gleichen Bindungsstellen an Transportproteinen wie Albumin oder an Transportern in Ausscheidungsorganen können die Verteilung sowie die Elimination beeinträchtigt werden. Auch durch den veränderten pH-Wert der Ausscheidung (z. B. Urin) können die passive Reabsorption von Wirkstoffen und somit deren Eliminationsrate beeinflusst werden. Die genannten Wechselwirkungen können den therapeutischen Effekt verändern und Nebenwirkungen verursachen [10]. Bei den Drug-Disease-Interaktionen können akute oder chronische Erkrankungen mit entzündlicher oder infektiöser Komponente, ausgelöst durch Infektionen, Traumata, Ischämien, aktivierte T‑Zellen oder Toxine, zu einem Anstieg proinflammatorischer Zytokine führen. Diese Zytokine können die Aktivität von Cytochrom-P450-Enzymen (CYP) hemmen und dadurch den Metabolismus und folglich den Effekt von Arzneimitteln beeinträchtigen [11]. Die genannten Wechselwirkungsmechanismen sind in Abb. 2 schematisch dargestellt.
Abb. 2
Schematische Darstellung von Drug-Drug- und Drug-Disease-Interaktion, IL‑1 Interleukin‑1, IL‑6 Interleukin‑6, TNF Tumor-Nekrose-faktor, IF Interferon. (Nach [10, 11])
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Im Alter ist der Organismus verschiedenen Veränderungen unterworfen, welche die Absorption, die Bioverfügbarkeit, die Verteilung, die Verstoffwechselung und die Elimination eines Wirkstoffes betreffen. Diese können zu pharmakokinetischen und -dynamischen Interaktionen führen, welche in Abb. 3 zusammengefasst werden.
Absorption.
Durch Arteriosklerose und verminderten kardialen Output kann es zu einer reduzierten intestinalen Durchblutung kommen. Dies führt zu ischämisch-entzündlichen Prozessen, Zellabbau der Darmschleimhaut, einer verringerten Enzymaktivität und Transportleistung der Enterozyten, was die Wirkstoffaufnahme im Dünndarm beeinträchtigt. Zusätzlich kann eine verminderte Magensäureproduktion als Folge der verminderten Durchblutung die Auflösung fester Arzneiformen erschweren. Der Verlust lokaler Neuronen verzögert zudem die Magenentleerung und gastrointestinale Motilität. Insgesamt können diese Prozesse die Arzneimittelaufnahme und den Wirkungseintritt verringern [12].
Metabolismus.
Bedingt durch den verminderten splanchnischen Blutfluss und apoptotische Prozesse nimmt die Lebermasse ab. Dies geht schliesslich mit einer reduzierten hepatischen Enzymaktivität (vor allem von CYP3A4) und einem abgeschwächten First-Pass-Effekt einher. Arzneimittel werden überwiegend in der Leber metabolisiert und in eine wasserlösliche Form für die renale Ausscheidung überführt. Durch die verminderte metabolische Aktivität resultieren schliesslich eine erhöhte Bioverfügbarkeit und folglich erhöhte Plasmakonzentrationen für Medikamente mit ausgeprägtem First-Pass-Metabolismus (z. B. Betablocker, Opioide), wodurch ihre Wirkung verstärkt ist, und eine entsprechende Dosisanpassung erfordert. Ebenso kann es zu einer geringeren First-Pass-Aktivierung von Pro-Drugs (z. B. ACE-Hemmer, Enalapril) kommen, die dann eine Dosissteigerung zum Auslösen der erwünschten Wirkung benötigen [12].
Verteilung.
Im Alter kommt es zu einer Abnahme der Muskelmasse und des Körperwasseranteils sowie zu einem relativen Anstieg des Körperfettanteils. Hierdurch weisen hydrophile Wirkstoffe (z. B. Lithium, Digoxin) höhere Plasmakonzentrationen auf. Lipophile Wirkstoffe (z. B. Benzodiazepine, Antipsychotika, Opioide) hingegen weisen ein grösseres Verteilungsvolumen und eine verlängerte Halbwertszeit auf. Sie können auch nach dem Absetzen länger im Körper verbleiben und Nebenwirkungen auslösen. Wirkstoffe werden grösstenteils proteingebunden im Körper transportiert. Durch inflammatorische Erkrankungen, Malnutrition und Kachexie ist der Serumalbuminspiegel vermindert. Hieraus resultiert eine grössere ungebundene Wirkstofffraktion, welche pharmakologisch aktiv ist und ungünstige Wechselwirkungen erzeugen kann [12].
Elimination.
Die Ausscheidung von verstoffwechselten Arzneimitteln erfolgt primär über die Nieren. Alterungsprozesse können eine Reduktion der glomerulären Filtrationsrate durch Grössenabnahme der Nieren, verminderte renale Durchblutung und reduzierte Nephronfunktion auslösen. Letzteres wird zusätzlich durch chronische Erkrankungen wie arterielle Hypertonie, Diabetes mellitus und Herzinsuffizienz verstärkt. Durch die Abnahme der renalen Funktion können hydrophile Wirkstoffe akkumulieren und eine Intoxikation begünstigen ([12]).
Abb. 3
Übersicht der pharmakokinetischen und -dynamischen Veränderungen und Interaktionen im Alter. (Nach [12])
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Folgen der Polypharmazie

