Optimale Versorgung mit Psychotherapie in ländlichen Regionen – Lebenszufriedenheit und Arbeitsbedingungen von Psychotherapeut:innen
- Open Access
- 10.02.2026
- Psychiatrie
Zusammenfassung
Einleitung
Nur 33 % der Psychotherapeut:innen arbeiten außerhalb Wiens oder einer Landeshauptstadt, versorgen jedoch etwa zwei Drittel der Bevölkerung. In ländlichen Regionen besteht somit ein klarer Versorgungsmangel [1], auch wenn derzeit an einer flächendeckenden Kassenversorgung gearbeitet wird [2].
Im Rahmen einer systematischen Literaturrecherche zur Lebenszufriedenheit von Psychotherapeut:innen, die sowohl über elektronische Datenbanken als auch über einschlägige Fachzeitschriften erfolgte, wurden relevante Studien identifiziert: Eine bedeutende Vergleichsuntersuchung wurde von Reimer et al. [3] durchgeführt, in der die Lebensqualität ärztlicher und psychologischer Psychotherapeut:innen untersucht wurde. Der Schwerpunkt der Studie lag auf der Bewertung der Arbeits- und Einkommenszufriedenheit der beiden Berufsgruppen. Insgesamt äußerte sich die Mehrheit beider untersuchter Gruppen als mit ihrem Leben zufrieden. Die psychologischen Psychotherapeut:innen waren mit ihrer Arbeitssituation vergleichsweise zufriedener, und sie beurteilen die eigene gesundheitliche Verfassung teilweise positiver. Die Einkommenssituation war für beide Gruppen nicht zufriedenstellend. Viele fürchten künftig noch größeren bürokratischen Aufwand und finanzielle Verschlechterungen [3].
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Eine im Jahr 2010 durchgeführte Befragung zum Selbstfürsorgeverhalten von Psychotherapeut:innen in der Schweiz zeigte, dass für das subjektive Wohlbefinden insbesondere der Faktor „Soziales Selbst“ von zentraler Bedeutung ist, wobei die Unterdimensionen „Liebe und Freundschaft“ besonders hervorgehoben wurden [4]. Die Förderung und Pflege sozialer Kontakte wurden dabei als wesentliche Bestandteile psychotherapeutischer Tätigkeit beschrieben [4]. Daraus lässt sich ableiten, dass diese beruflich erworbenen Kompetenzen auch im privaten Bereich wirksam werden können. Diese Annahme steht im Einklang mit den Ergebnissen von Norcross und Guy [5], die berichteten, dass Therapeutinnen [sic!] aufgrund ihrer beruflichen Tätigkeit über eine verbesserte Beziehungsfähigkeit verfügen. Darüber hinaus wurde festgestellt, dass selbstständig tätige Psychotherapeut:innen ein höheres Wohlbefinden aufweisen als angestellte Kolleg:innen [4].
Um den Bedarf, die Bedürfnisse und die Nachfrage genauer zu erfassen, wurde eine Beobachtungsstudie durchgeführt, die eine Befragung von Psychotherapeut:innen umfasste und zwischen März 2024 und Juni 2025 durchgeführt wurde.
Soziodemografische Daten der Stichprobe
Das Durchschnittsalter beträgt 55 Jahre im Median, wobei die Altersspanne in der Stichprobe von 38 bis 72 Jahren reicht. Hinsichtlich des Geschlechts sind 74,5 % der Teilnehmenden weiblich und 25,5 % männlich. Die Mehrheit der Psychotherapeut:innen haben einen Masterabschluss (65,5 %), 18,2 % besitzen einen Bachelorabschluss. Zum Familienstand: 70,9 % sind verheiratet, 14,5 % ledig, 9,1 % geschieden, 3,6 % getrennt lebend, 1,8 % verwitwet. Von den Teilnehmenden haben 78,2 % Kinder, 21,8 % haben keine Kinder.
Die Psychotherapeut:innen sind im Median seit 14 Jahren psychotherapeutisch tätig, wobei das Minimum 2 Jahre und das Maximum 35 Jahre beträgt. Etwas mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer:innen hat im Fachspezifikum eine humanistische Orientierung absolviert. Von den an der Umfrage teilnehmenden Psychotherapeut:innen ist der ursprüngliche Beruf vor der Ausbildung zum/zur Psychotherapeut:in bei 9,1 % „Klinische Psycholog:in“ und bei 12,7 % „Klinische Psycholog:in und Gesundheitspsycholog:in“, weitere 9,1 % stammen aus dem medizinischen Bereich. Die Kategorie „sonstiger Quellberuf“ umfasst 25,5 % aus dem pädagogischen Bereich.
