Von Vietnam ins Waldviertel
- 27.02.2026
- Pflege
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Ob die Anwerbung von Fachkräften aus dem Ausland den Personalmangel mildert, ist umstritten. Die „Ärzte Woche“ hat mit einem Experten und einem jordanischen Pfleger nachgefragt, worauf es bei der Rekrutierung und der Integration ankommt.
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Dass es im Gesundheitswesen an Personal mangelt, ist kein Geheimnis. Seit Jahren finden sich Gesundheits- und Krankenpflegekräfte sowie Ärztinnen und Ärzte auf der heimischen Mangelberufsliste –, was bedeutet, dass auf jede offene Stelle weniger als 1,5 Arbeitsuchende kommen. 2026 umfasst diese Liste 64 Berufe: Diplomierte Pflegekräfte rangieren auf Platz zwei, knapp hinter Landmaschinenbauern; Mediziner lagen auf Platz sieben. 2024 rangierten die Gesundheitsberufe noch auf den Rängen 12 und 25.
In der Pflege prognostiziert die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), das nationale Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen, angesichts der demografischen Entwicklung bis 2050 einen zusätzlichen Bedarf von mehr als 70.000 Arbeitskräften. Das entspricht 5.000 bis 6.000 Neueinstellungen pro Jahr. Gleichzeitig sinken die Geburtenraten, wodurch weniger Schulabsolventen und Berufsanfänger zur Verfügung stehen. „Den Personalbedarf in Österreich zu decken, geht sich rechnerisch nicht aus“, fasst Markus Golla, Leiter des Instituts für Pflegewissenschaft am IMC Krems, die Lage zusammen. Auch die GÖG empfiehlt, Fachkräfte im Ausland zu rekrutieren.
Die Konkurrenz ist groß –, denn alle 53 Mitgliedstaaten der europäischen WHO-Region kämpfen mit Personalmangel im Gesundheitswesen. Während Länder wie Frankreich oder Deutschland über nationale Strategien zur Rekrutierung ausgebildeter Fachkräfte im Ausland verfügten, gebe es in Österreich einen „Fleckerlteppich“ an Maßnahmen, sagt Golla: „Jedes Bundesland hat eine eigene Strategie und beauftragt eigene Agenturen.“ (siehe Interview unten)
Wege nach Österreich
Grundsätzlich gibt es mehrere Wege, medizinische Fachkräfte aus EU-Drittländern aktiv nach Österreich zu holen. Der erste ist die Abwerbung fertig ausgebildeten Personals, was sich in den vergangenen Jahren zu einem lukrativen Geschäft entwickelt hat. Dieser Weg ist nicht nur deshalb umstritten, weil viele der Agenturen unseriös arbeiten und die abgeworbenen Fachkräfte im Zielland allein lassen, sondern auch, weil den Herkunftsländern Gesundheitspersonal entzogen wird. Eine „rote Liste“ der WHO soll zumindest jene Staaten schützen, deren Gesundheitssystem durch eine Abwanderung am drastischsten bedroht ist. Auf ihr finden sich größtenteils afrikanische Länder, aber auch Afghanistan, Pakistan oder der Südseestaat Vanuatu.
Ein zweiter Weg setzt auf die Ausbildung der angeworbenen Pflegekräfte in Österreich, nach intensiver sprachlicher und kultureller Vorbereitung in ihrer Heimat. Ein Beispiel dafür ist das niederösterreichische Projekt „Pflegeausbildung Vietnam“ am IMC Krems. Bei ihm werden die Auszubildenden an Partneruniversitäten in den Herkunftsländern auf das Leben in Österreich vorbereitet –, durch Sprachkurse und Einblicke in die österreichische Kultur. Anschließend erfolgt die fachliche Ausbildung nach österreichischen Standards in Krems.
Einen dritten Weg weist das Projekt „Nurses4Vienna“ des Wiener Gesundheitsverbundes (WIGEV) und der Hochschule Campus Wien: Es setzt auf eine gezielte, fachliche Ausbildung an Partneruniversitäten samt Sprachkursen und praxisnaher Vorbereitung auf den Alltag in Österreich. Nach Abschluss erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Hochschule Campus Wien eine weitergehende Ausbildung, werden von Sozialarbeitern bei der Eingewöhnung in Wien begleitet und schrittweise in die Kliniken des WIGEV integriert.
