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Ärzte Woche

20.10.2017 | Onkologie und Hämatologie | Ausgabe 43/2017

Lieben, lachen, lernen, laufen

Autor:
Katja Uccusic-Indra

Es sind keine radikalen Tipps, die der Onkologe Heinz Ludwig in seinem neuen Buch „Richtig leben, länger leben“ zum Besten gibt – weniger essen, dafür öfter lachen, Freunde treffen und sich bewegen. Doch der erfahrene Mediziner verpackt seinen Ratgeber in Patientengeschichten und geht der Frage nach, warum es so schwer ist, den Lebensstil zu ändern. Für Patienten und Ärzte.

Fünf bis sieben Jahre länger leben – das verspricht der Krebsforscher Heinz Ludwig in seinem neuen Buch „Richtig leben, länger leben“. Ludwig, 69, emeritierter Leiter der ersten medizinischen Abteilung, Zentrum für Onkologie und Hämatologie am Wiener Wilhelminenspital, gibt darin Tipps, wie man länger gesund bleibt. Er bezeichnet seine Methode als Fünf-L-Prinzip: lieben, lachen, lernen, laufen, leichter essen.

Mit lieben meint Ludwig nicht nur die Beziehung zu Partner und Familie, sondern auch, wie wichtig es ist, einen Freundeskreis zu haben. Der Onkologe beschreibt in seinem Buch zwei Fälle, die diese These untermauern sollen:

- Bei Maria Alwara, einer alleinerziehenden 40-jährigen Frau, wurde ein Mammakarzinom mit Knochenmetastasen diagnostiziert, als ihre Tochter noch zur Schule ging. Alwara wollte es genau wissen: „Wie lange habe ich noch?“ Krebsforscher Ludwig antwortete: „Ihre durchschnittliche Lebenserwartung beträgt drei bis vier Jahre“. „In sechs Jahren maturiert Sophie, so lange muss ich durchhalten“, erklärte Maria Alwara. Sie erhielt eine Hormontherapie und sprach gut darauf an. Als ihre Tochter die Matura schaffte, erklärte sie Ludwig, sie wolle noch bis zur Sponsion ihrer Tochter durchhalten. Sophie studierte in der Mindeststudienzeit Biologie und Philosophie. Ludwig erhielt eine Einladung zu ihrer Sponsion, wo er die junge Frau und ihren Freund kennenlernte. „Ein hübsches Paar“, sagte Maria Alwara zu ihm. Beide lachten und wussten, dass sich die Patientin das nächste Ziel gesetzt hatte: die Hochzeit ihrer Tochter zu erleben. Heinz Ludwig schreibt in seinem Buch: „Maria Alwara hat sich eine Menge Lebensziele gesetzt, geprägt von ihrer Liebe und dem starken Gefühl, gebraucht zu werden.“

- Der Fall seines Patienten Robert Tuch verlief ganz anders. Tuch war ein österreichischer Geschäftsmann, der in den USA Karriere gemacht hatte. Er hatte ein gutes, aufregendes Leben geführt und bereute nichts. Bei Tuch wurde schließlich ein Dickdarm-Karzinom mit Metastasen in der Leber diagnostiziert. Der Geschäftsmann kehrte nach Wien zurück und ließ sich hier von Heinz Ludwig behandeln. Er bekam eine Chemo-Immuntherapie. Eine Metastase in der Wirbelsäule begann nach anfänglicher erfolgreicher Strahlentherapie wieder zu wachsen und ihn zu schmerzen. Es wurde ein Katheder ins Rückenmark gesetzt, um eine Opioid-Therapie einzuleiten. „Ich bin nicht mehr der, der ich war. Ich bin allein, vor mir liegt nichts, auf das ich mich freuen könnte“, erklärte Tuch seinem Arzt: „Es wäre hilfreich gewesen, wenn es ein paar mehr Menschen gäbe, von denen ich mich jetzt verabschieden könnte. Aber dann wäre das hier vielleicht ohnedies anders gelaufen“. Ludwig schreibt in seinem Buch, dass die beiden Fälle Beispiele für die Bedeutung unserer Integration in ein soziales Netzwerk, für den Wert enger menschlicher Beziehungen und für die Tragweite des Liebens sowie des Wahrgenommen- und Geliebtwerdens sind. „Beide Schicksale stehen für eines der fünf Dinge, die ich nenne, die den Fortbestand ihrer Gesundheit selbst in die Hand nehmen und nach Kräften dazu beitragen wollen“, sagt der Onkologe.

Lass die Sonne in dein Herz

Der zweite Punkt seiner Fünf-L-Philosophie ist „Lachen“. Damit meint Ludwig, dass man sich statt auf das Negative auf das Positive fokussieren soll: Auch in schwierigen Zeiten kann man versuchen, sich auf die Sonne am Himmel und nicht auf die dicke Wolkendecke zu konzentrieren. Ludwig schlägt vor, dass man sich jeden Tag in der Früh überlegen soll, worauf man sich freut. Er bringt als Beispiel eine Studie der European Society of Cardiology, die sagt, dass das Lachen die Blutgefäße erweitert und den Blutfluss verbessert. Die Forscher ließen die Teilnehmer entweder eine Komödie oder ein Drama ansehen. Bei 300 Untersuchungen zeigten sich Unterschiede im Durchmesser der Gefäße von 30 bis 50 Prozent zwischen den Personen, die bei dem lustigen Film häufig gelacht hatten, und jenen, die der spannende Film in Stress versetzt hatte. Lachen hat demnach ungefähr den gleichen Effekt wie Aerobic-Übungen oder der Einsatz von Cholesterin-Senkern. Es sei möglich, dass regelmäßiges Lachen als Bestandteil eines gesunden Lebensstils Herzerkrankungen vorbeuge, so Ludwig.