Durch die Polypharmazie wird die Wahrscheinlichkeit schwerwiegender Nebenwirkungen, ungünstiger Arzneimittelinteraktionen, von Verschreibungskaskaden, erhöhter Hospitalisierungsraten und Gesundheitskosten begünstigt [13]. Etwa 11 % der Notfallzuweisungen bei älteren Menschen sind mit unerwünschten Arzneimittelwirkungen vergesellschaftet, insbesondere mit Antikoagulanzien, Antibiotika und Antidiabetika [14]. Gleichzeitig kann die Polypharmazie die Therapietreue von älteren oder kognitiv beeinträchtigten Patienten reduzieren, da mit zunehmender Pillenlast auch die entsprechenden Therapieschemata (unterschiedliche Einnahmezeiten, Dosierungen, Wechselwirkung zwischen den Medikamenten und diversen Lebensmitteln) komplexer werden. Gemäss Literatur nehmen 50–80 % der Patienten ihre Medikamente nicht wie verordnet ein [13].
Paradoxerweise kann die Polypharmazie auch zu einer Unterversorgung wie z. B. von Schmerzen, Depression und Osteoporose führen. Eine Unterversorgung kann durch ein „underreporting“ von Symptomen aufgrund bagatellisierender Wertung, eingeschränkter Kommunikationsfähigkeit bei Sprachbarriere oder Kognitionsstörung, Angst vor Medikamentenabhängigkeit oder Nebenwirkungen resultieren. Zudem werden bestimmte Erkrankungen im Alter aufgrund atypischer Präsentation (z. B. Schmerzen bei Demenz, Depression im hohen Alter) ärztlich nicht adäquat erkannt oder unterschätzt. Auch ärztliche Zurückhaltung hinsichtlich einer Multimorbidität, bestehender Polypharmazie, eingeschränkter Nierenfunktion oder vermuteter mangelnder Therapieadhärenz kann zu einer therapeutischen Unterversorgung beitragen [15]. Durch zunehmende Polypharmazie ist das Risiko für die Verordnung von potenziell inadäquater Medikation (PIM) deutlich erhöht [16].

Potenziell inadäquate Medikation (PIM)

Als potenziell inadäquate Medikation werden Medikamentengruppen definiert, welche für ältere Menschen ungeeignet sind, ein schlechtes Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen sowie mit einem höheren Risiko für Nebenwirkungen vergesellschaftet sind [16, 17]. Wichtig ist v. a. die Identifikation anticholinerger Medikamente bei kognitiv eingeschränkten Patienten, da diese Substanzen die Kognition und Alltagsfunktionalität negativ beeinflussen sowie das Deliriumsrisiko erhöhen können. Etwa 50 % der geriatrischen Patienten nehmen regelmässig mindestens ein solches Medikament ein. Die Einnahme von mehreren anticholinergen Medikamenten resultiert in einer grösseren anticholinergen Last, was das Risiko für ein Delirium und kognitive Defizite weiter steigert. Pathophysiologisch wird beim Delirium ein medikamentös bedingtes cholinerges Defizit mit einem relativen Überwiegen dopaminerger Aktivität angenommen, wobei Letzteres zur Ausprägung typischer Deliriumssymptome wie Halluzinationen und motorischer Unruhe beitragen kann. Durch die altersbedingt verlängerte Elimination anticholinerger Wirkstoffe und erhöhte Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke können zentrale Nebenwirkungen wie Verwirrtheit, Sedierung, Tremor, Sehstörungen, Stürze und Delirium häufiger auftreten (Abb. 4). Sollte die Umstellung von anticholinergen Präparaten in verträglichere Alternativen nicht möglich sein, ist dringlich eine Dosisreduktion zu evaluieren [14, 18]. In der Urologie werden oft Präparate mit hohem anticholinergem Potenzial wie Tolterodin, Darifenacin, Fesoterodin, Solifenacin, Oxybutynin oder Trospium als Standardtherapie der Harninkontinenz und der überaktiven Blase eingesetzt [19]. Eine langfristige Anwendung anticholinerger Medikamente erhöht laut aktueller Studienlage das Demenzrisiko. Daher sollte der Einsatz muskarinerger Spasmolytika bei kognitiver Beeinträchtigung kritisch evaluiert und möglichst vermieden werden. Eine geeignete Alternative ist Mirabegron, das keinen anticholinergen Effekt aufweist und die Kognition auch bei längerfristiger Einnahme nicht negativ beeinflusst. Sollten die genannten anticholinergen Präparate nicht vermeidbar sein, gelten Darifenacin oder Trospium als bevorzugte Optionen, da sie zumindest langfristig keine zusätzlichen negativen Effekte auf die kognitive Funktion zeigen [18, 20]. Zur Einschätzung der anticholinergen Last existieren Kalkulatoren, wie z. B. der ACB calculator (https://www.acbcalc.com/).
Abb. 4
Nebenwirkungen der anticholinergen Medikation. (Nach [14, 18])
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Management der Polypharmazie