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Resultate zur Lebenszufriedenheit von Psychotherapeut:innen
Das Ergebnis zur Frage, ob es einen Unterschied gibt in der Lebenszufriedenheit von Psychotherapeut:innen in Österreich, die ausschließlich in der eigenen Praxis, und jenen, die in eigener Praxis und in einer Institution tätig sind, ist statistisch nicht signifikant. Von den Psychotherapeut:innen, die in beiden Settings tätig sind, bewerten 86,9 % ihre derzeitige Lebenszufriedenheit mit „sehr zufrieden“ bzw. „zufrieden“, bei den Psychotherapeut:innen, die ausschließlich in eigener Praxis tätig sind, lag der entsprechende Anteil bei 78,2 %.
Die Psychotherapeut:innen beider Vergleichsgruppen sind relativ zufrieden mit ihrem aktuellen Leben
Dies zeigt der Mittelwert von 4,22 bei in beidem tätig bzw. 4,06 bei ausschließlich in eigener Praxis tätig (5 = sehr zufrieden, 1 = gar nicht zufrieden). Die Psychotherapeut:innen, die an der Studie teilgenommen haben, würden ihren aktuellen Beruf als Psychotherapeut:in wieder wählen bzw. ergreifen.
Es zeigt sich, dass die Bereiche soziale Kontakte und Familie/Partnerschaft wesentlich zur Lebenszufriedenheit von Psychotherapeut:innen beitragen.
Rahmenbedingungen
Die Untersuchung ging weiters von der Hypothese aus, dass sich die Lebenszufriedenheit der Psychotherapeut:innen erhöht, wenn die Rahmenbedingungen in der eigenen Praxis – wie finanzielles Einkommen, Stundenanzahl der Berufstätigkeit/Patient:innenarbeit pro Woche, Intervision, Supervision, berufliches Netzwerk, Zuweisung zur psychotherapeutischen Behandlung, Fortbildungen in der psychotherapeutischen Arbeit – zufriedenstellend sind.
Rahmenbedingungen wie finanzielles Einkommen in freier Praxis, eine angemessene Patient:innenanzahl pro Woche sowie ein berufliches Netzwerk in der psychotherapeutischen Arbeit erhöhen signifikant die Lebenszufriedenheit der Psychotherapeut:innen.
Jene Psychotherapeut:innen, die in beiden Settings tätig sind, sind öfter mit dem Einkommen in der eigenen Praxis sehr zufrieden bzw. zufrieden als Psychotherapeut:innen, die ausschließlich in der eigenen Praxis tätig sind. Das Selbstzahlerhonorar in der Praxis beträgt bei den befragten Psychotherapeut:innen durchschnittlich 93,91 € pro Sitzung, wenn sie ausschließlich in der Praxis arbeiten, und durchschnittlich 94,35 € pro Sitzung, wenn sie in eigener Praxis und in einer Institution arbeiten.
Ein überwiegender Anteil der Psychotherapeut:innen, die 16 bis 20 Patient:innen pro Woche behandeln, sind mit ihrer derzeitigen Situation sehr zufrieden bzw. zufrieden, bei 21 bis 25 Patient:innen pro Woche ist die Zufriedenheit ebenfalls gegeben.
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Netzwerk
Das berufliche Netzwerk der befragten Psychotherapeut:innen setzt sich vor allem aus Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen und Fachärzt:innen für Allgemeinmedizin und Familienmedizin/Hausärzt:innen zusammen. Auch Ärzt:innen anderer Fachrichtungen, Sozialarbeiter:innen, klinische Psycholog:innen und Rehakliniken wurden häufiger genannt.
Das berufliche Netzwerk bewerten 15,6 % der ausschließlich in der eigenen Praxis Tätigen mit wenig zufrieden oder gar nicht zufrieden, bei jenen, die in eigener Praxis und einer Institution arbeiten, sind dies 13,1 %.
Von den ausschließlich in der eigenen Praxis Tätigen bewerten 21,9 % die Zuweisung von Patient:innen in die eigene Praxis mit wenig zufrieden oder gar nicht zufrieden, bei jenen, die in eigener Praxis und einer Institution arbeiten, sind es 13,0 %.
