Pflanzenreichtum auf 3D-Fotos
- 16.01.2026
- Leben
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Wie eine alte Fototechnik Pflanzen in den Mittelpunkt rückt und welche Reichtümer im Herbarium liegen: Die aktuelle Ausstellung „TWO VIEWS ON PLANTS“ lenkt einen neuen Blick auf eine der zehn größten Pflanzen-Sammlungen weltweit. Die Wechselausstellung läuft bis 1. März.
3D-Foto von Fruchtständen einerWaldrebe (Clematis vitalba)
Sebastian Cramer
An einem Herbsttag im Jahr 2016 entstand die Idee für das Projekt TWO VIEWS ON PLANTS: Die kuriosen Fruchtstände einer Waldrebe wirbelten im Wind herum und inspirierten den Fotografen Sebastian Cramer zur näheren Betrachtung. Für Cramer symbolisieren Pflanzen Vergänglichkeit und Fragilität. Besonders faszinierend findet er die zerbrechliche Schönheit von historischen Flüssigpräparaten aus dem 19. Jahrhundert (siehe Titelbild).
In seinen Arbeiten bezieht sich Cramer auf die Stereofotografie, die im 19. Jahrhundert populär war. In der Kunst ist diese Technik fast ausgestorben. In Medizin und Forschung findet die Stereoskopie weiterhin Anwendung, etwa bei der Abbildung von Mikrofossilien in der Geologie. Cramer will zeigen, dass Stereofotografie im weitläufigeren Dialog nach wie vor relevant und aussagekräftig ist.
Der Titel TWO VIEWS bezieht sich auf die 2D- und 3D-Ansicht der Bilder und die Ambition, sie in beiden Formaten ansprechend zu gestalten. Durch die Verwendung einer Slitscan-Kamera kommt in späteren Werken die Auseinandersetzung mit der 4. Dimension, der Zeit, hinzu.
Historische Flüssigpräparate
Historisches Stereo-Foto der Orchidee Traunsteinera globosa von Ferdinand Pfeiffer von Wellheim, das ca. 1900 entstanden ist und im Archiv für Wissenschaftsgeschichte aufbewahrt wird.
NHM Wien
In der Ausstellung werden unter anderem Cramers Fotoserien Alcoplants (2019–2020), Mandalas (2017–2023), Zwischen Maschine und Poesie (2024–2025) und die Videoinstallation Time Passages (2024–2025) gezeigt. Alcoplants umfasst 3D-Fotos historischer Flüssigpräparate von Pflanzenbelegen in Alkohol, wie es sie in vielen wissenschaftlichen Sammlungen gibt – zum Beispiel im Herbarium und anderen Abteilungen des NHM Wien. Wozu Alkohol? Er verhindert Schimmelbildung und ermöglicht die Langzeitaufbewahrung solcher Präparate. Die Präsentation in großen Gläsern wurde im 19. Jahrhundert oft in der Lehre angewandt, da dies im Gegensatz zu „herkömmlichen“ Herbarbelegen die Dreidimensionalität der Pflanze bewahrt und Merkmale zur Artbestimmung anschaulicher sind. Allerdings zerstört der Alkohol die pflanzlichen Farbpigmente und zersetzt die Gewebe leicht. Das verleiht den Präparaten ein waberndes, geisterhaftes Aussehen. Noch heute verwenden wir Alkoholpräparate in der Forschung. Sie erleichtern anatomische und morphologische Studien, werden aber kaum mehr in dieser ansprechenden, historischen Form angelegt.
3D-Blick ins Herbar des NHM Wien
Sebastian Cramer
In der Serie Mandalas beschäftigt sich Cramer mit Symmetrie, Wiederholung und räumlicher Tiefe. Die Motive sind blühende Zweige, Astverzweigungen und organische Muster, die durch Spiegelung und Stereoskopie ein paradoxes Raumgefühl erwecken.
Die Linescan-Fotografien der Serie „Zwischen Maschine und Poesie“ bilden Raum und vor allem den Fluss der Zeit ab. In der industriellen Bildverarbeitung werden bei dieser Technik Objekte hochauflösend erfasst, indem sie sich beispielsweise auf einem Fließband gleichmäßig an einer Kamera vorbeibewegen. Das finale Bild wird Zeile für Zeile zusammengefügt. Cramer konzipiert die Videoinstallation „Time Passages“ als Zentrum und Verbindungsstück zwischen den Fotoserien der Ausstellung. Die Zeit wird nicht in einem Standbild eingefroren, sondern auch hier sichtbar gemacht.
