Je früher, desto besser
- 01.09.2025
- Palliativmedizin
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Von 3.150 Abstracts am ASCO Annual Meeting 2025 taucht bei 352 das Adjektiv „palliativ“ auf. Diese Arbeiten sind überwiegend supportiven Themen und palliativen Tumortherapien gewidmet. So möchte sich der Rezensent auf diejenigen Abstracts zurückziehen, die der im deutschen Sprachraum geläufigen Deutung des Terminus „palliativ“ entsprechen – hierbei wird die Auswahl des Erwähnenswerten recht übersichtlich.
Eine frühzeitige und schrittweise palliativmedizinische Intervention verbessert die Lebensqualität, senkt Kosten und verhindert unnötige Übertherapie am Lebensende.
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Alamin F et al. werteten 2,7 Millionen Todesbescheinigungen von Patient:innen mit Lungenkarzinomen aus.1 In den letzten zwei Jahrzehnten haben sich die Muster der Sterbeorte verändert. Die Zahl der Todesfälle in medizinischen Einrichtungen ist zurückgegangen, die Inanspruchnahme von Hospizen hat hingegen zugenommen (Krankenhäuser 37,2 vs. 24,6%; Hospizbetreuung 0,5 vs. 11,2%). Dennoch bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede beim Sterbeort zwischen den Bevölkerungsgruppen, beispielsweise versterben weiße Patient:innen zu 22,8% in Kliniken und schwarze Patient:innen zu 33,6%.Die Daten unterstreichen die Notwendigkeit gezielter Interventionen, um einen gleichberechtigten Zugang zu bevorzugten Pflegeeinrichtungen, einschließlich häuslicher Pflege und Hospizdiensten, zu gewährleisten.
Palliativmedizinische Einbindung senkt Kosten
Gaddam SJ et al. untersuchten den ökonomischen Effekt einer palliativen Mitbetreuung.2 Die Gruppe wertete die National Inpatient Sample von 2018 bis 2022 aus; dies sind Daten von 1,1 Millionen stationärer onkologischer Behandlungsfälle. Es zeigte sich, dass die Einbindung palliativmedizinischer Konsultationen bei Krebspatient:innen zu einer deutlichen Reduzierung der Inanspruchnahme des Gesundheitswesens und damit zu einer Kostensenkung führte. Eine flächendeckende strukturierte Einführung könnte dazu beitragen, potenziell 27.744 Krankenhaustage und 996,4 Millionen US-Dollar jährlich einzusparen, was erhebliche Möglichkeiten zur ökonomischen Optimierung des Gesundheitssystems bietet.
Immer mehr Patient:innen erhalten Palliativversorgung
Interessant ist die anhaltende Erforschung der Auswirkungen von Early Palliative Care, was seit der Publikation der Early-Palliative-Care-Studie von Jennifer Temel 2010 anhält. So untersuchten A. Olafimihan und Mitarbeitende die frühzeitige Inanspruchnahme einer palliativen Betreuung und deren Auswirkungen bei Patient:innen mit Kopf-Hals-Tumoren.3 Frauen erhielten häufiger (AOR: 1,11; 95%-KI: 1,04–1,19) eine Palliativversorgung als Männer (AOR: 1,11; 95%-KI: 1,04–1,19). Die Wahrscheinlichkeit, Palliativversorgung in Anspruch zu nehmen, war bei allen untersuchten ethnischen Gruppen ähnlich. Patient:innen in Lehrkrankenhäusern hatten gar eine um 46% höhere Wahrscheinlichkeit (AOR: 1,46; 95%-KI: 1,33–1,60), Palliativversorgung in Anspruch zu nehmen, als Patient:innen in Versorgungskrankenhäusern. Große Krankenhäuser veranlassten ebenfalls häufiger Palliativversorgung als kleine Krankenhäuser (AOR: 1,12; 95%-KI: 1,01–1,25).
Im Vergleich zu Patient:innen, die routinemäßig nach Hause entlassen wurden oder sich selbst versorgen konnten, erhielten diejenigen, die in Einrichtungen oder mit häuslicher Pflege entlassen wurden – also offensichtlich schwerer krank waren – viermal häufiger Palliativversorgung (AOR: 4,35; 95%-KI: 3,98–4,75). Auch diejenigen Patient:innen, die während des Krankenhausaufenthalts verstarben und eine höhere Symptomlast aufwiesen, nahmen häufiger Palliativversorgung in Anspruch.
Schrittweise Palliativversorgung ab Metastasierung
Mit dem Thema der Auswirkungen von Early Palliative Care auf das Gesamtüberleben haben sich Salas S et al. befasst.4 Ihre Real-World-Analyse an 85.192 Patient:innenfällen (darunter keine Palliative Care: 27.325; frühe Palliative Care: 29.016 und späte Palliative Care: 28.851) ergab erstaunlicherweise keinen Überlebensvorteil durch frühzeitige Palliativversorgung, was wahrscheinlich auf die klinische Fragilität dieser Patient:innen zurückzuführen ist. Eine frühzeitige Einbindung von Palliative Care würde eher auf eine fortgeschrittene Erkrankung hindeuten als auf einen direkten Überlebensvorteil durch die Palliativversorgung selbst.
Späte Palliativversorgung war mit der längsten Überlebenszeit verbunden, was die Notwendigkeit einer schrittweisen Palliativversorgung ab der diagnostizierten Metastasierung unterstreicht. Keine Palliativversorgung führte zu einer höheren Behandlungsintensität am Ende der Therapie, was das Überleben jedoch nicht verbesserte und auf eine mögliche unangemessene Übertherapie hindeutet.