„Shared decision making“

Die leitlinientreue Behandlung der Multimorbidität führt obligat zu einer Polypharmazie. Jedoch ist eine leitliniengerechte Therapie im Alter oft weder zielführend noch praktikabel. Ältere und multimorbide Patienten sind in den klinischen Studien häufig ausgeschlossen, da geriatrische Faktoren wie Kognitionsstörung, „frailty“, Sturzneigung oder geringe Medikamentenadhärenz oft Ausschlusskriterien darstellen [15, 21]. Die Wirk- oder Unwirksamkeit von Arzneimitteln werden daher entweder auf retrospektiven Daten oder auf Daten, die prospektiv bei älteren, aber meist sehr fitten Patienten erhoben wurden, analysiert. Diese Daten repräsentieren aber nicht die komplette geriatrische Population. Bezüglich Therapieempfehlungen bei älteren und multimorbiden Patienten berufen sich die meisten Leitlinien auf Expertenmeinungen. Das Therapiemanagement sollte jedoch individuell nach gemeinsamen Behandlungszielen des Patienten und Arztes angepasst werden. Diese Behandlungsziele sollten vorab mit dem Patienten definiert (d. h. ärztliche und Patientenziele in einen gemeinsamen Konsensus gebracht) und bei Bedarf gewisse Medikamente zur Lebensqualitätsverbesserung priorisiert werden, im Sinne einer „shared decision making“. Geriatrische Syndrome wie Kognitionsstörung, „frailty“ oder Sturzneigung sollten bei der Zielsetzung berücksichtigt und falls nötig durch Assessments erfasst werden [15].

Hilfsmittel zur Vermeidung und Reduktion der Polypharmazie sowie potenziell inadäquater Medikation (PIM)