Win-Win-Situation
Bisher wurden für „Nurses4Vienna“ 87 Teilnehmerinnen und Teilnehmer angeworben – über internationale Partneruniversitäten und ohne Vermittlungsagenturen, wie die Verantwortlichen betonen. 19 Absolventen arbeiten bereits als Pflegekraft in Kliniken des Wiener Gesundheitsverbundes, darunter der aus Jordanien stammende Hamza Almitwali (siehe Interview auf S. 5) . 68 weitere Programmteilnehmer befinden sich in Ausbildung an der Hochschule Campus Wien, die nächsten 60 sollen im zweiten Quartal 2026 nach Wien kommen. Bis zum Erreichen des Sprachniveaus B 2 werden Programmabsolventen als Pflegefachassistenten eingestellt, danach als diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen.
In Krems haben vor kurzem die ersten 75 Menschen die „Pflegeausbildung Vietnam“ abgeschlossen und arbeiten jetzt in Krankenhäusern und Pflegeheimen der niederösterreichischen Landesgesundheitsagentur.
Für Projektleiter Markus Golla ist das eine „klare Win-Win-Situation“: Menschen aus Vietnam, einem Land mit einer großen und sehr jungen Bevölkerung, erhalten die Chance auf einen erfüllenden, sicheren Job. Österreich gewinnt hoch motivierte, gut geschulte Pflegekräfte, die auf das Leben und Arbeiten hier vorbereitet sind.
Herausforderungen meistern
Trotz der intensiven Vorbereitung in den Herkunftsländern und der Ausbildung hierzulande bleiben Herausforderungen. Die größte Hürde im Berufsalltag ist die Sprache, wie Almitwali berichtet und auch Golla bestätigt: „Stellen Sie sich vor, Sie lernen in Asien Hochdeutsch und ihre erste Stelle in Österreich ist im Waldviertel.“
Zu Beginn können auch kulturelle Unterschiede zu Problemen führen. Diese lassen sich jedoch durch Vorbereitung und gutes Onboarding meist lösen. „Beiderseitiges Verständnis ist entscheidend“, fügt Golla hinzu. „Die Pflegekraft muss die österreichische Kultur akzeptieren, der Arbeitgeber sollte aber auch offen für die Kultur des Neuankömmlings sein“, sagt er.
„Wir haben es noch nie alleine geschafft“
Prof. (FH) Markus Golla leitet das Institut für Pflegewissenschaften am IMC Krems.
Katrin Schützenauer
Prof. (FH) Markus Golla leitet das Institut für Pflegewissenschaften am IMC Krems. Dort werden seit dem Vorjahr junge Menschen aus Vietnam zu Pflegefachkräften ausgebildet. Im Gespräch mit der „Ärzte Woche“ nennt er strukturelle Hürden und kulturelle Unterschiede im Pflegeverständnis.
Warum brauchen wir ausländische Pflegekräfte?
Markus Golla: Den Personalbedarf in Österreich zu decken, geht sich schon heute rechnerisch nicht aus –, allein wenn man die Zahl der jährlichen Schulabgänger betrachtet. Unterstützung ist dringend nötig – und auch nichts Neues, wenn Sie etwa an die Anwerbung philippinischer Pflegepersonen in den 1980er-Jahren denken. Heute haben fast 50 Prozent aller Pflegekräfte Migrationshintergrund. Wir haben es noch nie alleine geschafft.
Wie rekrutiert man Gesundheitspersonal aus EU-Drittstaaten?
Golla: Es gibt grundsätzlich zwei Modelle: Die Abwerbung fertig ausgebildeter Kräfte durch Agenturen und die Ausbildung in speziellen Programmen, wie die „Pflegeausbildung Vietnam“ am IMC Krems. Leider fehlt Österreich eine einheitliche Rekrutierungsstrategie, wie sie z. B. Deutschland, Frankreich oder Japan haben. Stattdessen gibt es einen Fleckerlteppich an Initiativen. Vorarlberg rekrutiert derzeit fertige Fachkräfte in Vietnam, Steiermark und Kärnten suchen in Kolumbien. Wir bräuchten dringend bundesweite Anstrengungen und Kooperationen auf EU-Ebene.