Aggressive Therapien am Lebensende minimieren
Nach Daten von Bloomer C et al. von 1.114 Patient:innen mit Lungenkrebs, die mit Immuncheckinhibitoren behandelt wurden, war eine ambulante Palliative-Care-Betreuung unabhängig vom Alter oder Krankheitsstadium bei Diagnose mit einem verbesserten Gesamtüberleben verbunden.5 Die Analyse zeigte auch, dass Patient:innen, die begleitend palliativ betreut wurden, gegen Lebensende seltener Checkpointinhibitoren erhielten. Es ist mithin möglich, dass Palliative Care das Überleben verlängern kann, indem sie bewusst den ineffektiven Einsatz aggressiver Therapien am Lebensende verringert; damit decken sich die Ergebnisse mit den Befunden von Temel von 2010.
Die Gruppe um Jerves F et al. untersuchte die Verläufe von 700 Patient:innen (medianes Alter 62 Jahre, 54% weiblich, 92% mit fortgeschrittener Krebserkrankung), die eine begleitende supportive/palliative Betreuung (SPC) erhielten.6 Das Gesamtüberleben stieg ab Überweisung zur SPC im Laufe der Jahre signifikant an (medianes OS: 9,3 Monate im Jahr 2017, 31,7 Monate im Jahr 2021). Das mediane Gesamtüberleben betrug 19,1 Monate. Die mediane Anzahl der Konsultationen stieg von 3 im Jahr 2017 auf 7 im Jahr 2023 (p<0,001). Eine frühe Überweisung zur SPC erfolgte bei 72% (n=449) der Verstorbenen.
Dieser Trend unterstreicht, dass eine frühe SPC potenziell selbstverstärkend ist und eine zeitnahe longitudinale Versorgung im Verlauf der Krebserkrankung ermöglicht, insbesondere, da Patient:innen mit fortgeschrittenem Krebs länger leben.
Die Arbeit von Dhamija K et al. (Pittsburgh, USA) an 2020 Patient:innen mit metastasiertem Pankreaskarzinom zeigte ebenso, dass der Einsatz einer frühen Palliative Care aggressive Behandlungen am Lebensende, einschließlich Notaufnahmebesuchen sowie Krankenhaus- und Intensivstationsaufenthalten, reduzieren kann.7 Aufgrund des fortgeschrittenen Stadiums des Bauchspeicheldrüsenkrebses bei der Erstdiagnose wäre eine prinzipielle frühzeitige Integration der Palliativmedizin in die umfassende Krebstherapie von Vorteil, um die Lebensqualität der Patient:innen zu verbessern und gleichzeitig die Inanspruchnahme des Gesundheitswesens zu reduzieren, was sich wiederum ökonomisch positiv auswirkt.
Weniger stationäre Aufnahmen
Die Gruppe um Obomanu E und Kolleg:innen untersuchte an zwei ausgewogen verteilten Kohorten (jeweils n=13.991) mit Kolonkarzinomen den Effekt einer frühzeitigen palliativen Therapie.8 Die Kohorte mit Palliativversorgung war im Durchschnitt 75,8 Jahre alt und überwiegend weiß (58,7%), wobei 54,3% der Teilnehmer:innen männlich und 45,7% weiblich waren. Die Kohorte ohne Palliativversorgung war durchschnittlich 76,3 Jahre alt und überwiegend weiß (59,8%), wobei 53,8% der Teilnehmenden männlich und 46,2% weiblich waren. Im Vergleich zur Kohorte ohne Palliativversorgung wies die Palliativversorgungsgruppe ein signifikant geringeres Risiko für stationäre Aufnahmen (OR: 0,371; 95%-KI 0,333–0,413; p<0,001), Notaufnahmebesuche (OR: 0,342; 95%-KI 0,311–0,377; p<0,001) und Ambulanzkonsultationen (OR: 0,397; 95%-KI 0,357–0,441; p<0,001) auf.
Die Studie zeigte also, dass die frühzeitige Integration der Palliativversorgung bei Krankenhausaufenthalten wegen Kolorektalkarzinomen mit erheblichen Kosteneinsparungen verbunden ist. Diese Einsparungen werden durch die reduzierte Inanspruchnahme ressourcenintensiver Leistungen, einschließlich stationärer, ambulanter und Notaufnahmeaufnahmen, erzielt. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass sich Palliative Care positiv auf die finanzielle Nachhaltigkeit und Lebensqualität am Lebensende auswirken und die wirtschaftliche Belastung der Gesundheitssysteme und der Betroffenen verringern könnte.
Referenzen:
1Alamin F et al., J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 12030). DOI: 10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12030
2Gaddam SJ et al., J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 12031). DOI:10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12031
3Olafimihan A et al., J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 12058). DOI:10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12058
4Salas S et al., J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 1265). DOI:10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12065
5Bloomer C et al., J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 12082). DOI:10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12082
6Jerves F et al. J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 12088). DOI:10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12088
7Dhamija K et al., J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 12092). DOI:10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12092
8Obomanu E et al., J Clin Oncol 2025, 43 (suppl 16; abstr 12098). DOI:10.1200/JCO.2025.43.16_suppl.12098
Prof. Dr. Jens Papke ist Leiter des Facharztzentrums Ostsachsen MVZ GmbH, Neustadt/Sachsen, und Professor an der Westsächsische Hochschule Zwickau, Fakultät Gesundheits- und Pflegewissenschaften, Ressort Palliative Care.
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