Da nur limitierte Studiendaten zur Medikamentensicherheit und -wirkung bei älteren Menschen existieren, wurden in den letzten Jahrzehnten Hilfsmittel zur Optimierung der Arzneimitteltherapie bei Betagten in Form von Arzneimittellisten entwickelt. Weltweit existieren über 70 Arzneimittellisten, welche die Eignung von Medikamenten bei Hochbetagten entweder als positiv (empfohlen) oder negativ (zu vermeiden) bewerten. Diese Bewertungen basieren auf vorhandener spärlicher Evidenz und Expertenmeinungen in einem Konsensusverfahren (z. B. Delphi-Verfahren, [22]). Man unterscheidet hierbei 2 Listenansätze:
  • Patientenorientierte Listen („patient-in-focus listing approaches“, PILA):
    • Enthalten neben ungeeigneten (Negativlistung) auch empfohlene Medikamente (Positivlistung)
    • Anwendung erfordert oft ein umfangreiches Wissen zum Patienten (Diagnosen und Schweregrad, Alltagsfunktionalität, Patientenziele)
    • Beispiele: STOPP/START-Listen sowie die FORTA-Liste (Fit fOR The Aged, [22])
  • Arzneimittelorientierte Listen („drug-oriented listing approaches“, DOLA):
    • Auflistung ungeeigneter Medikamente (PIM-Listen)
    • Erfordern keine umfangreiche Patienteninformation, Anwendung bei alleiniger Kenntnis des Patientenalters sowie vollständiger Medikamentenliste möglich
    • Anwendung auch von nichtmedizinischem Personal (z. B. Apothekern) möglich
    • Beispiele: Beers-Liste als ältester Vertreter, PRISCUS-Liste als deutsche Variante. Letztere beinhaltet zusätzliche Hinweise zu Therapiealternativen, Monitoringmassnahmen sowie zu vermeidender Co-Medikation und Komorbidität, falls der Einsatz eines gelisteten Wirkstoffs unvermeidbar ist [16, 22].
Die FORTA-Liste ist ein Medikamentenklassifikationssystem und stuft die Arzneimittel bei Betagten basierend auf evidenzbelegter Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit sowie indikationsbezogen in 4 Kategorien, A–D, ein (Abb. 5). Sie ist evidenzbasiert und alltagsorientiert, d. h. altersabhängige Verträglichkeit und Häufigkeit relativer Kontraindikationen werden auch berücksichtigt. In einer grösseren randomisierten, kontrollierten Studie (VALFORTA) konnte der positive Effekt der FORTA-Liste in Form einer Verbesserung der medikamentösen Therapie, der Alltagsfunktionalität sowie einer Reduktion unerwünschter Wirkungen und Stürze aufgezeigt werden. Jedoch liess sich durch ihre Anwendung keine Reduktion der durchschnittlichen Medikamentenzahl erzielen. Die FORTA-Liste ist auch als App verfügbar [15, 22].
Abb. 5
FORTA-Klassifikationssystem A–D. (Nach [15, 22])
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Zur Reduktion der Medikamentenlast werden verschiedene „DEPRESCRIBING tools“ verwendet. Das „deprescribing“ bezeichnet einen systematischen Prozess zur Identifikation und zum Absetzen von Medikamenten mit ungünstigem Nutzen-Risiko-Profil unter Berücksichtigung von Therapieziel, Funktionalität, Lebenserwartung und Patientenwünschen. Besonders hervorzuheben ist der GPGP(Good Palliative Geriatric Practice)-Algorithmus, der von Garfinkel et al. im Jahr 2007 entwickelt wurde [23]. In Pflegeheimen konnten damit durchschnittlich 3 Medikamente pro Bewohner abgesetzt werden, was sich positiv auf die Mortalität und Lebensqualität auswirkte [16]. Am Institut für Hausarztmedizin der Universität Zürich wurde eine vereinfachte Version des Algorithmus, bestehend aus 4 Fragen, für die Hausarztpraxis entwickelt (Abb. 6). In einer Pilotstudie konnten damit jedes 11. Medikament abgesetzt und weitere 4 % der Medikamente angepasst (z. B. in der Dosis reduziert) werden, ohne vermehrte Nebenwirkungen. Der Zeitaufwand für die Anwendung lag durchschnittlich bei 12 min und war gut in den Praxisalltag integrierbar [24]. Gemäss einer randomisierten kontrollierten Studie war der Effekt des Algorithmus unmittelbar nach seiner Anwendung am stärksten und nahm nach 6 Monaten ab. Daher wird für den Langzeiteffekt eine Wiederholung des GPGP-Algorithmus in Abständen von unter 6 Monaten empfohlen [25].
Abb. 6
Algorithmus der Good Palliative Geriatric Practice (GPGP) zur Überprüfung der Medikation bei hochbetagten/palliativen Patienten. (Mod. nach [23], mit freundl. Genehmigung vom Institut für Hausarztmedizin, Universität Zürich [24])
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Fazit für die Praxis

  • Eine gute Kommunikation mit den Grundversorgern ist entscheidend, um eine Überversorgung und Polypharmazie zu vermeiden.
  • Auch frei verkäufliche Präparate wie Ginkgo können relevante Wechselwirkungen verursachen.
  • Altersbedingte Veränderungen der Pharmakokinetik/-dynamik erfordern oft individuelle Dosisanpassungen von Medikamenten.
  • Anticholinerge Medikamente sollten möglichst vermieden werden, da sie besonders bei kognitiv eingeschränkten Patienten Delir und Stürze fördern. Viele Urologika haben ein anticholinerges Potenzial. Das Mirabegron stellt eine Ausnahme dar.
  • Bei geriatrischen Patienten ist eine leitliniengerechte Therapie oft schwierig, weshalb Therapieziele vorab gemeinsam festgelegt werden sollten.
  • Arzneimittellisten wie die FORTA-Liste unterstützen die Vermeidung von potenziell inadäquater Medikation.
  • Der Good Palliative Geriatric Practice Algorithmus ist ein wirksames Deprescribing-Tool für die Hausarztpraxis, sollte aber alle sechs Monate erneut angewendet werden.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

T. Gürsoy gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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Titel
Polypharmazie im Alter
Verfasst von
Tamer Gürsoy
Publikationsdatum
21.08.2025
Verlag
Springer Vienna
Erschienen in
Urologie in der Praxis / Ausgabe 3/2025
Print ISSN: 2661-8737
Elektronische ISSN: 2661-8745
DOI
https://doi.org/10.1007/s41973-025-00305-4
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