Was braucht es alles, um bei uns als Pflegekraft arbeiten zu können?
Golla: Es braucht eine Nostrifizierung, also die Anerkennung der ausländischen Ausbildung, und die Eintragung ins Gesundheitsberufsregister. Dafür ist ein bestimmtes Sprachniveau nötig. Ebenso wichtig sind aber informelle bzw. kulturelle Kriterien: Die Person muss unser Verständnis von Pflege teilen. In manchen Ländern übernehmen Pflegekräfte keine Körperpflege oder männliche Pfleger betreuen keine Frauen.
Welche besonderen Herausforderungen stellen sich bei der Zusammenarbeit mit neuem ausländischen Personal?
Golla: Das größte Problem ist die Sprache, selbst wenn die Person ein gewisses Sprach-Niveau erreicht hat. Stellen Sie sich vor, Sie lernen in einem asiatischen Land von einer asiatischen Lehrperson Hochdeutsch – und Ihr erster Arbeitsplatz liegt im Waldviertel ...
Missverständnisse entstehen allerdings auch durch unterschiedliche Arbeitsweisen. In vielen asiatischen Ländern bekommt eine Pflegekraft von ihrem Vorgesetzten konkrete Aufträge und arbeitet diese ab. Bei uns heißt es: Schau mal in den Zimmern nach, ob etwas zu tun ist! Mit solcher Eigeninitiative können Pflegepersonen anfangs überfordert sein, man kann sie aber lernen.
Wie sieht das Projekt „Pflegeausbildung Vietnam“ am IMC Krems konkret aus?
Golla: Die Auszubildenden lernen an unserer Partneruniversität in Vietnam zunächst eineinhalb Jahre Deutsch, wobei ihnen auch die österreichische Kultur vermittelt wird. Danach absolvieren sie in Krems eine Pflegeassistenzausbildung samt Praktika. Alles erfolgt in Zusammenarbeit mit der niederösterreichischen Landesgesundheitsagentur, die sich auch um Fragen des Wohnens oder Essens kümmert. Erklärung: Unsere Studierenden lassen ja alles, was nicht in einen 25-Kilo-Koffer passt, in ihrer Heimat zurück.
Wie geht es nach dem Abschluss weiter?
Golla: Die ersten 75 Menschen haben ihre Ausbildung kürzlich abgeschlossen, alle hatten bereits davor eine Jobzusage der Landesgesundheitsagentur. Eine Verpflichtung, in Österreich zu arbeiten, gibt es aber nicht –, denn das würde für mich an Menschenhandel grenzen. Die Arbeitgeber sollten sich während der Praktika so präsentieren, dass die Absolventen später bei ihnen arbeiten wollen.
Das hat die Landesgesundheitsagentur geschafft. Die meisten Auszubildenden sehen ihre Zukunft im Pflegeheim, denn in Vietnam gelten alte Menschen als besonders wertvoll. Was können wir uns Schöneres wünschen?
Was braucht das heimische Gesundheitssystem außerdem noch, um langfristig genügend Personal zur Verfügung zu haben?
Golla: Ich kenne außer dem Bundesheer nichts Hierarchischeres als Gesundheitseinrichtungen. Weder Pflegekräfte noch junge Medizinerinnen und Mediziner wollen in einem System arbeiten, in dem nur von oben herab Befehle erteilt werden. So eine Vorgangsweise ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen aber auch die österreichische Bevölkerung in die Pflicht nehmen: Viele Patienten erwarten sich den Rundum-Gesundheitsservice, der ihnen zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Verfügung steht. Viele Leute gehen auch wegen Kleinigkeiten in die Spitalsambulanzen.
Angesichts der demografischen Entwicklung sollten wir zudem anstreben, die Menschen bestmöglich durch Prävention gesund zu halten. Leider gibt es dafür derzeit viel zu wenige Mittel.