Beim dritten L, dem Lernen, empfiehlt der Onkologe, es hohen Würdenträgern oder Spitzenpolitikern gleichzutun, die oft bis ins hohe Alter geistig aktiv sind. Denn diese Menschen seien meist auch zu erstaunlichen körperlichen Leistungen fähig, etwa Bergwandern oder Skifahren. Am Nachdenken hindere uns oft unsere geistige Trägheit, so Ludwig. "Nehmen Sie die Sorge älterer Menschen vor möglicher Überforderung durch moderne Technologien, die oft einen Kauf hinauszögert. Wir kennen dann das angenehme Gefühl, wenn wir etwas durchschaut haben."

Ludwig selbst beschäftigt sich nach eigener Aussage zwei Stunden täglich mit den neuesten Entwicklungen in seinem Fachgebiet und anderen medizinischen Bereichen. Seine Arbeit begeistere ihn stets aufs Neue, sagt er. Mit Lernen meint Ludwig auch, sich selbst zu reflektieren. Er empfiehlt, sich folgende Fragen zu stellen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Passt mein Leben noch zu meinen Ideen davon? Ist es Zeit, etwas zu ändern?

Eine Runde Nordic Walking

Das vierte L – Laufen – steht für die körperliche Aktivität. Statt jeden Abend vor dem Fernsehgerät zu verbringen, könnte man es zum Beispiel mit einer Runde Nordic Walking oder Radfahren versuchen. Auch in eine 40-Stunden-Woche lässt sich mehr Bewegung einbauen, etwa Stiegen steigen statt den Aufzug nehmen oder mit dem Rad zur Arbeit fahren. Auch Heinz Ludwig fährt täglich mit dem Fahrrad ins Spital.

Zumindest drei mal pro Woche sollte man eine halbe Stunde körperlich aktiv sein. Der Puls sollte auf eine Höhe angehoben werden, die sich aus der Zahl 180 minus dem Alter errechnet – also bei einem 50-Jährigen auf 130 Herzschläge pro Minute. So beugt man nicht nur Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor. Studien haben gezeigt, dass bei Menschen, die regelmäßig trainieren, das Risiko, an Krebs zu erkranken, um bis zu 25 Prozent sinkt, schreibt Ludwig in seinem Buch. Dass Hochleistungssportlerinnen seltener an Brustkrebs erkranken als andere Frauen, ist bekannt. Aber auch Krebspatienten, die körperlich intensiv trainieren, überwinden die Belastungen einer hoch dosierten Chemotherapie besser, wie Untersuchungen zeigen. Sie haben weniger Nebenwirkungen, weniger Übelkeit, weniger Infektionen, benötigen weniger Antibiotika und können in der Regel etwas früher entlassen werden.

Auf der Onkologie im Wilhelminenspital gibt es Fahrradergometer, die die Patienten während eines stationären Aufenthalts nutzen können.

Gusto gefährdet Gesundheit

Auch leichter essen – das fünfte L – befolgt der Autor selbst, stellt sich jedoch die Frage, wieso es uns so schwerfällt, unsere Ernährungsgewohnheiten umzustellen. Ludwig bringt ein anschauliches Beispiel: Ein Erwachsener braucht 2.400 Kalorien täglich. Wenn man zum Frühstück zwei Brote mit Butter und Marmelade isst, kommt man schnell in die Nähe von 1.000 Kalorien, ohne dass Getränke wie gesüßter Kaffee, ein Glas Milch, Kakao oder Fruchtsaft miteingerechnet sind. Eine Portion Tiramisu hat zehn Mal so viele Kalorien wie ein Teller Ratatouille: Wir lassen den Gusto entscheiden, was auf die Dauer selbst gefährdend ist, warnt Ludwig. Es macht einen großen Unterschied, ob unser Herz 70 oder 120 Kilogramm Körpergewicht versorgen muss, sagt der Spezialist. Ihm selbst ist ein deutlich älterer Kollege Vorbild, der schon vor Jahrzehnten aufs Mittagessen verzichtet hat, keinen Alkohol und viel Tee trank. Dieser Internist sei seiner Zeit voraus gewesen, er wurde 96 Jahre und arbeitete bis ins hohe Alter als Arzt.

Essen verschafft eine einfache Form von Befriedigung. Die Menschen freuen sich meist aufs nächste Essen und essen gerne. Doch egal, was wir essen: Wenn wir zu viel wiegen, sollten wir weniger davon essen, lautet Ludwigs Credo.

Obwohl sich das Wissen um die Risiken der falschen Ernährung in den vergangenen Jahrzehnten herumgesprochen hat, sind wir von einer Ernährungsumstellung oder einer Reduktion unseres Nahrungsmittelkonsums weit entfernt, schreibt Ludwig weiter. Der Professor empfiehlt, sich Alternativen zu suchen. Statt beim Essen Entspannung zu suchen sollte man sich sonstigen Genuss gönnen: Lesen, Musik hören, Sport, Freunde treffen, Massage, raus in die Natur – es zahlt sich aus.

Heinz Ludwigs neues Buch ist nicht nur Ärzten zu empfehlen. Durch die zahlreichen anschaulichen Beispiele, die der Onkologe in seinem Buch bringt, ist es auch eine spannende Lektüre für Menschen, denen ihr eigenes Wohlbefinden und das Thema Gesundheit im Allgemeinen am Herzen liegt.

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