Jede Pflanze erzählt eine Geschichte
3D-Bild eines Flüssigpräparates vom Alpen-Mannstreu (Eryngium alpinum)
Sebastian Cramer
Pflanzen bilden unsere Lebensgrundlage und sind daher das zentrale Thema der Ausstellung. Sie und andere Organismen, die ebenfalls Photosynthese betreiben, können ihre eigene Nahrung produzieren. Sie stellen mithilfe von Sonnenlicht als Energiequelle und dem Farbstoff Chlorophyll Zucker und andere Kohlenhydrate her. Lebewesen, die ihre eigene Nahrung nicht erzeugen können, beziehen die Energie zum Überleben aus den Pflanzen, von denen sie sich ernähren. Selbst reine Fleisch(fr)esser sind auf Pflanzen angewiesen, da ihre Beute Pflanzen konsumiert. Ein weiteres Produkt der Photosynthese ist der Sauerstoff, den wir atmen.
Der positive Einfluss von Pflanzen auf die Psyche ist erwiesen. Es hat sich gezeigt, dass wir uns von Stresssituationen schneller erholen, wenn wir Pflanzen betrachten.
Neben Wohlbefinden, Sauerstoff und Nahrung sind wir auf Pflanzen für Kraftstoffe, Elastomere, Baustoffe, Textilien, Farbstoffe, medizinische Wirkstoffe und andere chemische Verbindungen angewiesen. Der Schlafmohn ist ein ambivalentes Beispiel dafür: Sein milchiger Saft enthält Alkaloide, die die Quelle von Opiaten sind. Diese finden in der Medizin als Schmerz- und Betäubungsmittel Anwendung, sind aber auch die Basis für die Herstellung von illegalen Drogen wie Heroin. Opiate gehen mit schwerer Drogenabhängigkeit einher und der Handel damit finanziert Terrorismus und Kriege. Andererseits wären Operationen und zahnärztliche Behandlungen ohne pharmazeutische Opium-Derivate fast unerträglich. Jedes Pflanzenportrait in der Ausstellung birgt solche Zusammenhänge und Geschichten.
Dieses Wissen ist für unser Überleben also essenziell. Deswegen befasst sich die Botanische Abteilung des NHM Wien damit, Pflanzen im Herbarium zu dokumentieren und für Forschung bereitzustellen. Mit circa 5,5 Millionen Belegen aus aller Welt ist sie eine der größten botanischen Sammlungen. Neben den Blütenpflanzen enthält sie Belege von Sporenpflanzen wie Farne, Laub-, Leber- und Hornmoose, aber auch von anderen Organismen wie Algen, Flechten und Pilze ( Anm.: im Kollektiv als Kryptogamen bezeichnet ).
Geburtsurkunde einer Art
Das Herbarium umfasst hauptsächlich Aufsammlungen aus dem 19. und 20. Jahrhundert sowie zehntausende Typusbelege, die eine Art „Geburtsurkunde“ für einen wissenschaftlichen Pflanzennamen sind. Meistens sind es gepresste und getrocknete Pflanzenteile, die auf starken Papierbögen fixiert werden. Herbarbelege zeigen die unterschiedlichen Merkmale verschiedener Arten und sind daher physische Dokumente der Biodiversität.
Die mit den Herbarbelegen assoziierten Daten dokumentieren Organismen in Bezug auf Raum und Zeit: Man notiert beim Sammeln eines Belegs den Fundort, Blüte- oder Fruchtzeit, Farbe oder Geruch sowie andere im Lebensraum vorkommende Pflanzenarten. Oft gibt es auch Informationen zu Sammlern und Sammlerinnen oder Expeditionen.
Weltweit enthalten Herbarien mehr als 400 Millionen Belege. Sie sind die Grundlage zum Beschreiben und Identifizieren von Arten, zum Kartieren ihres Vorkommens, zur Analyse der Artenzusammensetzung bestimmter Lebensräume und Erforschung der Evolutionsgeschichte, z. B. durch DNA-Analysen. Zudem zeigt die Information zu Blüte- und Fruchtzeiten, wie Pflanzen vom Klimawandel beeinflusst werden. Manche Herbarbelege erzählen Geschichten von abenteuerlichen Reisen, vom wirtschaftlichen und künstlerischen Interesse an diesen Pflanzen und wie sie die Forschung vorantreiben.
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