Fallbeispiele
Im persönlichen Interview mit Psychotherapeut:innen wurde beispielsweise auf die offene Frage „Wie sollte der Zugang der Zuweisung von Patient:innen an Psychotherapeut:innen aussehen?“ wie folgt geantwortet:
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„Am einfachsten wär, dass man jeden Klienten finanzieren kann und sich nicht immer Gedanken machen muss, wo die jetzt hineinfallen in welche Finanzierung, besonders für Klienten, die sich das selber nicht leisten können“Psychotherapeut:innen würden die klare Regelung der Finanzierung von Psychotherapie für die Klient:innen als sehr hilfreich erleben.
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Auf die offene Frage „Wenn Ärzt:innen und Rehakliniken zur psychotherapeutischen Behandlung in die eigene Praxis zuweisen“: Bitte geben Sie an, welche Fachrichtungen von Ärzt:innen und Rehakliniken weisen zu?
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„wurden am häufigsten Hausärzt:innen und Psychiater:innen genannt. Zuweisungen durch Reha-Institutionen, Psychiatrien, Fachärzt:innen im Allgemeinen sowie Krankenhäuser sind deutlich weniger häufig.“
Eine weitere offene Frage aus dem Interview „Was mögen Sie an Ihrem Beruf als Psychotherapeutin?“
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„dass es etwas Nachhaltiges ist, was dem Menschen auch längerfristig helfen soll, dass man eben Stabilität anbietet“Psychotherapeut:innen erleben ihre Arbeit als nachhaltig, was dem Menschen längerfristig helfen kann, auch Stabilität kann hilfreich sein, die angeboten wird.
Diskussion
Welche Schlussfolgerungen lassen sich für die psychotherapeutische Versorgung ziehen, wo ist nun Verbesserungsbedarf gegeben?
Die Förderung der Rahmenbedingungen und der Aufbau von Strukturen sind für eine gute und effiziente Gesundheitsversorgung unerlässlich, das gilt auch für die Psychotherapie. Zufriedenstellende Rahmenbedingungen für die psychotherapeutische Behandlung in der Praxis erhöhen nach dieser Studie die Lebens- und Berufszufriedenheit von Psychotherapeut:innen deutlich.
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Gute soziale Kontakte und Beziehungen in Familie oder Partnerschaft fördern die Lebenszufriedenheit
Größere Gemeinschaftspraxen mit verschiedenen Berufsgruppen zur Behandlung psychischer Erkrankungen könnten auch das soziale Miteinander fördern und die psychotherapeutische Versorgung verbessern.
Psychotherapeut:innen, die sowohl in eigener Praxis als auch in einer Einrichtung arbeiten, schätzen ihre aktuelle Lebenszufriedenheit etwas positiver ein. Dies könnte daran liegen, dass diejenigen, die in beiden Settings arbeiten, die sicheren Rahmenbedingungen als wertvoll erleben.
Mit dem höchsten Maß an perfektem Leben und ausgezeichneter Arbeitszufriedenheit von Psychotherapeut:innen korrelieren 16 bis 20 Patient:innen pro Woche in einer Privatpraxis, aber auch bei 21 bis 25 Patienten pro Woche zeigt sich eine gute Zufriedenheit.
Die Zuweisungspraxis von Ärzt:innen und Kliniken könnte optimiert werden, z. B. durch eine bessere berufliche Vernetzung, durch einen höheren Bekanntheitsgrad von Institutionen (Kliniken, Haus- und Facharztpraxen etc.) und niedergelassenen Psychotherapeut:innen. Auch ein fundierter Indikationsprozess und die Einrichtung geeigneter Strukturen für solche Vorbehandlungsmaßnahmen könnten die Zuweisungspraxis verbessern. Der Vernetzungsgedanke mit den Versorgungsstrukturen ist essentiell. Eine gute Vernetzung mit der Versorgungspsychiatrie kann den Wunsch nach Zuweisenden und einen hilfreichen Austausch (z. B. im Rahmen von Expertenkonferenzen, etc.) verbessern, und damit könnte im Endeffekt auch der Bedarf besser gedeckt werden.
Fazit für die Praxis
Besonders wichtig und in einigen Fällen verbesserungsbedürftig sind die Rahmenbedingungen für Psychotherapie in der eigenen Praxis, z. B.
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angemessene Honorare
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ausreichende Patient:innenzahl pro Woche
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professionelles Netzwerk
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Überweisung zur psychotherapeutischen Behandlung und Behandlungsnetz
Einhaltung ethischer Richtlinien
Interessenkonflikt
E. Mayr, G. Riess, J. Alexopoulos und H. Löffler-Stastka geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.
Für diesen Beitrag wurden von den Autor/-innen keine Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort angegebenen ethischen Richtlinien.
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