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Open Access 10.10.2022 | Neuzeit

Himmel oder Hölle?

verfasst von: Annabella Khom

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Theoretischer Ausgangspunkt der aktuellen Ausstellung im KHM ist  der Wettstreit unter Künstlern. Wichtig ist das Vorankommen durch Nachahmung, Wetteifern, das Übertreffen der anderen und, im besten Fall, das Wachstum durch Zusammenarbeit.

Wie sehr sich das Prinzip des Wettstreits in der Frühen Neuzeit für Künstler maßgeblich durchsetzte, offenbart das zentrale Kapitel zur Renaissance deutlich. In diversen Konfrontationen treten Malergenies des 16. und frühen 17. Jahrhunderts gegeneinander an.

Rubens kopierte Michelangelo

Allen voran schreitet der „göttliche“ Michelangelo als das Vorbild schlechthin, an dem sich Zeitgenossen und auch spätere Kollegen maßen. Beispielsweise stehen zwei Darstellungen der Entführung des Ganymed in direktem Vergleich: Rubens kopierte Michelangelo in seiner Version zwar nicht, griff aber auf dessen bekannte Vorlage zurück. In der Sonderschau Idole und Rivalen geht das Kunsthistorische Museum der Konkurrenz als Triebkraft der Kunst nach.

Tier oder sogar Mensch?

Die entscheidende Frage lautete: Wer schafft es, einen Gegenstand derart naturgetreu darzustellen, dass er Tier und sogar Mensch täuschen könne? Dem griechischen Maler Zeuxis gelang es mit gemalten Weintrauben in einem Bild, tatsächlich Vögel anzulocken. Sein Kollege – und Konkurrent – Parrhasios hingegen schuf einen so echt anmutenden Vorhang, dass Zeuxis darauf hereinfiel und versuchte, diesen wegzuziehen. Zahlreiche amüsante Anekdoten wie diese wurden vom römischen Autor Plinius dem Älteren überliefert. Seit der Renaissance nahmen viele Künstler Bezug auf diese Geschichte – die Antike galt als das Vorbild non plus ultra.

Caravaggio und Barockstar-Emojis

Idole & Rivalen beweist, dass auch rein wissenschaftliche Ideen und stärkste Insiderkämpfe unter Künstlern ein partizipatives Thema sind, verbindbar mit dem aktuellen Drang, auf Social-Media-Plattformen in Dauerkonkurrenz zu treten. Was bei der Caravaggio-Schau mit den Barockstar-Emojis begann, geht nun zur Aufforderung über, das schönste aller Kunstwerke zu küren oder auch die Gewinner einer Konkurrenz abzuwählen. Dass künstlerisches Konkurrenzdenken keineswegs eine spezielle Eigenheit von Castingshowformaten ist, zeigt Idole & Rivalen bis 08. Jänner 2023 in der Gemäldegalerie. Hier werden Konfrontationen von der Antike bis in die Zeit um 1800 nachgezeichnet und gibt es große Namen wie Dürer, da Vinci oder Michelangelo zu bestaunen. Echt, zu BESTAUNEN.

Paragone: Wettstreit der Künste

Zu diesem Künstlerbewerb kam auch der Wettstreit der einzelnen Künste hinzu: „Paragone“ beschreibt die Konkurrenz zwischen Malerei und Bildhauerei. Als Paragone (it.: Vergleich, Gegenüberstellung; verkürzt aus paragone delle arti) wird in der Kunstgeschichte der „Wettstreit der Künste“ vornehmlich in der Renaissance und im Frühbarock bezeichnet. Dabei ging es um die Vorrangstellung innerhalb der bildenden Künste und um das Verhältnis der Bildkünste zu anderen Schönen Künsten wie der Dichtkunst. In der sehr beladenen Ausstellung wetteifern die Kunstwerke selbst auch miteinander und heischen um Aufmerksamkeit: Tizian! Tintoretto! Van Dyck!

Voting, Wettbewerb, juhu!

Ganz offensichtlich bemüht man sich bei der Konzeption der Schau – die auf einer Idee von KHM-Generaldirektorin Sabine Haag beruht – mit aller Kraft, ein doch sehr trockenes Thema spielerisch aufzulockern. Dies geschieht durch interaktive Voting-Stationen, bei denen das Publikum durch Scannen des QR-Codes am Eintrittsticket bei manchen Kunstwerken abstimmen darf: Welche Amazone ist die schönste? Welches Porträt übertrifft die Konkurrenz? Eine nette Idee, die mit poppigen Putten (HFA-Studio) auch online gestaltet wurde und neue Zielgruppen ansprechen könnte. Ein anderer Versuch „mit Augenzwinkern“ wirkt hingegen fehl am Platz: In einem Kabinett läuft eine Doku des britischen Tierfilmers David Attenborough. Auch wenn es um Wettstreit in der Fauna geht, fragt man sich: Warum hier? Eingefleischte Kunstgeschichte-Fans sind gewiss hingerissen.

Kunstbanausen ebenso!

Metadaten
Titel
Himmel oder Hölle?
Schlagwörter
Neuzeit
Antike
Publikationsdatum
10.10.2022

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